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„Warum wird bestraft, dass ich arbeite?“

Jessica Nolting aus Deckbergen ist empört: „Warum werde ich bestraft, wenn ich arbeiten gehe?“ fragt sie in einem Brief an die Zeitung. Die 31-Jährige ist alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern – Nena ist zweieinhalb Jahre alt, Luna ein Jahr jünger – und arbeitet mit 30 Wochenstunden für eine große Firma, deren Schaufenster sie gestaltet. Es ärgert sie, dass sie durch die Kosten für die Kindergartenbetreuung ihrer Töchter rund 100 Euro weniger zur Verfügung hat als wenn sie nicht arbeitete.

Autor:

Cornelia Kurth

Jessica Nolting aus Deckbergen ist empört: „Warum werde ich bestraft, wenn ich arbeiten gehe?“ fragt sie in einem Brief an die Zeitung. Die 31-Jährige ist alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern – Nena ist zweieinhalb Jahre alt, Luna ein Jahr jünger – und arbeitet mit 30 Wochenstunden für eine große Firma, deren Schaufenster sie gestaltet. Es ärgert sie, dass sie durch die Kosten für die Kindergartenbetreuung ihrer Töchter rund 100 Euro weniger zur Verfügung hat als wenn sie nicht arbeitete. Jessica Nolting erklärt: „Würde ich Hartz IV beziehen, ich würde die Kita komplett bezahlt kriegen (die ich dann gar nicht mehr bräuchte), ich hätte weniger Stress jeden Tag und viel mehr Zeit für meine Kinder.“

Diesen Brief schrieb die Mutter nicht etwa, weil sie es bereut, nach dem Erziehungsurlaub wieder eine Arbeit angenommen zu haben. „Im Gegenteil, ich bin heilfroh, dass mein Chef mich wieder eingestellt hat“, sagt sie. „Ich liebe meinen Beruf! Außerdem ist es gut, unter Leute zu kommen. Ich will unbedingt selbst für meinen Lebensunterhalt aufkommen. Würde ich jetzt nicht arbeiten, wer weiß, ob ich in zwei oder drei Jahren überhaupt noch Arbeit fände.“ Was sie aber nicht verstehen kann: „Warum bezahlt die Stadt mir keinen Zuschuss zu der Kita-Betreuung? Wenigstens so viel, dass ich genauso viel Geld hätte wie als Hartz-IV-Empfängerin.“ Ob sie da am Ende allerdings finanziell besser dastünde als jetzt, ist nicht sicher.

359 Euro Hartz-IV-Unterstützung bekommt ein alleinstehender Mensch zur Bestreitung des Lebensunterhaltes. Karin Möller (62) aus Rinteln (Name von der Redaktion geändert) lächelt und sagt: „360 Euro zum Leben, das wäre schön! Hätte ich wirklich so viel Geld zur Verfügung, ich würde Sie sofort zum Essen einladen.“ Tatsächlich aber sind Restaurantbesuche für sie ganz abwegig, ebenso wie die meisten anderen etwas kostspieligeren Dinge des Alltags wie Kino- oder Theaterbesuch. Einziger Luxus, den sie sich gönnt: Die Monatsfahrkarte für den Bus, damit sie ihre Freunde in den umliegenden Ortsteilen besuchen und damit ihre Kontakte pflegen kann.

Karin Möller zahlt nämlich von ihrem für den alltäglichen Lebensunterhalt gedachten Geld neben Unfallversicherung, Strom und Telefon auch einen Anteil von 40 Euro zusätzlicher Miete. Ihre Wohnung, die sie vor vier Jahren neu bezog, ist acht Quadratmeter größer als es die Hartz-IV-Bestimmungen zulassen. Damals schien das kein Problem zu sein, die Wohnung war ihr genehmigt worden. Erst später stellte sich diese Genehmigung als ein Irrtum der Agentur für Arbeit heraus – die dann nicht mehr bereit war, die erhöhte Miete zu übernehmen, sondern einen erneuten Umzug in eine kleinere Wohnung forderte. „Man gab mir ein paar Monate Zeit dafür, aber ich will nicht umziehen“, sagt Karin Möller. „Ich habe mich an diese Wohnung gewöhnt, sie hat ein Zimmer mehr und einen kleinen Balkon. Einen Umzug, das würde ich gar nicht verkraften.“

