weather-image
13°
Bei der Sommeruni: Rintelner Wissenschaftlerin Dr. Astrid Böger forscht an intelligenter Kleidung

Wenn der Hut vielleicht klüger ist als der Kopf

Rinteln (ur). Eines der wohl ungewöhnlichsten universitären Forschungsfelder stellt bei der Sommeruni 2008, die am 12. Juli beginnt, wohl die seit einigen Jahren in Rinteln lebende Informationswissenschaftlerin Dr. Astrid Böger vor.

0000492196.jpg

Die engagierte junge Frau, die trotz ihrer Haarfarbe sicher niemanden zu Blondinenwitzen herausfordert, kommt aus Berlin-Friedrichshain, promovierte an der Privatuniversität Witten-Herdecke, setzte ihre berufliche Laufbahn in Brüssel, Bochum und Madrid fort und landete schließlich im Entwicklungsbereich der Steilmann-Textilgruppe, die sich mit Konzepten für "intelligente Kleidung" beschäftigt. In diesem Zusammenhang ergab sich auch eine enge Zusammenarbeit mit dem international renommierten MIT, dem Massachusetts Institut of Technology. Das Unternehmen klinkte sich mit seinem Forschungsinstitut an der Uni Cottbus an - und so erhielt Astrid Böger dann auch einen Ruf als Juniorprofessorin. "Der Liebe wegen" wurde sie zur Wochenend-Rintelnerin - auch um zusätzlichen familiären Rückhalt zu haben für die Betreuung ihres inzwischen fünfjährigen Kindes, das an einer Entwicklungsverzögerung leidet. "Als ich merkte, dass ich meiner Tochter in dieser Problematik neben dem Beruf nicht gerecht werden konnte, habe ich von meiner Elternzeit Gebrauch gemacht - die allerdings zum September ausläuft. Ich werde dann verstärkt an meiner Evaluierung arbeiten müssen, um meine Hochschullaufbahn nach der Juniorprofessur fortsetzen zu können", skizziert die Wissenschaftlerin ihre weiteren Pläne, für die sie sich immerhin auf die aufgeschlossene Haltung ihres Ehemanns und der Familie stützen kann. Intelligente Kleidung - das ist eine realistische Zukunftsvision, die ihren Ausgang, wie so vieles in der anwendungsorientierten Hightech-Forschung, im militärischen Bereich nahm. Der "moderne Soldat" zieht eben nicht mehr mit Funkgerät und Kompass in die Schlacht, beschwert sich nicht mehr mit externen Steuergeräten und Kommunikationsanlagen, sondern hat all dies integriert in seinen Kampfanzug - bis hin zu der Möglichkeit, bei Verletzungen an der Front im Befehlszentrum ermitteln zu können, welche Maßnahmen für die Zeitnach der Bergung eingeleitet werden müssen. Dieser technologische Ansatz fand dann Fortsetzung im zivilen Bereich - bekannt ist zum Beispiel die Lawinenschutzkleidung mit Ortungsmöglichkeiten. Auch nach Entführungen können diese Technologien wirkungsvoll bei der Suche eingesetzt werden: "Und für Eltern ergibt sich über diese spezielle Kleidung die Möglichkeit, jederzeit den Aufenthalt des Kindes ermitteln zu können oder auch akustisch seine Situation begleiten zu können." Interessant sind dank moderner Diodentechnik auch Anwendungen für mehr Verkehrssicherheit: "Aktives Licht an der Kleidung sieht man eben im Dunkeln besser als statisches Licht." Wobei auch die Energiezufuhr dafür durch die normale Bewegung gesichert werden kann. Neben diesen absolut ernsthaften Einsatzmöglichkeiten erschließen sich auch Möglichkeiten im Entertainment-Bereich. Längst ist der ins Sweatshirt eingearbeitete iPod keine ferne Zukunftsmusik mehr, der im Kleidungsstück so integriert ist, dass er problemlos von außen bedient werden kann. Tragbare, in der Größe immer weiter reduzierte Computer ermöglichen neben der Positionsbestimmung auch die Übertragung medizinischer Daten: "Das setzt natürlich voraus, dass Designer und Techniker sich aufeinander abstimmen und nicht aneinander vorbei denken", erläutert Böger die Notwendigkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit und sieht darin auch für sich als Informationswissenschaftlerin eine zentrale Herausforderung, wenn es darum geht, "den Hut intelligenter zu machen, als es der Kopf vielleicht ist", und am Ende gar der Unterhose mehr Kommunikationskompetenz zukommen soll als ihrem Träger. Weitere Anwendungsmöglichkeiten sind mit Varianten der "elektronischen Fußfessel" verbunden, die zum Beispiel auch eine Kontrolle des Trägers auf Alkohol- und Drogenmissbrauch ermöglicht. Selbst T-Shirts, die lebensnotwendige Vitamine und Spurenelemente an den Träger abgeben, sind im Prototyp bereits erprobt - worauf sich auch die Fantasien stützten, die in der Ära des "neuen Marktes" für spekulative Investments auf diesem technologischen Feld führten. Und im modischen Sektor kann das T-Shirt in alltäglicher Dezenz für den Abend zum Designstück mit Leuchtmotiven oder edlen elektronischen Applikationen "aufgebrezelt" werden. Man merkt Astrid Böger an, wie sie persönlich fasziniert ist von diesen Möglichkeiten, ohne sich dabei im allzu Visionären zu verlieren. Man kann sicher sein, dass sie mit dieser Begeisterung auch Interesse bei den Studierenden der Sommeruni wecken kann. Eine hochspekulative Hoffnung allerdings hat sie als Neu-Rintelnerin gemeinsam mit ihrem Mann doch noch: "Es wäre doch schön, wenn Rinteln irgendwann wieder Hochschulstadt wäre - und sei es mit zwei oder drei Instituten und Lehrstühlen als Ableger von benachbarten Universitäten." Wobei sie da sicher auch den eigenen Arbeitsbereich im Auge hat.

Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78934
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt