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Warum Pilze jetzt aus dem Boden schießen

Die Pilze sprießen in diesem Jahr so gut wie lange nicht mehr. Gerade das extreme Wetter der vergangenen Monate, erst heiß und trocken, dann kühl und sehr nass, hat Steinpilz, Champignon und Co. in Schaumburgs Wäldern aus dem Boden schießen lassen. Förster und Pilzexperte Heiner Wrede verrät uns, welche Pilze bei uns wachsen – und welche Arten nur mit Vorsicht zu genießen sind.

Autor:

Cornelia Kurth

„Ich habe es vorausgesagt! Dies wird ein großes Pilzjahr!“ Förster Heiner Wrede (62) aus Haste kann den Beweis gleich bringen. Am Vormittag nutze er eine Lücke im vollen Terminkalender, um schnell mal mit Korb und Pilzmesser in seinen Wald zu fahren, an eine dieser unbewachsenen Stellen zwischen Eichen, Buchen und Tannen, wo sein Gespür ihm sagte: „Hier sind sie!“ Und da waren sie auch: Steinpilze und Maronen, Perlpilz, Täubling und Rotfuß-Röhrling. Ein ganzer Korb voll duftender Waldernte. „Wenn es nach großer Hitze wieder feucht wird und dabei einigermaßen warm bleibt – das lieben die Pilze. Sie sind sehr sensible Wesen und wissen genau, wann es lohnt, für die Fortpflanzung zu sorgen.“

‚Sensible Wesen‘, ja, so redet der Förster über die Pilze. Von Kindheit an faszinieren ihn diese geheimnisvollen Gewächse, denen er in Wald und Flur nicht weniger auf der Spur ist als beim Studieren dicker Fachbücher. Mykologie war sein Lieblingsfach während seines Forststudiums, später belegte er noch einmal zwei Semester Fachstudium dazu. Immer noch nicht sei geklärt, sagt er, ob es sich bei den Pilzen biologisch um Pflanzen oder Tiere handele oder ob man ihnen ihr eigenes Reich zusprechen müsse. „Ja, da staunen viele: Pilze sollen keine Pflanzen sein? Aber sie wachsen doch fest am Boden und fressen keine Beute.“ Er lacht. „So einfach ist das nicht. Pilze kommen, anders als Grünpflanzen, ohne Chlorophyll aus. Sie ernähren sich von organischem Material, Holz zum Beispiel und Aas. Das klingt doch eher nach einem Tier.“

Nur besitzen (Wald-)Pilze aber weder Magen noch Darm. Sie verfügen über ein oft Quadratkilometer weites unterirdisches Geflecht aus Zellen, die feinste Fäden bilden, die Hyphen, mit denen sie ihre Nahrungsquellen durchdringen. Enzyme lösen die wertvollen Stoffe heraus und erst, wenn diese sich im Wasser lösen konnten, nimmt der Pilz sie auf. Da mag einem kein Tier einfallen, das sich ähnlich ernähren würde.

2 Bilder
Eine Stinkmorchel im frühen Stadium, ein sogenanntes Hexenei. Man kann es wie ein Spiegelei in der Pfanne braten und essen.

In Wirklichkeit legt sich die Wissenschaft inzwischen überwiegend darauf fest, dass sie eben einfach „Pilze“ sind, eine eigene Gattung, die den Menschen lange Rätsel aufgab, halten die meisten doch das „Männlein im Walde“ für den eigentlichen Pilz und wissen nicht, dass das nur der Fruchtkörper ist, die „Blüte“, wie Förster Wrede sagt, die vom Myzel, dem unterirdischen Geflecht, an die Oberfläche gesendet wird – immer dann, wenn die Bedingungen für Sporenbildung und Fortpflanzung stimmen.

Wer sich da auskennt, wird ein glücklicherer Finder bei der Pilzsuche sein und diese „Wesen“ zugleich so behandeln, dass sie sich nicht verschreckt für lange Jahre ins Erdreich zurückziehen oder gar so verwundet werden, dass sie nie wieder erscheinen. „Viele Pilzsammler gehen mit ihrem Messer in den Wald und schneiden den Pilz über dem Boden ab. Andere ziehen ihn einfach grob aus der Erde heraus. Beides verletzt die feinen Hyphen und verhindert oft, dass hier wieder ‚Blüten‘ entstehen“, so der Förster.

Er ist wieder in seinem Waldstück und schon nach wenigen Schritten findet er eine kleine Marone. „Rausdrehen muss man sie, ganz vorsichtig. Das Pilzmesser benutzt man, um die Erde abzuschaben und die Kappe zu säubern. Sonst braucht man später in der Küche ewig für das Pilzeputzen.“ Während er da steht, den Pilz in der Hand, sieht er sich weiter um. Da ist noch eine Marone und noch eine weitere, versteckt unter Laub. Kein Wunder: Wo ein Myzel existiert, schickt es mehrere Fruchtkörper nach oben. Deshalb gibt es diese „Stellen“, die Pilzsammler nur ungern an die Konkurrenz verraten.

Langsam schreitet er weiter, immer dort entlang, wo Bäume genug Schatten geben und kein Grünzeug am Boden den Pilzen im Weg wäre. Mit wachem Blick entdeckt er versteckte Steinpilze, deren Kappe nicht hellbraun, sonder fast weiß ist, weil sie unter Tannennadeln verborgen wuchsen. Er sieht die Rotfuß-Röhrlinge, die für das ungeübte Auge aussehen wie verwelkte Blätter, und pfeift fröhlich, als er eine Kolonie von Täublingen erblickt, deren pfeffrigen Geschmack er wohl zu schätzen weiß.

