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Einblicke in Geschichte und Entwicklung der heimischen Handarbeitskunde

„Weiterstricken bis zur anderen Beinlingsnadel“

Stricken, Sticken, Häkeln und Klöppeln sind „in“. Was lange als Überbleibsel aus Urgroßmutters Untertanendasein abgetan wurde, liegt wieder – auch bei jungen Frauen – voll im Trend. Anders als anno dazumal geht es heutzutage aber kaum noch ums familiäre Überleben, sondern um Sinnsuche und Selbsterfahrung in einer von Hektik geprägten Zeit. Ungeübte Anfänger(-innen) werden mit einer Fülle von Fachliteratur überflutet. Handel und Zuliefererindustrie feiern ein unverhofftes Comeback.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Ob und wie lange die neue Handarbeitslust anhalten wird, ist schwer zu sagen. Beim Blick in die Geschichtsbücher wird deutlich, dass der Stellenwert des häuslichen Werkelns schon immer eng mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Rollenverständnis „des Weibes als beglückende Gattin und als weise Vorsteherin des inneren Hauswesens“ (bildungspolitischer Leitsatz aus dem Jahre 1796) verknüpft war. Über das größte Wissen hierzulande sollen einst Nonnen und Stiftsdamen verfügt haben. Mancherorts seien von den Klosterinsassinnen sogar Handarbeitskurse für die Mädchen der umliegenden Siedlungen angeboten worden, ist in den Überlieferungen zu lesen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen sich die staatlichen Bildungsbehörden des Themas an. Auslöser waren Industrialisierung und Freiheitsbestrebungen. Der Schulunterricht, der zuvor ausschließlich auf (Bibel-) Lesen und (Katechismus-) Lernen ausgerichtet war, wurde schrittweise ausgebaut und erweitert. Art, Umfang und Tempo waren von Land zu Land verschieden. Die ersten Neuerungen hierzulande gingen 1864 in der damals noch hessischen Grafschaft Schaumburg über die Bühne. „Für die Knaben sind allenthalben Turnübungen einzurichten und rücksichtlich der Mädchen soll die Ertheilung des Unterrichts in weiblichen Handarbeiten Sorge getragen werden“, heißt es in einer von der Kurfürstlichen Regierungs-Commission Rinteln auf den Weg gebrachten „Revidirten Ordnung für die Volksschulen der Grafschaft Schaumburg“. Anfang der 1880er Jahre wurde die Empfehlung zur Pflichtvorgabe. Das Ergebnis: Gegen Ende des Jahrhunderts waren in allen Gemeinden des inzwischen preußischen Kreises Handarbeitslehrerinnen im Einsatz. Die wöchentliche Stundenzahl schwankte zwischen 20 (in Rinteln) und zwei in den Dörfern.

Im benachbarten Schaumburg-Lippe war es 1896 so weit. Mit der „Verordnung betr. den Unterricht in weiblichen Handarbeiten in den Volksschulen des Fürstentums“ wurde der Handarbeitsunterricht für Mädchen als Pflichtfach eingeführt. Dazu mussten „je 40 Schülerinnen in eine Handarbeitsklasse vereinigt“ werden. Auf dem Stundenplan standen Stricken, Nähen, Flicken, Stopfen und Wäschezeichnen. Dort, „wo die Lehrerin die entsprechende Fähigkeit“ besaß, war auch „Wäschezuschneiden und Wäschenähen“ angesagt.

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  • Als bislang kreativste und vielseitigste heimische „Tuchveredlerin“ darf Clementine von Münchhausen (1849-1913), Mutter des bekannten Balladendichters Börries Freiherr von Münchhausen, gelten.
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  • Ihre höchste Blüte erreichte die Textil-Verarbeitung bei Anfertigung und Ausstaffierung der charakteristischen „Landestracht“. Hier eine reiche Stickerei am Schultertuch der Frauentracht.
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Mit der schrittweisen Reform des althergebrachten „Pauk- und Drillschulwesens“ im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wandelte sich auch die Vorstellung von Inhalt und Aufgabe des Handarbeitsunterrichts. Während es zuvor fast nur um „familiäre Textil-Selbstversorgung“ gegangen war, rückte mehr und mehr die praktische Vorbereitung aufs Berufsleben in den Vordergrund. Einen ideologischen Rückschlag gab es während der NS-Zeit. Vorrangiges Betätigungsfeld vieler heimischer Lehrerinnen wurde das Stricken von BDM (Bund Deutscher Mädel)-Strümpfen und das Zuschneiden und Nähen von BDM-Blusen.

Beim Durchblättern der einschlägigen Veröffentlichungen und der im Staatsarchiv Bückeburg aufbewahrten Akten fallen vier Besonderheiten des heimischen Handarbeits-Schaffens ins Auge:

1. Ihre höchste Blüte erreichte die hiesige Textil-Verarbeitung bei Anfertigung und Ausstaffierung der charakteristischen Schaumburger „Landestracht“.

2. Als bislang kreativste und vielseitigste „Tuch-Veredlerin“ darf Clementine von Münchhausen (1849-1913), Mutter des bekannten Balladendichters Börries Freiherr von Münchhausen, gelten.

3. Unumstrittene Hochburg in puncto Lehren und Lernen war über Jahrzehnte hinweg die Landfrauenschule Obernkirchen (1901-1970).

4.: Der größte Stricknadeleinsatz hierzulande ging während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) über die Bühne.

Einzelheiten zu den aufgelisteten Punkten müssen späteren „Feierabend“-Betrachtungen vorbehalten bleiben. Hier und heute sei – als kleiner Service für heutige Textil-Handarbeiter(-innen) – nur eine nicht alltägliche Strumpf-Strick-Empfehlung vorgestellt. Sie war vor hundert Jahren in der Landes-Zeitung abgedruckt. Anlass und Auslöser waren die im Spätherbst 1914 von heimischen Hilfsorganisationen gestarteten und an die „Frauen und Jungfrauen“ des Landes gerichteten Appelle, „den Millionen von Soldaten zu helfen, die jetzt einem Winterfeldzuge entgegensehen“. Gefragt seien vor allem wollene Strümpfe, Leibbinden und Pulswärmer. „Es gilt zu helfen und hierzu ist eine jede imstande, die stricken kann“.

Die Folge: Allein nach der von einer gewissen Annemarie Burchard verfassten LZ-Anweisung wurden Zigtausende wollener Männerstrümpfe hergestellt. Sie sollen – späteren Danksagungen zufolge – besonders robust und marschtauglich gewesen sein.

Gemälde „Junges Mädchen beim Spitzenhäkeln“ des Münchner Malers Rudolf Epp (1834-1910) aus der Zeit um 1875.



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