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Weil schlechte Sicht keine Privatsache ist

Eine schreckliche Nacht und eine Nacht der Erkenntnis zugleich, diese Autofahrt über unbekannte Straßen durch regennasse Dunkelheit, in der ich am Steuer sitze und begreife, dass ich eine ziemlich große Gefahr für meine Mitmenschen darstelle: Ich sehe nichts! Die Lichter der entgegenkommenden Wagen blenden, die Straßenbegrenzungsstreifen lassen sich kaum von Asphaltreparaturen unterscheiden und die Buchstaben der richtungweisenden Verkehrsschilder werden erst lesbar, wenn ich schon fast dran vorbei bin. 50 Jahre lang kam ich ohne sie aus, doch nun ist es so weit: Ich brauche eine Brille!

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

„Du bist doch nicht über Nacht halb blind geworden“, sagt meine Freundin Barbara. „Hast du denn vorher gar nichts bemerkt?“ Gemütlich sitzt sie mir gegenüber auf dem Sofa und hat sich gerade geduldig die Erzählung meiner unheimlichen Autofahrt angehört: Wie ich zu einem Termin in einem der abgelegenen Örtchen bei Porta Westfalica unterwegs war, einer Gegend, in der ich mich eh immer verfahre. Wie ich schon in der Dämmerung merkte, dass ich vom Gas gehen muss, um die Straßenschilder rechtzeitig zu erkennen. Wie es anfing zu nieseln und jeder Lichtschein von draußen sich so an den Wassertropfen auf der Scheibe brach, dass ich nur noch verschwommene Lichter sah. Wie ich etwas Angst vor der Rückfahrt bekam. „Das soll zum ersten Mal so gewesen sein?“

Barbara hat gut reden und fragen. Während ich mich über diesen oder jenen körperlichen Mangel immer damit hinwegtrösten konnte, dass immerhin meine Augen überdurchschnittlich gut seien, ja, über 100 Prozent Sehkraft waren es damals beim Führerschein-Sehtest gewesen, trägt Barbara seit ihrem fünften Lebensjahr eine Brille. Sie kennt es gar nicht anders. Es irritiert sie nicht, dass eines ihrer Sinnesorgane nur mit technischer Unterstützung seinen vollen Dienst leistet. Niemals würde sie aus heiterem Himmel heraus mit einer größeren Verschlechterung ihrer Sehkraft konfrontiert sein, weil es für sie eine Selbstverständlichkeit ist, regelmäßig zum Augenarzt zu gehen und die Werte überprüfen zu lassen. „Eigentlich sollte jeder spätestens ab dem 40. Lebensjahr alle zwei Jahre einen Sehtest machen lassen“, sagt sie.

Jetzt fällt mir ein, dass ich vor etwa fünf Jahren tatsächlich bei einem Augenoptiker gewesen war. Damals hatte ich erstmals festgestellt, dass ich Kleingedrucktes nicht mehr ohne eine gewisse Anstrengung lesen konnte. Nichts Besonderes, nein, es war nur so, dass ich, die ich immer alles lese, was mir unter die Augen kommt und mir auch in der Badewanne die Zeit damit vertreibe zu entziffern, was in winziger Schrift auf den Tuben und Flaschen der Shampoos, Spülungen und Badeöle aufgedruckt ist, eines Tages an die Grenzen der Entzifferungsmöglichkeiten stieß. Ich hätte die Duschgel-Tube so weit von den Augen weg halten müssen, um die Schrift scharf zu sehen, dass die Entfernung für die Mini-Buchstaben einfach zu groß wurde.

Der Augenoptiker, den ich wie beiläufig – „ich komme hier grad so vorbei“ – um einen Sehtest bat, er meinte: „Sie haben noch fast 100 Prozent, aber das wird sich schon aus Altersgründen bald ändern. Wollen Sie sich mal unter den Lesebrillen umsehen?“ Nein! Das wollte ich nicht. Ich kann prima sehen! Wen interessiert schon das Kleingedruckte auf Badutensilien? Der Optiker lachte und meinte: „Ganz wie Sie wollen. Spätestens in drei Jahren sehen wir uns wieder!“ Dem war aber nicht so. Stattdessen kaufte ich mir drei Jahre später eine Billigbrille im Drogeriemarkt. Nur mal so, zum Ausprobieren. Ich bin ein winziges Bisschen weitsichtig, nicht der Rede wert. Statt die eher unbequeme Brille zu nutzen, lese ich Bücher am ausgestreckten Arm.

Nun allerdings geht es darum, dass auch meine Weitsicht deutlich nachlässt. Und wie ich es in dieser Regennacht spürte, ist das, anders als die Kurzsichtigkeit, nicht mehr meine Privatsache. Ich gefährde auch andere Menschen mit meinen Sichtproblemen im Verkehr.

Je mehr ich mich dieser Tatsache stelle, desto mehr Situationen fallen mir jetzt doch ein, in denen ich Unsicherheit beim nächtlichen Autofahren spürte: Vor zwei Jahren das leichte Schneetreiben während einer Fahrt durch das Ausfallstraßengewirr von Hameln, wo ich nur selten unterwegs bin. Hätte mein junger Beifahrer nicht für mich die Schilder gelesen und mich rechts, links dirigiert, ich wäre verzweifelt. Oder – vor einem Jahr – die große Unsicherheit auf einer Autofahrt durchs dunkle Kalletal, als dort überall die Straßen repariert wurden und neue Schilder Umwege über kleine Dörfer auswiesen: Wie habe ich mich da verfahren, weil ich die Aufschriften nicht schnell genug erkennen konnte.

