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Suizid von Robert Enke holt das Thema Depression aus der Tabu-Ecke / Oft gibt es Alarmzeichen

Wenn das Leben zur Sackgasse wird …

Hameln. Depressionen gelten mittlerweile als Volkskrankheit. Über die man aber gemeinhin nur selten spricht und die man als Laie auch nur schwer erkennen kann. Doch wenn der Suizid des 96-Fußballers Robert Enke einen Sinn haben soll, dann den: Das Thema Depression ist aus der Tabu-Ecke herausgeholt worden. Die Vielfältigkeit und Komplexität der Symptome für Depression macht die Diagnose so schwierig: „Manchen sieht man die Depression an, aber bei vielen wie bei Robert Enke kann man sie nicht unbedingt erkennen. Das geht erst im Gespräch“, sagt Andreas Stolle, Facharzt für Psychiatrie.

Wenn das Leben zur Sackgasse wird

Autor:

Christa Kochund Karin Rohr

Fakt ist: Seelische Erkrankungen nehmen zu. Von Depressionen betroffen sind nicht nur Frauen, sondern auch Männer und Junge wie Alte. Die Symptome sind so vielfältig wie das Krankheitsbild selbst. Und oft nur schwer zu therapieren. Jeder Fall ist anders: „Nichts lässt sich verallgemeinern und pauschalisieren“, sagt Stolle. Gewachsen ist vor allem die Gruppe der reaktiv Depressiven, der sogenannten erlebnisreaktiven Depressionen: „Darunter fallen Depressionen, die durch äußere Anstöße ausgelöst werden, die gesellschaftlich bedingt sind“, sagt der Facharzt. Durch den Druck auf dem Arbeitsmarkt zum Beispiel: Die einen bewältigen die Arbeit nicht mehr, die sich zunehmend verdichtet hat. Die anderen reagieren depressiv auf den Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Es kann jeden treffen – egal, wie sein soziales Umfeld aussieht, ob er reich oder arm, berühmt oder unbekannt, erfolgreich ist oder scheitert. Oft genügt schon ein äußerer Anlass, um einen Menschen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sein Leben wird zur Sackgasse, scheint hoffnungslos und ohne Perspektive. Betroffen sind meistens labile Personen, die dünnhäutiger sind als andere: „Sie reagieren sensibler auf belastende Situationen“, so Stolle.

Depression ist die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt, dass vier Millionen Deutsche davon betroffen sind und dass gut zehn Millionen Menschen bis zum 65. Lebensjahr eine Depression erlitten haben. Die Zahlen schwanken. Das hängt zum einen mit der hohen Dunkelziffer zusammen – viele Depressionen werden nicht als solche erkannt - und zum anderen mit der Definition der Krankheit. Denn: Die Anzeichen für eine Depression sind so vielfältig und komplex wie das Erkrankungsbild selbst. Als Kernsymptome gelten Stimmungseinengung (Verlust der Fähigkeit zu Freude oder Trauer, Verlust der affektiven Resonanz, das heißt: der Patient ist durch Zuspruch nicht aufhellbar), Antriebshemmung, zu der auch eine Denkhemmung gehört, innere Unruhe und Schlafstörungen. Aus diesen Kernsymptomen abgeleitet werden zusätzliche Alarmzeichen für seelische Erkrankungen wie übertriebene Sorge um die Zukunft, unter Umständen überbetonte Beunruhigung durch Bagatellstörungen im Bereich des eigenen Körpers, das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, Minderwertigkeit, Hilflosigkeit sowie soziale Selbstisolation, Selbstentwertung und übersteigerte Schuldgefühle, dazu Müdigkeit, verringerte Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit – das Denken ist verlangsamt, sinnloses Gedankenkreisen (Grübelzwang), dazu Störungen des Zeitempfindens. Häufig bestehen Reizbarkeit und Ängste. Negative Gedanken und Eindrücke werden überbewertet, positive Aspekte nicht wahrgenommen, unterbewertet oder falsch bewertet. Das Gefühlsleben ist eingeengt, was zum Verlust des Interesses an der Umwelt führen kann. Auch kann sich das sexuelle Interesse vermindern oder erlöschen. Bei einer schweren Depression kann der Erkrankte in seinem Antrieb sogar so gehemmt sein, dass er nicht einmal mehr einfachste Tätigkeiten wie Körperpflege, Einkaufen oder Abwaschen verrichten kann.

