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Schwimmmeister müssen gerade in den heißen Wochen des Jahres besonders konzentriert sein

Wenig Baywatch, viel Arbeit

Der Mann mit der Spiegelbrille wirkt lässig, wie er da auf der Brücke steht, sich ab und zu mit Kollegen bespricht, Badegästen Auskünfte erteilt, dem Getümmel aus Planschenden, Spielenden und Schwimmenden zuschaut. „Mensch, wo Du arbeitest, möchte ich mal Urlaub machen“. Ja, solche Kommentare, sagt Schwimmmeister Michael Pletat, bekomme man hin und wieder zu hören. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus als das Klischee vom Sunny-Baywatch-Bademeister mit dem coolen Job.

Autor:

von alda maria grüter
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„Es ist eine Tätigkeit mit höchster Verantwortung“, sagt Pletat. „Cool“, im wörtlich übersetzten Sinne, ist der Job überhaupt nicht: Die Schwimmmeister, die in der prallen Sonne über das Geschehen wachen, haben eher einen heißen Stand. 30 Grad Celsius und mehr zeigte das Thermometer in den vergangenen Tagen an. An diesem späten Vormittag sind es 27 Grad im Schatten. „Drinnen im Turm kann es bis zu 50 Grad heiß werden“, sagt Pletat. „Dann gehen wir raus aufs Gelände und führen von dort aus die Aufsicht.“ Dennoch: In luftiger Höhe seinen Dienst zu tun, bedeutet, stundenlang Hitze und die Geräusche von rund 2000 Badegästen zu ertragen, die im Laufe dieses Tages eine Abkühlung im Hamelner Südbad suchen. Warum es für den Bademeister im Turm keinen klimatisierten, vom Lärm abgeschotteten Raum gibt? „Ich bin doch nicht der Captain von der Enterprise!“, sagt Pletat lachend. Schließlich müsse er den Kontakt zu den Gästen halten, Präsenz zeigen und bei Bedarf schnell intervenieren können. Und während er so erzählt, lässt er die Schwimmbecken nicht aus den Augen.

Von links nach rechts und wieder zurück wandert sein Kopf, manchmal haftet sein Blick länger auf einem Punkt: Alles in Ordnung? Oder muss der Schwimmmeister eingreifen? Keine Auffälligkeiten, sagt Pletat. Aber man müsse verdammt aufpassen, gerade an heißen Sommertagen, wenn es die Massen ins Schwimmbad zieht. Das Hauptaugenmerk werde auf Kinder und Ältere gelegt. Seit 21 Jahren arbeitet Michael Pletat im Südbad, und allein durch die langjährige Berufserfahrung sei sein Blick für kritische Situationen geschärft, erklärt der 38-Jährige. Beispielsweise liefere ihm die Art und Weise, wie jemand ins Wasser und aus dem Wasser gehe oder wie er am Beckenrand hänge, Hinweise für das Erkennen und Verstehen von Gefahren und das entsprechende Handeln. Für Außenstehende sehe die Arbeit eines Bademeisters manchmal total easy aus, meint Jan Pletat, Auszubildender und Neffe von Michael Pletat. „Das ist es aber ganz und gar nicht.“ Der 18-Jährige hat gerade den Kollegen im Turm abgelöst. Vom 25 Meter hohen Beobachterposten aus hat Jan Pletat alles im Blick. Nichts Auffälliges, das sein Einschreiten erforderlich machen würde. Genau und gewissenhaft hinschauen müsse er trotzdem, denn, was harmlos aussieht, könne manchmal durchaus heikel sein. Konzentriert verfolgt er die Schwimmenden, die ihre Bahnen ziehen und die Kinder, die im Wasser herumtollen. Vom Nichtschwimmerbecken hallt fröhliches Quietschen bis zum Turm hinauf: „Da findet gerade Schwimmunterricht statt“, sagt Jan Pletat.

