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Erntefeste im Schaumburger Land einst und jetzt / Auch der traditionelle Achttourige hat überlebt

Wenn das letzte Korn geerntet ist…

Das helle „ping, ping“ der Dengelhämmer beim Schärfen der Sensen und das rhythmische Klopfen der Dreschflegelschläger sind längst verstummt. Und auch das Binden und Aufstellen der Garben (zu „Schocken“) auf den abgemähten Kornfeldern gibt es nicht mehr. Trotzdem wird in etlichen Schaumburger Dörfern immer noch Erntefest gefeiert.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Wenn man den berufsmäßigen Beobachtern glauben darf, hat die ausdauernde Liebe zu althergebrachtem Brauchtum und überkommener Volkskultur nicht nur mit der derzeit angesagten Event-Nostalgie zu tun. Es gebe immer noch ein tief verwurzeltes Bewusstsein vom Wert des „täglichen Brotes“, ist zu hören. Trotz Supermarkt und Fastfood sei die Erinnerung an die Bedeutung des Säens und Erntens noch nicht endgültig verloren gegangen.

Über solche Entwicklungen und Erklärungsversuche mussten unsere Urgroßväter und Urgroßmütter noch nicht nachdenken. Ernte und Erntedank waren die Höhepunkte des Jahres. Sie wurden gefeiert, seit die ersten bäuerlichen Siedler hierzulande ihre Äcker und Felder bestellten. Bis zur Christianisierung flehten die Leute den obersten Germanen-Gott Wotan an, der unter anderem für das Gelingen der Ernte zuständig war. Viele der damaligen Rituale wie Dämonenaustreibung oder Fruchtbarkeitszauber leben bis heute im Erntebrauchtum fort.

Über Art, Umfang und Ablauf der ersten Dankes- und Freudenbekundungen hierzulande ist wenig bekannt. Eine der frühesten Darstellungen hat der später als „Lügenbaron“ bekannt gewordene und aus dem benachbarten Bodenwerder stammende Freiherr Karl Friedrich von Münchhausen (1720-1797) zu Papier gebracht. Nach seiner Schilderung zogen die Bewohner der hiesigen Weserberglanddörfer am letzten Erntetag mit Gesang, Speis und Trank aufs Feld, um dort gemeinsam das letzte Korn abzumähen. Dann nahmen die Schnitter ihre Streichstöcke, schlugen damit dreimal kräftig gegen den Sensenbaum („so daß es weithin schallte“) und riefen „Wold, Wold, Wold“. Der heute als niederdeutscher Ausdruck für „Wald“ oder „Holz“ geltende Begriff hatte damals noch eine weitaus umfassendere Bedeutung und stand für Ursprung und Schöpfung der Welt. Die Anrufung der Schnitter war als Danksagung an eine offensichtlich noch aus vorchristlicher Zeit stammende Allmacht gemeint. Zum Ritual gehörte auch das Ausstreuen der mitgebrachten Speisen und Getränke auf dem abgemähten Feld. Zum Schluss zog die bunte Schar zu einer ausgelassenen Feier ins Dorf zurück.

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Lustiger heimischer Erntefestumzug aus den 1950er Jahren.

Der von Münchhausen beschriebene Ablauf taucht – in verschiedenen Abwandlungen – auch in späteren Beschreibungen auf. Mittelpunkt der Festlichkeit war offenbar lange Zeit das Einbringen des letzten Korns – ein Ereignis, das jedes Jahr mit lautem Jubel begleitet wurde. Dahinter steckte die Erfahrung, dass der Lohn der Arbeit eines ganzen Jahres und die Chance zum Überleben der Familie auch und vor allem vom Wohlwollen der höheren Mächte und in erster Linie von der Gnade des Wettergottes abhängig waren. Nicht selten hatte man erfahren müssen, wie durch Sturm und Unwetter noch im letzten Moment alles zunichtegemacht worden war.

