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Vorschläge, der ärztlichen Unterversorgung auf dem Lande beizukommen, gab es schon früher

Wenn der Lehrer das Klistier setzt

Wenn die Fachleute recht behalten, wird es, früher oder später, immer weniger Dorfärzte geben. In manchen Gegenden Deutschlands wird heute schon händeringend nach Nachfolgern für die verwaisten Landarztpraxen gesucht. In Schaumburg ist noch alles im grünen Bereich. Laut Kassenärztlicher Vereinigung wird es hierzulande auf Jahre hinaus keine medizinische Unterversorgung geben. Die Region sei mit ihren mehr als 100 Hausärzten und einer ebenso großen Zahl an Fachkollegen – auch außerhalb der Städte – überdurchschnittlich gut versorgt.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Wenn es trotzdem eines Tages knapp werden sollte, hilft möglicherweise ein Blick in die Akten des Bückeburger Staatsarchivs. Darin kann man eine ganze Menge Klagen und Vorschläge zum Problem „ärztliche Unterversorgung auf dem Lande“ nachlesen. Schließlich ist das Ganze kein Thema der Neuzeit. Im Gegenteil. Über Jahrhunderte hinweg war das platte Schaumburger Land komplett „praxisfrei“. Bis Ende des Mittelalters konnten schmerzgeplagte Dorfbewohner, wenn überhaupt, nur die Dienste von Badern, Quacksalbern und umherziehenden Feldscheren (kriegserprobte Wundsanitäter) in Anspruch nehmen. Später bestand – zumindest theoretisch – die Möglichkeit, sich an einen der sich nach und nach in den Städten niederlassenden Examensärzte zu wenden. Doch so viel „Aufhebens“ war der überwiegend armen und lange Zeit rechtlosen Landbevölkerung hinein fremd. Eine grundlegende Änderung der Verhältnisse setzte erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der zunehmenden Ansiedlung von Dorfpraxen ein.

Eine der wenigen Initiativen zur Verbesserung der medizinischen Versorgung der Landbevölkerung aus der Zeit davor gab es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Damals nahm sich der Präsident des schaumburg-lippischen Collegiums medicum, Professor Dr. Georg Carl Hillefeld, des Themas an. Hillefeld war nicht nur als Chef der für medizinische und sanitäre Angelegenheiten zuständigen Aufsichtsbehörde des Landes, sondern auch als Hof- und Leib-Medicus des aufgeklärten Grafen Wilhelm (Regierungszeit 1748 bis 1777) ein einflussreicher Mann. Als wesentliche Ursache der Misere sah er das Defizit an persönlichen Kontakten zwischen Land-Patient und Stadt-Arzt an.

„Vielen Kranken auf dem Lande fehlet es an dem Vermögen und noch mehr an dem Willen, einen Arzt aufzusuchen oder holen zu lassen“, heißt es in einem 1774 von Hillefeld abgefassten Bericht. Stattdessen schickten sie (die Kranken) einen Boten zum Arzt, „der selbigem den Urin des Kranken zeiget, allenfalls dessen Umstände erzählen kann und nichts weniger als geschickt ist, von dessen Zustande einen genauen Bericht ertheilen zu können“.

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Bei seinen Vorschlägen bezog sich Hillefeld nicht zuletzt auf den damals bekannten Schweizer Arzt Simon-Auguste Tissot (1728-1797) und dessen „Anleitung für das Landvolk in Absicht auf seine Gesundheit“.

Angesichts solcher Verhältnisse hielt es der Ärzte-Präsident für dringend geboten, medizinisches Hilfspersonal auszubilden und einzusetzen, „sodaß auf jedem Dorfe jemand sein möge, der imstande wäre, die wahren Umstände eines Kranken durch zweckmäßiges Fragen, durch Ansehung der Zunge und des Urins und durch Befühlen des Pulses auszuforschen und einen umständlichen (ausführlichen) Bericht an den Arzt abzustatten“.

Zur Durchführung dieser Aufgabe schien Hillefeld insbesondere der Lehrerstand geeignet. „Ohnstreitig würden die Schulbediensteten dieses Geschäfte am füglichsten übernehmen können, und es würde nicht schwer sein, selbige durch einen kurzen Unterricht, etwa nach Maßgabe des 30. Kapitels von Tissots ,Anleitung für das Landvolk‘ dazu anzuweisen“. Vielleicht sei es ja sogar möglich, den Dorfpädagogen „die Kunst, Ader zu lassen und ein Lavement (= Klistier) zu setzen, beizubringen“. Dadurch „würden zwei der wichtigsten Hilfsmittel, von deren schleuniger Anwendung bei Erstickung, Schlagfluß (Schlaganfall), Kolik, Blutstürzung und anderen jähligen Krankheiten die Rettung des Kranken oft einzig abhängt, in ihren Händen sein“.

Als Ergebnis seiner Betrachtungen stellte Hillefeld die Forderung in den Raum, dass „einem jeden, der einen Schuldienst verlanget, zur Pflicht gemacht werde, sich vor Antretung desselben einige Monate in einer Stadt aufzuhalten, wo ihm dann ein Feldscher im Aderlassen, Klystier setzen, Zugpflaster legen u. dergl. Anweisung geben und ein Arzt ihm die einheimischen Arzneigewächse zeigen und von deren Heilkräften in zweckmäßiger Anwendung ihm Unterricht ertheilen könnte“.

Über die Reaktion der heimischen Dorfschullehrer ist wenig bekannt. Die Begeisterung dürfte sich in engen Grenzen gehalten haben. Jedenfalls wurde aus Hillefelds Plan nichts. Allerdings waren ihm selbst mittlerweile Zweifel hinsichtlich der praktischen Umsetzbarkeit seines Vorschlags gekommen. Er sei nicht ganz sicher, „ob sich die Schul-Bedienten, ohne Versäumung ihres Amtes und ohne Erschöpfung ihres Vermögens“ das für die medizinische Nebentätigkeit erforderliche Geschick hätten, gab er in einem Zwischenbericht zu Protokoll. Es scheine ihm „fast unmöglich, Leuten, deren Verstand durch keinerlei Wissenschaft kultivirt ist, dergleichen wichtige Kenntnisse beizubringen“. Bekanntlich müsse selbst „das schlechteste Handwerk wie einen Schuh flicken oder ein altes Stück Leder ausbessern“ erst erlernt werden. Wie solle da „ein einsichtsloser Schulmeister imstande sein, den baufällig gewordenen Körper eines Nebenmenschen wiederherzustellen“.

Der „Aderlass“ (Blutentnahme) war ein seit alters her bekanntes und ins 19. Jahrhundert übliches Heilverfahren – hier eine mittelalterliche Holzschnittdarstellung „Aderlass in der Badstube“.




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