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Ob Istrien oder Provence – wer in den Ferien liest, kann mehr als nur wundervolle Ausblicke genießen

Wenn das Bücherregal Urlaubsgrüße sendet

Pausen sind wichtig im Leben, auch und gerade beim Reisen. Nicht nur kurze, sondern längere Pausen zum Innehalten und zur Ruhe kommen, um Eindrücke zu verdauen und neue Kraft zu tanken. Nach mehr als 1000 Kilometern Fahrt quer durch Frankreich entschließen wir uns, das Auto ein paar Tage lang stehen zu lassen. Unser Ruhepol soll in Südfrankreich Presqu’ile de Giens sein. Von Hyères aus fahren wir auf die Halbinsel, vorbei an Salinen und langen Sandstränden. Zu den Hyerischen Inseln gehören außer der Halbinsel Giens noch die Inseln Porquerolles, Port Cros und Le Levant, die man mit einer Fähre besuchen kann. Vier Tage lang bleiben wir in Giens Village und finden trotz Hochsaison bei einer netten alten Dame mit fast ebenso altem Hund und noch älterem Hotel inmitten eines urwüchsigen Gartens ein idyllisches Zimmer mit kleiner Terrasse zur Südostseite, umrahmt von Bougainvillea. Hier begrüßen uns morgens die Sonne und abends der Mond.

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Autor:

Jutta Keller

Ungestört lässt es sich auf der Terrasse in aller Ruhe frühstücken. Endlich kann ich hier auch das Buch „Spuren – Eine Reise durch Australien“ von Robyn Davidson lesen. Es ist eine autobiografische Erzählung der Autorin, die Ende der 1970er Jahre mit 27 Jahren ihren Traum verwirklichte und mit vier Kamelen und ihrem Hund in acht Monaten die australische Gibson-Wüste durchquerte. Die Reise durch das Innere Australiens ist vor allem Davidsons Reise in ihr eigenes Inneres. Je abenteuerlicher der rund 1700 Meilen lange Trip wird und je einsamer sie ist, umso besser lernt sie sich und die Welt kennen: Selbstfindung im Outback.

Das Gelesene kann sich bei Wanderungen auf dem „Sentier littoral“ entlang der Küste wunderbar setzen. Herrliche Ausblicke aufs Meer, versteckt liegende Villen, üppige Vegetation – das Gehen in der Natur trägt zum Reflektieren und Verinnerlichen bei.

Zeit- und Ortswechsel: Ein Jahr später, rund 1000 Kilometer weiter östlich, am südlichen Zipfel der kroatischen Halbinsel Istrien in der Nähe von Pula. Für eine Woche haben wir in der Nachsaison auf einem Campingplatz ein „Mobile Home“ mit Blick aufs Mittelmeer gemietet. Um noch mal Seeluft zu schnuppern und Wärme für den Winter zu tanken. Auf der kleinen Veranda schmecken Frühstück und Abendessen herrlich, zum Felsstrand sind es nur ein paar Schritte. Angelehnt an eine Felswand, von der Herbstsonne beschienen und den Meerwellen umspült, verschlinge ich ein Buch von Andreas Altmann. Es handelt von einem Reiseziel, das mich schon lange fasziniert: „Notbremse nicht zu früh ziehen! Mit dem Zug durch Indien“. Sein Schreibstil gefällt mir, sein Bericht fesselt mich, seine Erlebnisse erheitern mich, meinem Begleiter lese ich immer wieder Passagen daraus vor. Es ist ein Genuss, hier an diesem ruhigen Ort zu sein und gleichzeitig ganz woanders: weit weg auf einem fernen Kontinent, auf „einem anderen Planeten“, wie Altmann Indien beschreibt.

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Unsere Unternehmungen in Istrien kommen dennoch nicht zu kurz. Das römische Amphitheater in Pula übt einen besonderen Reiz aus, vor allem in der Nacht. Das 132 mal 105 Meter große Bauwerk stammt aus dem ersten Jahrhundert. Zur Römerzeit ergötzten sich auf den Rängen bis zu 23 000 Zuschauer an den Gladiatorenkämpfen. Heute sind hinter der gut erhaltenen, 33 Meter hohen Fassade Musik und Tanz zu Hause: Im Juli gastiert hier das Kroatische Filmfestival. Außerdem finden in der Arena Konzerte mit internationalen Künstlern und Musikfestivals von Oper bis Rock statt. In den Kellerräumen befindet sich eine Ausstellung über Wein und Olivenöl im antiken Istrien.

Bei einem Ganztagesausflug per Schiff von Pula die Westküste hoch bis nach Vrsar geht es in den 600 Meter breiten „Limski kanal“. Wegen seines fjordartigen Aussehens heißt er auch „Limski Fjord“ und reicht neun Kilometer in die unberührte Karstlandschaft hinein. Er steht unter Naturschutz – Baden ist streng verboten – und wird für die Austern- und Muschelzucht genutzt. Hier wurde der Karl-May-Film „Der Schatz im Silbersee“ gedreht. In Vrsar und Rovinji macht das Schiff Halt, die malerischen Küstenstädte erkunden wir auf eigene Faust.

Auch wenn solche kleinen Exkursionen in Istrien, Frankreich oder anderswo nicht vergleichbar sind mit den Abenteuern eines Altmann oder einer Davidson, so eröffnet die Kombination mit den inneren Reisen beim Lesen eine neue Dimension. Auf Reisen gelesene Bücher sprechen später zu Hause zu mir: Sie erzählen von den Plätzen, an denen ich war, und von anderen, die ich noch besuchen möchte. Sie vereinen meine Sehnsucht nach Vergangenem und Zukünftigem im Jetzt.

Ob eine Bucht nahe der Halbinsel Stoja in Istrien (links), das römische Amphitheater in Pula (unten) oder die schroffe Felsenküste Südfrankreichs – wer liest, hat mehr vom Urlaub.



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