Sie beklagt sich nicht, sondern schlägt sich auf ihre Weise durch. „Ich könnte natürlich zur Tafel gehen und mich dort für wenig Geld mit Lebensmitteln versorgen“, sagt sie. „Aber ich bringe das nicht über mich, ich schäme mich zu sehr. Ich bin ja alteingesessene Rintelnerin und möchte nicht, dass mich die Leute dort sehen.“ Richtig schwierig wird es, wenn plötzlich außerplanmäßige Kosten entstehen, wie jetzt, wo sie wegen einer Handverletzung von ihrem Hausarzt in eine radiologische Praxis in Minden überwiesen wurde. „Ich habe einfach kein Geld übrig, um die Fahrtkosten zu bezahlen“, sagt sie.

Die Schauwerbegestalterin Jessica Nolting kann zum Glück einen Firmenwagen nutzen, um über Land von Ladengeschäft zu Ladengeschäft zu fahren und ihre Arbeit auszuführen. „Ein eigenes Auto könnte ich mir niemals leisten!“ Dabei verdient sie mit einem Nettoeinkommen von 1000 Euro eigentlich genug, um damit über die Runden zu kommen. Zusammen mit dem Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt für ihre Kinder und dem Kindergeld hat sie monatlich etwa 1700 Euro zur Verfügung. Wären da nicht die hohen Kita-Gebühren, die patente und zugleich bescheidene junge Frau würde kaum ein Wort über ihre finanzielle Situation verlieren. „Ich liege mit meinem Einkommen 182 Euro über dem Hartz-IV-Regelsatz“, sagt sie. „Wegen der Kita aber bin ich letztlich eine ganze Ecke schlechter dran. Es geht. Ich kaufe zum Beispiel nur in Secondhand-Läden ein. Aber es ist irgendwie ungerecht!“

Dem stimmt Gisela Blenk im Rintelner Amt für Ordnung und Soziales zu. Sie war es, bei der Jessica Nolting den Zuschussantrag für die Kinderbetreuung stellte. „Frau Nolting ist nicht der einzige Fall, wo wir so einen Antrag nicht genehmigen können, obwohl die Familien dann weniger als den regulären Hartz-IV-Satz zur Verfügung haben“, sagt sie. „Es liegt unter anderem daran, dass nur ein Kind bei der Berechnung eines möglichen Zuschusses einbezogen wird. Außerdem lassen wir die Heizkosten außen vor. Die rechtlichen Bestimmungen des Sozialgesetzbuches geben uns keine andere Möglichkeit.“ Könnten Nena und Luna in einen städtischen oder kirchlichen Kindergarten gehen, würden die Gebühren am Einkommen der Mutter bemessen und niedriger liegen. Doch müssen die Kinder eine Kita besuchen, wo man sie trotz ihres jungen Alters sieben Stunden täglich betreuen kann. Und dort ist eine einkommensabhängige Gebührenstaffelung nicht vorgesehen.

Einen Trost gibt es für Jessica Nolting: Das letzte Kindergartenjahr vor der Einschulung ist in Niedersachsen kostenfrei. Außerdem besteht die Möglichkeit, Wohngeld zu beantragen, eine Option, die Jessica Nolting noch nicht in Betracht gezogen hatte. Damit käme sie zumindest auf das Einkommen, das Hartz-IV-Empfängern in vergleichbarer Situation zusteht. „So oder so will ich meinen Beruf auf keinen Fall aufgeben“, sagt die Mutter. „Wir schlagen uns schon durch!“

