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Auch Bad Nenndorfer inhaftiert / Mehr als 400 Gefangene

Was im Wincklerbad geschah

Bad Nenndorf (tes). Das Interesse der Nenndorfer an den Vorgängen im britischen Verhörzentrum Wincklerbad wächst. Rund 100 Zuhörer verfolgten im Hotel Hannover den Vortrag von Referent Guido Scholl. Im Namen des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt" war der Journalist der Frage nachgegangen "Was geschah wirklich im Wincklerbad?" und ergänzte die Forschungen von WDR-Autor Heiner Wember um neue Erkenntnisse. Nach dem Vortrag meldeten sich weitere Nenndorfer Zeitzeugen, die den Arbeitskreis künftig unterstützen wollen.

Seit Jahren arbeitet eine kleine Gruppe Bad Nenndorfer an einer Chroniküber das Kurbad und das Verhörzentrum, das von August 1945 bis Juli 1947 streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit als Foltergefängnis galt. Dem Geschichtskreis liegen etwa ein Dutzend Aussagen von Zeitzeugen vor. Viele Details scheinen angesichts widersprüchlicher Quellen fraglich. So bezweifelt Scholl die Aussage eines Häftlings, dieser habe Essensreste aus einem Villenviertel holen müssen. Es sei davon auszugehen, dass es sich nur um den äußeren Ring des Lagers gehandelt habe. Genaue Aussagen zur Größe des Lagers konnte der Referent noch nicht machen. "Es gibt unterschiedliche Pläne", erklärt Scholl. Nicht nur vor dem Hintergrund der alljährlichen Neonazi-Aufmärsche brannte dem Publikum die Frage unter den Nägeln: "Warum ausgerechnet in Bad Nenndorf?" Naheliegend die Antwort: Im Schlammbadehaus waren (Bade)zellen vorhanden, das Gelände ließ sich leicht einzäunen und die ganze Gegend lag im Zentrum der Besatzungszone. Dass im Wincklerbad gefoltert wurde, blieb unstrittig. "Das Verhörzentrum unterstand dem Geheimdienst und dessen Methoden kamen zum Einsatz - Verstümmelung, Hunger, Schlafentzug und Psychoterror", erklärt Scholl. Es gab mehr als 400 Gefangene, Häftling Helmut Broichsitter wurde zum Tode verurteilt. Ein Scheinurteil, wie dieser nach endlosem Warten auf die Vollstreckung erfahren habe. "Morgens wurde man hochgebrüllt", berichtete Kaufmann und Stifter Alfred C. Toepfer in einem Tonbandmitschnitt vom Hunger in seiner unbeheizten Einzelzelleohne frische Luft oder Kontakt nach außen und einem Bett aus lückenhaften Brettern. Marie Steinmeier, wohnhaft im Erlengrund, habe eines Nachts einem Häftling, der vor ihrer Tür um Hilfe flehte Kleidung gegeben. Am nächsten Tag wurde das Ehepaar Steinmeier wegen Fluchthilfe verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis in Hameln verurteilt. Der Mann kam so krank zurück, dass er starb. Steinmeier sei bei seiner Festnahme in Ketten gelegt und geschlagen worden, mahnten weitere Zeitzeugen im Publikum, man dürfe nicht verschweigen, wie hier gefoltert wurde. Handwerker Hugo Ehle, der als einer der Ersten nach der Räumung das Lager betreten habe, berichtete von Blutflecken an den Wänden. Der heute 80-Jährige pflegte Kontakt zu einem britischen Soldaten im äußeren Ring des Lagers. Wünsche nach mehr Namen und Fakten blieben vorerst unerfüllt. "Das ist kein Forschungsprojekt", erklärte DGB-Regionssekretär Steffen Holz. Vieles sei Spekulation, bis die Briten im Jahr 2017 alle Unterlagen freigeben. Das Bündnis plant eine Broschüre und ist dafür auf Spenden angewiesen.




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