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Was tun, wenn die Arbeit krank macht?

Eine Sekretärin, die ihre Arbeit plötzlich nicht mehr in den sonst benötigten acht Stunden schafft, ein Sachbearbeiter, der fahrig wird und plötzlich wichtige Termine vergisst, oder ein Bankkaufmann, der Fehler macht, wo absolute Genauigkeit erfragt ist – wenn Arbeitnehmer sich plötzlich verändern, sollten Arbeitgeber aufmerksam sein. Während ein gebrochenes Bein sofort sichtbar ist, kommen psychische Erkrankungen häufig schleichend daher. Aufgeklärt zu sein, ist der erste Schritt, um vorzubeugen und zu helfen.

Autor:

Matthias Rohde

An diesem Tag sind es die Mitglieder des Arbeitgeberverbandes der Unternehmen im Weserbergland (AdU), die den Ausführungen des Facharztes aufmerksam folgen. Gerade diese besondere Aufmerksamkeit sei es auch, die im Alltag des Unternehmens nötig sei, um eine drohende psychische Erkrankung eines Arbeitnehmers zu erkennen, mahnt Dr. Uwe Gerecke, Facharzt für Arbeitsmedizin. Psychische Erkrankungen wie Depressionen sind wesentlich schwieriger zu diagnostizieren als Atemwegs- oder Muskel- und Skeletterkrankungen. Dennoch habe sich hinsichtlich der Diagnose psychischer Erkrankungen in den letzten Jahren einiges getan, berichtet Gerecke, der Lehrbeauftragte für Arbeitsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover. Er informiert in Vorträgen unterschiedlichste Interessengruppen in ganz Niedersachsen über psychische Erkrankungen aus arbeitsmedizinischer Sicht. „Von 100 therapiebedürftigen depressiven Menschen sind rund 65 in hausärztlicher Behandlung. Rund 35 dieser Patienten sind als depressiv diagnostiziert und nur zehn werden ausreichend behandelt“, liefert Gerecke Statistiken, die auch die Zuhörer hier überraschen. Dennoch: Weder Schaumburg noch Weserbergland sind weiße Flecken auf der Landkarte psychischer Erkrankungen, wie auch Peter Greulich weiß.

Der Leiter des AdU-Arbeitskreises „Kirche – Wirtschaft“ erzählt aus seinen Beratungsgesprächen. Von seinen Firmen-Kunden habe er häufiger gehört, dass sie feststellten, dass ein Arbeitnehmer sich in einem bestimmten Zeitfenster verändert habe. In einem Fall war es der Chef, der laut dessen Sekretärin wesentlich länger für seine Arbeit gebraucht habe als zuvor. Das kann durchaus ein Indiz für eine extreme Belastung sein, die sich auf die Psyche auswirkt. Eine fundierte Diagnose allerdings könne nur ein Facharzt stellen, so Gerecke. Zu ihm allerdings schaffen es viele Patienten erst gar nicht, denn noch immer gibt es in der Gesellschaft Vorbehalte psychischen Erkrankungen gegenüber. Neben der Tabuisierung besteht das Problem, dass die Versorgungsdichte von Fachärzten im ländlichen Raum deutlich geringer ist als in Ballungsgebieten. Bereits 2005 hat die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) in ihrem Gesundheitsreport auf psychische Erkrankungen hingewiesen. Diplompsychologe Frank Meiners der DAK sagt, dass die Tabuisierung zwar abnehme und gegenüber 1990 deutlich zurückgegangen sei, dennoch blieben viele psychische Erkrankungen unerkannt. Oder erst einmal unbehandelt. Denn „selbst wenn es die Diagnose einer psychischen Erkrankung gibt, kommen lange Wartezeiten auf die Patienten zu“, sagt der Geschäftsbereichsleiter Arbeitsunfähigkeit der Hamelner Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK), Heinrich Rode. Was für den Patienten persönlich großes Leid bedeutet, wirkt sich auch für den Arbeitgeber negativ aus: Durch Wartezeit, in denen der Betroffene keine Hilfe erfährt, erhöhten sich die krankheitsbedingten Fehlzeiten.

Was bei Rückenproblemen längst üblich ist, gestaltet sich bei psychischen Erkrankungen schwierig: präventiv zu arbeiten. Meiners: „Prävention bei psychischen Erkrankungen ist schwierig, denn eine solche Krankheit ist nie monokausal.“ Wichtig sei, zu begreifen, dass chronischer Stress ein Risikofaktor für eine psychische Erkrankung ist. Aber im Gegensatz zum Rauchen als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen könne man den Stress nicht einfach an den Nagel hängen. Laut Mediziner Gerecke würden beispielsweise Depressionen immer noch als persönliches Versagen wahrgenommen und nicht als das, was sie sind: „Behandlungsbedürftige Krankheiten.“ Eine Krankheit, die schlimmstenfalls zum Tod führen kann, wie eine Statistik aus dem Jahr 2007 zeigt. Während im Straßenverkehr 5011 Personen tödlich verunglückten, 1394 wegen Drogenkonsums und 461 an den Folgen von Aids starben, wurden 9402 Selbstmorde erfasst. 90 Prozent der Menschen, die sich das Leben nahmen, litten an einer psychischen Erkrankung, allein rund 50 Prozent an einer Depression. Die AdU-Mitglieder werden durch Gerecke an Hannover-96-Torwart Robert Enke erinnert. Und auch die Selbstmordserie beim französischen Telekommunikationsunternehmen „France Telecom“ holte der Arzt noch mal als Mahnmal hervor. 23 Mitarbeiter hatten sich dort innerhalb von 18 Monaten in den Jahren 2008 und 2009 das Leben genommen.