Ein weiteres Kernelement der Erntefeiern wurde das Binden von Erntekränzen. Sie wurden von den Mädchen und Frauen den örtlichen Bauern überreicht, die ihn über dem Scheunentor annageln ließen. Das Zeremoniell endete mit Segenswünschen für die nächste Ernte und einem gemeinsamen Dankgebet. Der Bauer spendierte das „Erntebier“. Dann wurde auf der Diele nach den Klängen eines „Treckebühls“ (Ziehharmonika) getanzt.

Auf der Spitze der hölzerne Erntehahn

Mit der Zeit wurden die Feiern auf den Höfen immer häufiger durch große, dörfliche Gemeinschaftsfeste ersetzt. Statt der vergleichsweise schlichten Erntekränze banden die Mädchen jetzt prachtvolle Erntekronen. Dabei wurden die Ähren aller Getreidesorten, also Roggen, Weizen, Gerste und Hafer, mit eingearbeitet. Mancherorts kamen auch Kürbisse, Blumen und diverser Zierrat wie Spiegel oder bunte Seidenbänder hinzu. Oben auf die Spitze kam der hölzerne Erntehahn, darunter hing eine Kette aus goldgefärbten Eiern – beides waren uralte Fruchtbarkeitssymbole.

Mit der Einführung des Einheitsfestes ging auch die Gastgeberrolle immer öfter auf die Dorfgemeinschaft über. Daraus entwickelte sich das „Toltern“, mancherorts auch „Nödigen“ („Nötigen“) genannt. Am Tage nach dem Fest zogen die Erntemägde und -knechte durchs Dorf, um Erntegaben einzusammeln. Auf den Höfen wurde ein Ständchen gebracht. Die Bauern spendierten Eier und Speck. Auch Bier und Schnaps durften nicht fehlen. Die eingesammelten Gaben wurden anschließend in Saus und Braus verzehrt. Heute wird das „Nötigen“ nicht selten von einer Blaskapelle unterstützt. Anstelle von Naturalien wird mindestens ebenso gern Bares entgegengenommen.

In den Zeitungsberichten vor hundert Jahren wird erstmals offen der „Niedergang des kulturellen Brauchtums“ angeprangert. Die meisten Veranstaltungen waren in die Regie der örtlichen Gastwirte übergegangen. Sie lockten mit Feuerwerk, „elektrischer Beleuchtung in verschiedenen Farben“, Karussells und Luftballon-Wettbewerben. Gefeiert wurde nur noch sonntags und, wenn es sich für den Veranstalter lohnte, noch am nachfolgenden Montag.

Höhepunkt vieler Erntefeste war und ist bis heute der Festumzug, bei dem die Erntekrone durchs Dorf getragen wird. In vielen Orten hat sich daraus ein farbenprächtiger Wagenkorso entwickelt. Auf dem Festplatz folgen die Erntereden. Mancherorts beginnt ein „Erntereiter“. Er begrüßt die Gäste und spricht ein Dankgebet. Dann wird der Choral „Nun danket alle Gott“ angestimmt. Danach spricht die Großmagd oder das „Kranzmädchen“. Es berichtet vom Fleiß beim Binden des Erntekranzes und fordert die jungen Burschen auf, beim Tanzen nicht faul zu sein und die Mädchen zur Belohnung tüchtig herumzuschwenken. Zuletzt redet der Großknecht oder Erntebauer. Er schildert – meist auf platt –, was sich während der Ernte und darüber hinaus während des Jahres auf den Höfen und im Dorf zugetragen hat. Dabei wird kein Blatt vor den Mund genommen. Besonders derbe geht es bei der Schilderung der Liebschaften während der Erntezeit zu. Die Alten werden aufgefordert, sich nicht darum zu kümmern, denn sie hätten es früher genauso gemacht.

Nach dem Umzug und den Reden marschierten alle in die festlich geschmückte Scheune oder ins Zelt. Hier wurde der Erntekranz an einem Querbalken befestigt, und die Trachtenpaare stellten sich zum Achttourigen – dem alten Schaumburger „Nationaltanz“ – auf. Anschließend begann der Tanz für das ganze Dorf.




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