„Pilze sind so gesund!“ sagt er. „Nicht, dass sie kein Blei und Cadmium enthalten würden, das tun sie als Seismografen unserer Umweltsünden schon seit eh und je. Aber sie geben pure Lebensfreude!“ Durch den Wald zu streifen, alle Gedanken zu verbannen, die nichts mit den Pilzen zu tun haben, die Augen umherschweifen zu lassen und dann dieses Glücksgefühl zu spüren, wenn man fündig wird – das würde alles überwiegen, was man vielleicht auch an Schadstoffen einsammle. „Ich bin hier die Ruhe selbst“, meint er. „Ich stehe hier, putze den Pilz und lasse mich vom nächsten Fund weiter in den Wald hineinziehen. Nach so einem Spaziergang hat man sich außerdem so oft gebückt, dass man keine Gymnastik mehr zu machen braucht.“

Wirklich gefährlich wird es nur, wenn sich ein Giftpilz in den Sammlerkorb schmuggelt, genauer gesagt, wenn man einen Waldchampignon mit den jungen Fruchtkörpern des Grünen Knollenblätterpilzes verwechselt, der nicht umsonst auch „Grüner Würger“ heißt. „Ein daumennagelgroßes Stück in der Mahlzeit und eine zwölfköpfige Familie ist ausgelöscht“, so Heiner Wrede. Auch hier zeige sich, dass die Methode des Herausdrehens die beste sei, denn wer den Pilz abschneidet, sieht vielleicht nicht die Knolle am Stielansatz, die deutlich sagt: „Ich bin kein Champignon!“

Alle anderen Giftpilze in unserer Gegend können zwar zu üblen Magenverstimmungen und Brechanfällen führen, sind aber nicht tödlich, wenn man sie nicht in Riesenmengen verzehrt. Von jeder Pilzmahlzeit sollte man für den Fall des Falles beim Putzen Reste übrig behalten, damit ein Arzt dann sehen kann, was die Ursache war. „Ja, das ist nützlich“, sagt der Förster. „Nur beim ‚Grünen Würger‘ käme alle Erkenntnis zu spät. Gegen ihn und seine Leberzerstörung ist kein Kraut gewachsen.“

Ganz gemein ist noch ein anderer Pilz, den wohl niemand einsammeln würde, wenn er ein Namensschild auf der Kappe trüge. Er heißt zu Recht „Bitterling“ oder „Gallenröhrling“, doch sieht man ihm seine extreme Bitterkeit nicht an, im Gegenteil: Mit stämmigem Stiel und fester bräunlicher Kappe kann man ihn ohne Weiteres für einen Steinpilz halten. Nur die rosa Druckspur im Schwamm weist auf den Irrtum hin. „Ha ha“, Heiner Wrede lässt sich glatt zu spöttischer Häme hinreißen: „Ich habe schon gesehen, wie Pilzsammler sich auf eine Ansammlung von Bitterlingen stürzten – ‚Steinpilze, Steinpilze!‘. Deren gesamte Mahlzeit dürfte ziemlich ungenießbar geworden sein.“

Ansonsten ist er aber gar nicht fies, der pilzbegeisterte Förster. Sein kleiner Ausbruch ist einem Gespräch über die Pilzsammler-Netiquette zu verdanken. Gerade erzählte er von Menschen, die keine Hemmungen haben, die von einem anderen Pilzfreund gerade entdeckte Stelle zu räubern, noch während der Entdecker selbst dabei ist, die Pilze einzusammeln. „Sowas macht man einfach nicht!“ Genau so wenig, wie man madige oder zu reife Pilze einfach zertritt. „Damit beraubt man sie der Möglichkeit der Fortpflanzung“, sagt er. „Schlimm genug, dass Sorten wie Pfifferlinge und Steinpilze in manchen Landstrichen schon fast ausgestorben sind, weil sie unachtsam und in zu großem Umfang gesammelt wurden.“

Bevor den Förster das Handy zu anderen Verpflichtungen ruft, bückt er sich noch einmal, um ein sogenanntes „Hexenei“ aufzuheben, ein weißes, eiförmiges Gebilde, das ein frühes Entwicklungsstadium des Stinkmorchels ist. Er schneidet es auf und man sieht ein eigenartiges Inneres, das tatsächlich an ein von dunklem Glibber umgebenes Eidotter erinnert. „Man kann es in der Pfanne wie ein Spiegelei braten“, sagt er und wirft es im selben Moment über die Schulter weg: „Schmeckt mir aber ganz und gar nicht!“

Ebenso wenig würde er einen Riesenbovisten aufschneiden und „wie ein paniertes Schnitzel“ in die Pfanne geben. „Man kann es tun, sicher – wenn man nämlich gebratene Filzpantoffeln liebt.“

Seine eigenen Pilzgerichte sind einfach und köstlich: mit Zwiebeln und Knoblauch in Butter angebraten, etwas Rinderbrühe und später Rührei dazu – damit hat ein Pilz-Waldtag sein bestes Ende gefunden.

Pilzwanderungen: Wer mit Heiner Wrede durch die Schaumburger Wälder wandern und auf findige und unterhaltsame Weise in die Wissenschaft von den essbaren Pilzen – und wie man sie findet – eingeführt werden will, erhält weitere Informationen unter (01 72) 6 44 42 04 oder heiner.wrede@nsa-fuhrberg.niedersachsen.de.

Momentan gedeihen Pilze besonders gut – essbare wie giftige. Förster und Pilzexperte Heiner Wrede zeigt links den giftigen Knollenblätterpilz und rechts einen Waldchampignon. Sie sollte man besser nicht verwechseln, sind sich aber zum Verwechseln ähnlich.

Fotos: cok(2)/pr.




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