Auch Karin Möller will es irgendwie schaffen. Bevor sie vor 20 Jahren durch private Probleme aus der Bahn geworfen wurde und ihren Job verlor, war sie immer als Arbeiterin in verschiedenen Fabriken tätig, 20 Jahre lang in leitender Funktion. Trotz ihrer Bemühungen gelang es ihr nicht, eine neue Anstellung zu finden, abgesehen davon, dass sie eine alte Frau pflegte, bis diese starb. Von 1-Euro-Maßnahmen ist Karin Möller als über 60-Jährige inzwischen inoffiziell befreit. „Da werden die jüngeren Hartz-IV-Empfänger vorgezogen“, erläutert Martin Barwich aus der Sozialberatung der Diakonie in Rinteln. „Solange ich mir die Monatskarte für den Bus leisten kann, um meine Bekannten zu besuchen, wird es schon gehen“, so Karin Möller. Ob sie allerdings jemals bis in die radiologische Praxis kommt, ist noch fraglich. Martin Barwich sieht jedenfalls keine Möglichkeit, dass die Krankenkasse die Zusatzkosten übernimmt. „Das ist erst dann der Fall, wenn die Betroffenen bereits ein Prozent des Regelsatzes aus eigener Tasche bezahlt haben.“

Thomas Haupt (41) aus Hameln kennt sowohl das Leben mit Hartz IV als auch das Gefühl, endlich wieder eine Arbeit zu haben, die ihn unabhängig von staatlicher Unterstützung macht. Seit Anfang März arbeitet der verheiratete Vater von drei Kindern 25 Stunden wöchentlich als Fahrer im Patiententransport, eine Stelle, die ihm vom Arbeitgeberservice in Hameln vermittelt wurde. Zusammen mit dem Verdienst seiner Frau, die zuvor im Erziehungsurlaub war, liegt das Familieneinkommen nun etwa 100 Euro über dem Hartz-IV-Satz. „Das ist nicht viel, aber ich bin so glücklich, dass ich wieder arbeiten kann“, sagt er. „Endlich muss ich nicht mehr ständig vor dem Amt Rechenschaft über mein Leben ablegen.“ Lange Jahre schlug Thomas Haupt sich mit 400-Euro-Jobs und ergänzendem Hartz-IV-Geld durch. Seine Lehre als Koch hatte er damals kurz vor dem Ende wegen einer Mehlallergie abbrechen müssen. Danach machte er eine Umschulung zum Elektro-Assistenten und erweiterte sein Wissen mit Spezialkenntnissen rund um die Reparatur von Waschmaschinen. Trotzdem wurde er arbeitslos. Seine einzige berufliche Kontinuität bestand in seiner Tätigkeit als DJ, die er seit seinem 18. Lebensjahr mit Freude ausübt. Immer noch legt er für die englischen Gäste im „Papa Hamilton“ deren Lieblingssongs aus der Pop- und Rockmusikszene auf.

„Ich hatte großes Glück mit meiner Fahrerstelle“, sagt Thomas Haupt. „Beinahe hätte ich die neue Arbeit gar nicht angeboten bekommen, weil ich erst vor kurzem meinen Führerschein gemacht habe. Es war Zufall, dass eine andere Sachbearbeiterin mir die Bewerbung in die Hand gab.“ Nun sieht es ganz so aus, als würde er in sechs Monaten einen festen Vertrag abschließen können. „Das Geld ist immer noch sehr knapp“, meint er. „Vor allem die Kinder brauchen ständig neue Klamotten, neue Schuhe zum Beispiel. Wir Eltern gönnen uns selbst nur wenig, damit es unseren Kindern möglichst gutgeht.“ Was ihn am meisten freut, wenn er an die Zukunft denkt: Dass er sich endlich nicht mehr sagen lassen muss, er sei ja „nur“ ein Hartz-IV-Empfänger. „Das belastet einen sehr, ständig zu hören, man würde schmarotzen und auf Kosten der Allgemeinheit leben. Die Leute wissen ja meistens gar nicht, wie es dazu kam, dass man arbeitslos wurde.“

„Wir schlagen uns schon durch!“ Jessica Nolting (31) ist allein erziehende Mutter von zwei Töchtern. Mit den Kosten für die Kita-Betreuung von Nena (li.) und Luna hat die arbeitende Schauwerbegestalterin weniger Geld in der Tasche, als ihr über Hartz IV zustünde. Foto: tol




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