Information steht an erster Stelle: Etliche Mitglieder des Arbeitgeberverbandes Weserbergland AdU lassen sich hier von Dr. Uwe Gerecke über psychische Belastungen am Arbeitsplatz informieren.

Neben individuellen Ursachen für eine kranke Psyche machen die Experten in dem Leistungsdruck eine weitere Ursache für den Anstieg der Erkrankungen aus. Ängste spielen eine erhebliche Rolle: Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, Angst, nicht mehr Schritt halten zu können in einer immer rasanter werdenden Arbeitswelt. Häufig werden psychische Erkrankungen von einer körperlichen Symptomatik überlagert. Meiners: „So kann sich eine akute psychische Erkrankung chronifizieren, und am Ende begibt sich der Patient auf eine regelrechte Facharztodyssee.“

Es werde zu spät behandelt, kritisiert Gerecke, und häufig auch noch falsch. Außerdem werde oft genug kein Facharzt hinzugezogen. Für Gerecke kommt erschwerend hinzu: „Selbst wenn ein Patient dann behandelt wird, kann es zu Therapiefehlern kommen, wie zum Beispiel eine zu niedrige Dosierung eines Medikamentes oder ein frühzeitiger Therapieabbruch.“

Wie mit den Entwicklungen umzugehen ist, bewerten die Experten unterschiedlich. Heinrich Rode von der AOK ist überzeugt: „Die Versorgungsstruktur ist der aktuellen Situation noch nicht angepasst.“ Gerecke dagegen setzt auch bei den Arbeitgebern an und appelliert: „Gute Arbeit wirkt antidepressiv. Die Arbeitnehmer arbeiten für Lohn, aber nicht nur für Geld.“ Eine offene Kommunikation, Teamarbeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und nicht zuletzt Wertschätzung und Anerkennung seien Garanten für ein gutes und damit gesundheitsförderndes Betriebsklima. Der Einfluss von Führungskräften auf die Befindlichkeit einer Gruppe von Arbeitnehmern ist dabei erheblich, macht Gerecke deutlich. In der Produktion eines deutschen Automobilherstellers seien bei zwei Teams deutlich unterschiedliche krankheitsbedingte Fehltage festgestellt worden. Bei dem einen Team lag die Quote über mehrere Jahre bei rund 15 Prozent, bei dem anderen im gleichen Zeitraum bei rund 5 Prozent. Auf der Suche nach Lösungen entschied man sich dafür, die Teamleiter der beiden Teams gegeneinander auszutauschen. „Nach kürzester Zeit zeigte sich, dass der Krankenstand im ersten Team deutlich zurückging und der des anderen deutlich anstieg.“ Nach geraumer Zeit hätten sich so die Quoten der krankheitsbedingten Fehltage von dem einen Team aufs andere übertragen. Staunende Blicke und offene Münder der heimischen Arbeitgeber. Dennoch: Kein Hamelner Unternehmen kann sich mit den Mitarbeiterzahlen eines Automobilherstellers vergleichen, umso wichtiger sei es, aufmerksam zu sein und dabei auch den Blick für die Gesundheit der Beschäftigten zu schärfen.

Der AOK-Vertriebsleiter für das Weserbergland, Friedhelm Krückeberg, weist in diesem Zusammenhang auf speziell für Arbeitgeber entwickelte Programme hin. Auch und gerade im Hinblick auf die Zunahme der psychischen Erkrankungen gebe es zum Beispiel Module, die sich mit Zeit- und Selbstmanagement befassen oder die Möglichkeiten aufzeigen, wie betriebliche Umstrukturierungen besser auszuhalten sind.

Schlussendlich sei jedoch bei allen Beteiligten in der Arbeitswelt ein hohes Maß an Sensibilität, Offenheit und Bewusstsein nötig – bei Arbeitgebern, aber auch bei den Arbeitnehmern. Das Thema Selbstverantwortung spiele eben auch eine wichtige Rolle, meint Rode. Unternehmen, die in eine betriebliche Gesundheitsförderung investieren wollten, benötigen Zeit und Geld. Das Wichtigste allerdings sei – da sind sich offenbar alle einig –, dass über das Thema psychische Erkrankung offen gesprochen werde und Ängste bei den Betroffenen abgebaut werden.

Ob die krankheitsbedingten Fehlzeiten in der Wirtschaft zu- oder abnehmen, darüber ist man sich innerhalb des Gesundheitswesens uneinig. Während einige Krankenkassen von einem Anstieg sprechen, verkünden andere einen leichten Rückgang. Einig hingegen sind sich die Experten in einem Punkt: Der Anteil der psychischen Erkrankungen nimmt seit Jahren kontinuierlich zu.




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