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Hermine Gothe (77) hat bei den britischen Streitkräften gearbeitet - und Kontakt gehalten

"Was zum Essen kaufen - oder Fahrkarten?"

Obernkirchen. Er ist ihr gleich aufgefallen, der Engländer mit der niedlichen Haartolle. Geoffrey Lipscomb war damals 21 Jahre und Gefreiter, Hermine Gothe ein junger Backfisch und froh, dass sie jemand unter seine Fittiche nahm. Die auf einem Ahnsener Bauernhof groß gewordene heute 77-Jährige war über die Arbeitsvermittlung zum "Command Account", den britischen Streitkräften in Bad Eilsen, gekommen, weil sie den Anforderungen an eine Arbeitskraft in der Hauptrechnungsstelle der britischen Armee entsprach: Sie hatte Steno, Schreibmaschine und Buchführung auf der Volkshochschule gelernt, ein bisschen Englisch sprach sie auch, den Rest konnte sie prima vom Plattdeutschen ableiten.

Autor:

Frank Westermann

Vier Jahre blieb sie bei "den Engländern", wie sie sie heute noch nennt, doch den Kontakt hat Hermine Gothe nicht abreißen lassen. Der Weg war für Mädchen vorgezeichnet, als Hermine Gothe jung war: Volksschule und Heirat - alles andere wurde als Zeit- und Geldverschwendung betrachtet: Eine Frau, das war eine künftige Ehefrau und Mutter. Sie hat sich lange gegen diesen Lebensweg gewehrt, erklärt sie heute, lieber wäre sie weiterhin zurSchule gegangen, doch die Zeiten, sie waren eben nicht so. 1955 hat sie geheiratet und ist nach Mönchengladbach gezogen, 1958 und 1960 kamen zwei Töchter zur Welt. Sie ist dann zurückgekommen nach Obernkirchen, und hat bei Bornemann doch noch eine Lehre gemacht, als Bürokaufmann, wie das damals noch geschlechtsunabhängig hieß. Einmal hat sie den Arbeitgeber noch gewechselt, sie ist zur Heeresfliegerwaffenschule gegangen, wo sie beim Kommandeur Oberstleutnant Ernst Rammacher als Sekretärin arbeitete. 19 Jahre hat sie dort ihr Geld verdient, erst als ihre Mutter krank wurde und Pflege benötigte, stieg sie aus dem Arbeitsleben aus. Als ihre Mutter Mitte der 90-er Jahre starb, hat sich Hermine Gothe einen Traum erfüllt: Sie hat an der Abendschule ihren Realschulabschluss nachgeholt: "Weil mir mein Arzt zugeraten hat. Er hat mir erklärt, ohne Mutter und Beruf müsste ich was Neues anfangen, sonst wäre mein Leben zu leer." Die Ehe war damals längst geschieden, erzählt sie, aber bei ihren Töchtern hat sie richtig gemacht, was ihre Eltern falsch entschieden hatten: Sie durften auf die höhere Schule. Einfach war es nicht, erzählt Hermine Gothe: "Oft habe ich Pellkartoffeln in Wasser eingelegt und sie dann im Wasser in der Pfanne anbrennen lassen. Das ergab dann Bratkartoffeln. Margarine hatten wir ja nicht." Oftmals habe sie ihre beiden Kinder gefragt: "Was zum Essen kaufen - oder lieber die Busfahrkarten zur Schule?" Es hat sich gelohnt, die Töchter bestanden ihr Abitur mit einem Schnitt von 1,3 und 2,3. Den Kontakt zu "ihren" Engländern hat sie in der ganzen Zeit gehalten, auch zum Engländer mit der niedlichen Haartolle und dessen Familie. In Bad Eilsen treffen sich die Engländer immer noch regelmäßig, einmal im Jahr, zur "Reunion". Hermine Gothe ist dabei. In der letzten Woche haben 35 Engländer die Bergstadt besuchtund besichtigt, Hermine Gothe hat sich um alles gekümmert: den Empfang beim Bürgermeister, den Stadtrundgang, das Kaffeetrinken. Und am späten Abend war sie auch beim Grillen dabei. Dort hat sie dann eine Frau getroffen, die ihr doch bekannt vorkam. Und tatsächlich: 1945 hatte man sich auf dem Hof in Ahnsen kennengelernt. Die Welt, sie ist zuweilen doch recht klein undübersichtlich.




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