Superintendent Philipp Meyer, schon von Berufs wegen viel mit Menschen in Krisensituationen konfrontiert, hat die Selbsttötung Enkes „sehr bedrückt“. „Wir müssen viel mehr auf unsere Mitmenschen achten, auch wenn in diesem Fall wohl kaum jemand erraten konnte, dass ein Suizid bevorstand“, sagt Meyer. Enke habe einen Schutzwall aus Selbstbewusstsein und Gelassenheit aufgebaut, und das ist für Meyer eine besonders „irritierende Erfahrung“ – nämlich die, „das wir alle nach außen hin anders wirken, als wir uns selbst wahrnehmen“. Künftig mehr auf Signale oder belastende Situationen zu achten, das sei eine Aufgabe für alle – „egal, ob in der Kirche oder nicht“.

Die Ratlosigkeit, die viele angesichts des Selbstmords von Robert Enke empfinden, teilt Meyer. Jemand, der erfolgreich, finanziell abgesichert, von Fans und Fußballern geliebt und respektiert ist und dann doch kein Licht am Ende des Tunnels mehr sieht – das passt so wenig in das Bild, das die Welt sich vom 96-Torwart gemacht hat. Andererseits: „Es sind selten die Menschen mit starkem Selbstwertgefühl, die eine Sinnkrise erleben, auch wenn die nicht immer gleich so tragisch enden muss“, weiß der Superintendent. Vielmehr treffe eine Depression oft die Getriebenen, die, die von ihrem Erfolg so abhängig seien, das alles andere an Bedeutung verliere.

„Gerade bei uns Pastoren ist das in den letzten Jahren ein Thema geworden und wird inzwischen sehr viel sensibler gehandhabt. Das hat auch mit dem Burn-out-Syndrom zu tun, das in eine Depression münden kann“, so Meyer. In Kirchenkreisen werden Betroffene nach seiner Aussage nicht länger als Versager abgestempelt. Sie können sich vielmehr eine sechswöchige Auszeit in sogenannten Einkehrhäusern nehmen und kommen in aller Regel dann „ganz gestärkt“ zurück. Denn während dieser Zeit haben sie vor allem eins gelernt, und das ist auch Meyers Empfehlung an alle, die diesen Leidensdruck verspüren: die Prioritäten im Leben neu und anders zu ordnen.

Was aber kann man, zumeist als Angehöriger eines Depressiven, tun, wenn die Krankheit das Leben wieder einmal voll im Griff hat? Nicht jeder ist so prominent, dass er sich unmittelbar einen Facharzt aus- und den dann auch aufsuchen kann. Die Praxis von Stolle ist beispielsweise in Hameln die einzige, die noch neue Patienten aufnimmt. Das zeigt aber auch, wie groß der Bedarf nach Hilfe inzwischen ist.

Für Patienten, die sich bereits in stationärer Behandlung befunden haben und soweit wiederhergestellt sind, dass sie zwar nach wie vor Hilfe brauchen, aber zu Hause wohnen können, gibt es am Kreiskrankenhaus Hameln die Tagespsychiatrie, eine Einrichtung der Ameos-Kliniken Hildesheim. In ganz akuten Fälle – auch an Wochenenden – wird eine spezielle Ambulanz des Landkreises Hameln-Pyrmont eingeschaltet. Ihre Mitarbeiter handeln nach dem sogenannten „Psych KG“ und können die Patienten, auch zu deren eigenem Schutz, beispielsweise bei Suizidgefahr, stationär einweisen lassen. Dem aber, so Krankenhaus-Sprecher Peter Höxter, seien enge Grenzen gesetzt. „Die Messlatte für solche Zwangsmaßnahmen wie auch für das Ruhigstellen durch Medikamente liegt sehr hoch, denn das ist ein massiver Eingriff in Grundrechte.“

Ansprechpartner in Krisensituationen ist das Sorgentelefon, dessen Mitarbeiter ehrenamtlich arbeiten. „Wir sind für solche Fälle die richtige Anlaufadresse“, versichert Martin Dreyer. Die Telefonnummer lautet 0800/1110444; die (noch kostenpflichtige) Handynummer 05151/22622.

Das Leben als Sackgasse, als Tunnel ohne Licht am Ende – so empfinden Depressive oft.

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