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Zwischen Ausschweifungen und Glitzerseligkeit: Einblicke ins einstige heimische Festtagsgeschehen

Weihnachtsrummel anno tobac

Es ist etwas nicht richtig, es fehlt etwas“, schrieb am 16.12.1911 die Schaumburger Zeitung. „Wenn es aufs Christfest zugeht, dann gehört es sich, daß Eis und Schnee ihren Zauber entfalten“. Der Hilferuf nach einem „richtigen“, zur Jahreszeit passenden Wetter war verständlich. Während der zurückliegenden Monate hatte Petrus den hierzulande lebenden Leuten mehr als genug Kapriolen zugemutet. Als besonders böse Überraschung war der extrem heiße und trockene Sommer in Erinnerung geblieben. Mit ungläubigem Kopfschütteln dachte man in Rinteln an die Septembertage zurück, an denen selbst Schulkinder durch die gerade mal knietiefe Weser waten konnten. Die Erwartung, dass sich die Verhältnisse gegen Ende des Jahres wieder „normalisieren“ würden, erfüllte sich nicht. Das Weihnachtsfest vor 100 Jahren war grün, das Schaumburger Land in tristes Grau gehüllt.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Ganz anders sah es 50 Jahre später aus. Flüsse und Seen waren zentimeterdick zugefroren. In manchen Adventsnächten sank das Thermometer auf minus 20 Grad. Auf dem „neuen“ Doktorsee und auf dem Steinhuder Meer tummelten sich Scharen von Schlittschuhläufern. „Sibirische Kälte hält ganz Europa gefangen“ titelte am 18. Dezember 1961 die Bückeburger Landes-Zeitung. Das war damals doppeldeutig gemeint. Zwischen dem Westen und den Herren im Kreml herrschte tiefe Eiszeit. Der Streit um einen ungehinderten Interzonenverkehr war zum Nervenkrieg eskaliert. Die Westdeutschen stellten Heiligabend Gedenk-Kerzen für die „lieben Brüder und Schwestern“ jenseits von Mauer und Stacheldraht aufs Fensterbrett.

Genauso verschieden, schwankend und unvorhersehbar wie das Auf und Ab der Temperaturen waren die jeweiligen Lebensverhältnisse.

Vor hundert Jahren waren die hierzulande lebenden Leute noch Untertanen. Die Schaumburg-Lipper hatten einen Fürsten und ihre Nachbarn in der preußischen Grafschaft Schaumburg einen in Personalunion als Kaiser von Deutschland amtierenden König über sich. An Demokratie, Frauenwahlrecht oder gar „Wutbürger“ wagte im Jahr 1911 noch niemand zu denken.

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  • Im 18. Jahrhundert startete die Obrigkeit Versuche, das „ausschweifende Festtagsunwesen“ zu unterbinden.

Auch 50 Jahre später, 1961, war es um die politischen Rahmenbedingungen noch ganz anders als heute bestellt. Die Menschen hatten zwei schreckliche Weltkriege hinter sich. Diejenigen, die Schützengräben, Vertreibung, Bombenhagel und/oder Gefangenschaft überlebt hatten, waren von morgens bis abends mit Wiederaufbau und Wirtschaftswunder beschäftigt. Vom Prämiensparkonto wurden ein Sommerurlaub an der Adria, neue Möbel oder ein größerer Fernsehapparat abgezweigt. Auch der Eigenheimbau boomte. Bei VW lief Ende des Jahres der fünfmillionste Käfer vom Band.

Die gewaltigen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen schlugen sich auch in puncto Weihnachtsgeschenke und Festgewohnheiten nieder. Im Vergleich zu heute war der Advent stiller und dunkler. Grelle Neonreklame, Weihnachtsmärkte, Bescherungen an der türkischen Riviera und viele andere Formen des heutzutage üblichen Drumherums gab es noch nicht. Nicht umsonst ist von einem zunehmenden Verlust von Nähe und Innerlichkeit und von einem konsumbedingten Niedergang der Festtagskultur die Rede.

Doch vor vorschnellen Urteilen sei gewarnt. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass es schon einmal viel schlimmer als heute war. Besonders heftig ging es im 18. Jahrhundert zu. „Voller Betrübnis“ habe man erfahren müssen, „was für ein großer und ärgerlicher Mißbrauch, Aberglaube, Gesöff und andere Unordnung bei der in der Frühe und bald nach der Mitternacht des heil. Christfestes gehalten Messen vorzugehen pflege“, zeigte sich 1728 das „HochGräfl. Schaumb.-Lippische Consistorium“ schockiert. So sei es vorgekommen, „daß die jungen Leute, wie auch andere haufenweise zusammenlaufen, in den Häusern und auch außer denselben allerhand Mutwille getrieben, gespielet, Branntwein getrunken und andere Unordnung angefangen“. Anschließend seien sie „in solchem wüsten Sinn nach der Kirche gekommen“ und hätten ihr „ärgerliches Wesen auch unter dem Gottesdienste fortgesetzt, anbei Würste und andere unanständige Dinge mitgebracht und mit solchen und auf andere Weise allerhand Aberglaube gepflogen und sonst die Andacht gehindert und gestöret“.

Einem „solchen ärgerlichen, Christen nicht geziemenden und besonders zu einer so heiligen Zeit ganz unanständigen, wüsten, der Andacht und Erbauung der Seelen hinderlichen Wesen“ könne und werde man nicht länger zusehen, machten die Beamten des damals amtierenden Grafen Albrecht Wolfgang klar. Künftig habe sich jeder Untertan „stille, christlich und eingezogen zu halten, mit Herumlaufen, Saufen oder Aberglauben und anderm unchristlichen Wesen sich nicht zu versündigen, sondern diese heilige Zeit der seligmachenden Geburt unseres Heilands also würdiglich zu feiern“.

Die Weisung scheint nicht die erhoffte Wirkung gehabt zu haben. Jedenfalls sah sich 40 Jahre später Wolfgang Albrechts Sohn und Nachfolger Graf Wilhelm genötigt, zu rigoroseren Mitteln zu greifen. Das Ergebnis war eine neue, 1770 in Kraft gesetzte Regelung zur Zügelung des „ausschweifenden Festtagsunwesens“. Neben Ostern und Pfingsten war auch Weihnachten betroffen. Von den bis dato drei, zu Ehren von Christi Geburt begangenen Feiertagen wurde einer abgeschafft – eine Maßnahme, die vom Ergebnis her bis heute Gültigkeit hat.

Die bisherige Erfahrung habe „mehr als zu viel bezeuget“, daß die „vielen Feyer- und Festtage Gelegenheit geben, die Zeit mit Müßiggang zu verschwenden“, ließ Wilhelm von der Kanzel herab verkünden. „Statt zu dem Endzweck, wozu solche eigentlich bestimmet sind, werden sie auf eine üppige Weise in Schencken und Krügen verbracht“.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts manifestierte sich das Bild vom Weihnachtsfest als Familienereignis mit Kinderbescherung, Christbaum und viel Schnee vor der Tür (Postkarte von 1929).

Repros: gp



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