Barbara schüttelt den Kopf und kann es nicht fassen. „Was nur hat dich daran gehindert, zum Augenarzt zu gehen?“ – Vielleicht der Umstand, das ich eben noch nie beim Augenarzt gewesen war?

Meine Freundin ist über zehn Jahre jünger als ich. Anders als in meiner Grundschulzeit, gab es an ihrer Schule einen Sehtest für alle Kinder, bei dem sich herausstellte, dass sie die Buchstaben an der Tafel nur mit einer Brille klar erkennen würde. Barbara fand das durchaus spannend, zumal ihre beste Freundin bereits eine Brille trug und auch ihre Eltern von jeher Brillenträger waren. „Ich fühlte mich dadurch nicht irgendwie schwach, sondern eher erwachsener“, meint sie. O – ich erinnere mich: Auch meine beste Freundin trug eine Brille, als einzige in der Klasse. Mindestens einmal in der Woche wurde sie von spöttischen Mitschülern eingekreist, die um sie herum sprangen und „Brillenschlange, Brillenschlange“ skandierten.

Und dann meine Eltern, die, so wie ich, bis zum Alter von etwa 50 Jahren höchstens mal Sonnenbrillen trugen, bis mein Vater dann vom Flohmarkt kam und eine kleine, alte Drahtbrille mitbrachte, die er von da an zum Lesen aufsetzte. Es schien nur ein Spaß zu sein, eine spielerische Freude an der Antiquität. Dabei war es durchaus ernst. Immer mehr solcher altmodischen Brillen fand er auf seinen Streifzügen, Brillen in verschiedenen Stärken, damit er stets das Richtige parat hätte. Erst 15 Jahre später ließ er sich ein Brillenrezept vom Arzt ausstellen. Meine Mutter, die lange stolz darauf gewesen war, mit Mitte 50 noch prima ohne Brille auszukommen, sie erhielt dann doch eine Lesebrille, ein eher unschönes Ding, durch dessen Gläser ihre Augen seltsam vergrößert wirkten. Nichts, um das man sie beneidet hätte.

„Wie kann man nur so verdreht sein und sich so haben?“ fragt Barbara. Was sie beträfe, sie empfände nichts als Dankbarkeit ihrer Brille gegenüber. „Ja – Dankbarkeit!“, betont sie. „Ohne Brille wäre ich verloren.“ Sie nimmt die Brille mit dem schmalen dunklen Rahmen ab und guckt brillenlos aus ihrer Sofaecke rüber in meine Sofaecke. „Wenn ich nicht wüsste, dass du es bist, ich könnte nur raten“. Dann setzt sie die Brille wieder auf, und ich registriere erstmals, wie gut sie ihr steht, wirklich, fast wie ein Schmuckstück. Hätte es für meine Eltern damals diese leichten Brillen aus dünn geschliffenem Glas oder Kunststoff mit dieser unendlichen Vielfalt an unterschiedlichen Modellen gegeben, sie hätten sich sicher nicht so angestellt.

Auch bei mir ist jetzt Schluss mit der Anstellerei, ein Termin beim Augenarzt wird gemacht und beim Sehtest stellt sich heraus, dass tatsächlich eine deutliche Sehschwäche vorliegt, auf dem einen Auge mehr als auf dem anderen und sowohl, was das Sehen in der Nähe als auch in die Ferne betrifft. Der Augenoptiker, der mir voraussagte, dass ich ihn bald wieder besuchen würde, er hatte nicht mit meiner Ignoranz gerechnet, sein Geschäft wurde bereits vor einiger Zeit geschlossen, so dass ich mich beim Brillenkauf nicht demütig an ihn wenden kann. Ich wähle den ersten besten und muss nun noch zwei Tage warten, bis die Gläser für mich ankommen.

Inzwischen stoße ich auf die kürzlich veröffentlichte Allensbach-Studie zum Thema Brillen mit Zahlen aus dem Jahr 2011 und kann nur staunen. Ich glaubte, als Brillenträgerin nun zu einer Minderheit zu gehören, dabei ist es genau umgekehrt. Fast zwei Drittel aller erwachsenen Bundesbürger, insgesamt etwas mehr als 40 Millionen Deutsche, tragen eine Brille, die meisten von ihnen täglich, die anderen gelegentlich, zum Beispiel beim Lesen oder Autofahren. Diese hohen Zahlen haben sich unter anderem den Sehtests zu verdanken, die seit den 1970er Jahren mit steigender Flächendeckung an Kindern und Jugendlichen vorgenommen werden. (1952 waren nur 43 Prozent der Deutschen Brillenträger, überwiegend Menschen im Alter von über 60 Jahren). Barbara beglückwünscht mich zu meiner Entscheidung. „Du wirst bald noch viel weniger allein sein als du bisher meintest“, sagt sie, die die Allensbach-Studie ebenfalls kennt. „Allein sind nur diejenigen Leute über 60, die keine Brille brauchen. Das sind nämlich nur ganze sechs Prozent.“ Mir ist das längst egal. Ich erwarte meine Brille und die nächste Gelegenheit zu einer Autofahrt durch Dunkelheit und Nieselregen. In dieser spätwinterlichen Schmuddelwetterzeit werde ich wohl nicht lange warten müssen – und dann hoffentlich alles mit ganz neuen Augen sehen.

Bei einer Autofahrt durch Regen und Dunkelheit kommt unsere Autorin zu der Erkenntnis: Sie ist eine Gefahr für die Menschheit. Die Sicht ist schlecht, ihre Augen sind es ebenfalls. Lange hat sie sich geweigert, eine Brille zu tragen – stattdessen lieber die Zeitung am ausgestreckten Arm gelesen. Eine Sinneswandlung.




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