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Schwimmmeisterkollege Kristoph Wenthe hat die Seepferdchen-Aspiranten unter seine Fittiche genommen und die Schwimmbewegungen, die er den Kleinen beibringt, scheinen Spaß zu machen. Apropos, sagt Jan Pletat, da sei noch so ein Klischee: „In den Augen vieler ist der Bademeister oftmals der Spaßverderber, weil er Verbote austeilt. Viele sehen nicht, dass wir für Sicherheit sorgen und Unfälle vermeiden wollen“, sagt der junge Mann, der seit einem Jahr eine Ausbildung zum Bademeister absolviert. Wobei: „Bademeister“ lerne man längst nicht mehr. Die spätere Berufsbezeichnung laute „Meister für Bäderbetriebe“. „Herr Bademeister“, das sei trotzdem immer noch die altbekannte und nett gemeinte umgangssprachliche Anrede. Bleiben wir also weiter dabei. Die Aufgaben eines Schwimmmeisters seien vielfältig, körperlich zwar weniger anstrengend. Aber stets Aufmerksamkeit und Konzentration aufzubringen – das fordere einem schon einiges ab. Physisch fit zu sein, sei nicht das Einzige, was ein Bademeister an Voraussetzungen mitbringen müsse. Michael Pletat: Neben technischen und handwerklichen Kenntnissen gehöre beispielsweise das Erste-Hilfe-Leisten zu den Anforderungen. Alle zwei Jahre müsse er sich einer Prüfung unterziehen und dabei mindestens das Rettungsschwimmer-Abzeichen in Silber bestehen.

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Gehört auch zum Job: die Kontrolle des Badewassers.

Vier Schwimmmeister sind an diesem Tag im Südbad im Einsatz. Sie überwachen den Badebetrieb, sorgen für Sicherheit und Ordnung. Unterstützt werden sie von Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes, die Störenfriede in die Schranken weisen. „Und, wenn erforderlich, des Schwimmbades verweisen“, sagt Michael Pletat. Um sechs Uhr hatte seine Schicht mit einem Kontrollgang begonnen. Müll und Scherben aufsammeln, kleine Reparaturen durchführen, Sonnenschirme aufspannen, Büroarbeiten – auch das gehört zu den Aufgaben des Betriebsleiters. Um die Seifenspender hat sich an diesem Vormittag die Gärtnerin Inka Dörriesfeld gekümmert; im Vorbeigehen informiert sie Michael Pletat, dass sie das defekte Schloss geölt habe. Manchmal müssen Liegestühle aus dem Wasser gefischt werden, die Unbefugte nachts ins Becken geworfen haben, erzählt Pletat weiter und schaut auf die Uhr. Die nächste Wasserkontrolle ist bald fällig: Filterrückspülung, außerdem die Messung von Wassertemperatur, ph- und Chlor-Werten.

Bevor er auf der Brücke abgelöst wird, beantwortet er noch Fragen einiger Badegäste: Ja, heute laufe der Seepferdchen-Schwimmkurs, der unterrichtende Kollege sei auch schon im Becken. Und weiter: Die Familie, die keine Schwimmflügel für die Kinder dabeihat, braucht deswegen nicht auf eine Abkühlung zu verzichten. „Schwimmflügel können sie bei uns kaufen.“ Einem Vater untersagt er, seine Tochter mit ins Schwimmerbecken zu nehmen, da das Kind nicht schwimmen kann. Der Mann zeigt sich einsichtig, erklärt es auch noch einmal seiner Tochter. Ohne Regeln gehe es nun mal nicht, sagt Pletat. „Schwimme mit Überlegung, meide Gefahren, nimm Rücksicht“ – so lautet die Kurzversion der Verhaltensgrundsätze, die Badende zu ihrer eigenen, aber auch zur Sicherheit anderer beachten müssen.

Die sommerlichen Temperaturen locken allerdings nicht nur zum Baden in gemauerten Becken von Freibädern, sondern auch an Seen. Zum Schwimmen freigegeben sind in Schaumburg der Doktorsee und der Helenensee, im Landkreis Hameln-Pyrmont lediglich der Humboldt-See. An natürlichen Gewässern, wo meistens Schwimmmeister oder sonstige Aufsichtspersonen fehlen, sind ein großes Maß an Vernunft, (Eigen)-Verantwortung sowie ein erhöhtes Risikobewusstsein um so wichtiger. Und nicht nur dort: Denn auch an einem offiziellen Badesee wie dem Humboldt-See sind die Rettungsschwimmer der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) nicht durchgehend präsent während der Sommersaison.

Mit dem Baywatch-Märchen hat der Job eines Schwimmmeisters nicht viel zu tun. Für den Job braucht man Konzentration und Nerven. Auch dieser Job hat nicht nur seine Sonnen-, sondern eben auch seine Schattenseiten.

Im Schwimmbad wird manchmal ein Bereich abgetrennt, zum Beispiel für Unterrichtszwecke oder Veranstaltungen.




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