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Warum im Wald Inventur gemacht wird

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 waren die Ergebnisse der ersten Bundeswaldinventur angesichts der nicht berücksichtigten Waldbestände im Osten Deutschlands nur noch Makulatur. Zwischen 1986 und 1989 waren zwar die Daten für die Wälder der alten Bundesländer, nicht aber die der neuen Bundesländer erhoben worden. Eine Wiederholung der Datenerfassung wurde notwendig, die mit der zweiten Bundeswaldinventur 2002 erfolgte. Deren Ergebnisse sollen nun im Vergleich zu der bereits im März begonnenen dritten Bundeswaldinventur Auskunft darüber geben, wie sich der Wald im letzten Jahrzehnt verändert hat.

Autor:

Matthias Rohde

Ein Blick auf die niedersächsischen Wälder des Jahres 2002 zeigt, dass es deutliche Unterschiede zum Beispiel bei den Nadelhölzern in den unterschiedlichen Regionen gibt. Während die Kiefer sowohl im west- als auch im ostniedersächsischen Tiefland am häufigsten vorkommt, ist es im südniedersächsischen Bergland die Fichte. Genau dieser Baum aber sei besonders anfällig, wie der Leiter des Forstamtes Oldendorf, Christian Weigel, erklärt: „Zum einen ist die Fichte ein sogenannter Flachwurzler und damit besonders anfällig bei Stürmen, zum anderen haben es mit dem Buchdrucker und dem Kupferstecher gleich zwei Borkenkäferarten auf diesen Baum abgesehen.“ Mit der Douglasie, einem aus Nordamerika stammenden Nadelbaum, steht Experten zufolge eine Alternative zur Fichte zur Verfügung. Gerade bei den Fichten setzt man bereits seit vielen Jahren auf Naturverjüngung. Gleichzeitig aber werden auch immer mehr Douglasien in den Wäldern des Weserberglandes angepflanzt. Dessen ungeachtet sei der Zustand der Fichtenbestände in der heimischen Region befriedigend, ist im Forstamt in der Hessisch Oldendorfer Südstraße zu erfahren. Besonders herausragend war der 2002 im südlichen Niedersachsen gemessene Anteil der Buchenbestände, denn während im nördlichen Tiefland die Buche lediglich rund fünf Prozent des gesamten Waldes ausmachte, waren es in Bergland 38 Prozent. Christian Weigel: „Jede Baumart benötigt ganz besondere Voraussetzungen, und für die Buche sind unsere Böden und Witterungsverhältnisse optimal.“

Zuständig für die Bundeswaldinventur sind aber nicht die Forstämter, sondern das niedersächsische Forstplanungsamt, das in Wolfenbüttel seinen Sitz hat. Dirk Strauch ist Pressesprecher für das östliche Niedersachsen dieser Behörde. Er erklärt, wie die Daten ermittelt werden: „Über eine Deutschlandkarte wird eine Art Raster in Form eines Gitternetzes gelegt. Wenn ein Schnittpunkt der horizontalen und vertikalen Linien dieses Rasters ein Waldgebiet ausweist, dann wird dieses Waldgebiet zu einem Stichprobenpunkt.“ Insgesamt 4000 solcher Stichprobenpunkte gäbe es allein in Niedersachsen. Bei der dritten Bundeswaldinventur werde, so Dirk Strauch, exakt das gleiche Raster verwandt, wie bereits bei den beiden vorangegangenen Bundeswaldinventuren. Die Ziele der Inventur, die von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde, seien vielschichtig, vornehmlich aber vor dem Hintergrund forstpolitischer Überlegungen formuliert. Einerseits könnten mit den Ergebnissen Prognosen über das zu erwartende Holzaufkommen berechnet werden, andererseits könne gleichfalls ermittelt werden, wie sich die prozentualen Baumartenanteile in Deutschland verändert haben, erklärt Strauch. Und er fügt hinzu: „Wir rechnen damit, dass unsere vier in Niedersachsen zur Verfügung stehenden Messteams im nächsten Jahr die Datenerhebung an den 4000 Stichprobenpunkten abgeschlossen haben. Erste Ergebnisse aus diesen Daten sind aber erst für das Jahr 2015 zu erwarten.“

Dass der Wald eine volkswirtschaftliche Größe ist, das steht auch für Forstamtsleiter Christian Weigel fest: „Gerade das zunehmende Bewusstsein in der Gesellschaft für regenerative Energien macht sich auch in der Forstwirtschaft bemerkbar.“ Lag der Preis für einen Kubikmeter Industrieholz 2005 noch bei rund 28 Euro, so sind es jetzt schon 46 Euro, die ein solcher Kubikmeter erziele. Industrieholz werden unter anderem die Äste eines Baumes genannt, die nicht gerade gewachsen sind und deswegen zum Beispiel bei der Produktion von Spanplatten zum Einsatz kommen oder eben als Brennstoff dienen. „Brennholz kostet rund 55 Euro und beim Stammholz sind natürlich noch höhere Preise zu erzielen.“ So falle zum Beispiel für gute Buchenstämme ein Preis von 180 Euro pro Kubikmeter an und bei besonders seltenen Hölzern, wie dem Baum des Jahres, der Elsbeere, sind es gar 9000 Euro pro Kubikmeter.

Der Wald, so Weigel, verändere sein Gesicht in der Regel nur in großen Zeitintervallen. „Natürlich sind die durch ‚Kyrill‘ verursachten Schäden immer noch in den Wäldern zu spüren, aber auch deutsche und europäische speziell für Laubhölzer aufgelegte Förderprogramme haben sich auf den Baumbestand des Waldes ausgewirkt.“ 2007 hatte ein Orkan in ganz Europa massive Schäden angerichtet. Allein in Deutschland fielen damals rund 37 Millionen Kubikmeter Holz dem Jahrhundertsturm zum Opfer. Der Bestand, beispielsweise an Fichten und anderen Nadelhölzern, sei mittlerweile so weit zurückgegangen, dass der Bedarf nicht ausreichend gedeckt werden könne. Strauch hingegen wählt eine andere Formulierung: „Der nachhaltige Waldbau in Niedersachsen sorgt dafür, dass wir immer liefern können, aber immer nur bestimmte Mengen.“ Mit großem Unbehagen beobachten Strauch, Weigel und mit ihnen die meisten Forstexperten den massiven Raubbau an der Natur rund um den Globus. Forstdirektor Weigel zeigt während der Fahrt zum Hohenstein auf einige Buchenstämme, auf denen kryptische Zeichen Auskunft darüber geben, was mit diesem Holz passiert: „Die gehen zum Beispiel nach China.“ Gerade in Asien und Südamerika sei es zu flächendeckendem Kahlschlag gekommen, sodass zum Beispiel China seinen Holzbedarf rund um den Globus einsammelt. „Genau aus diesem Grund legen wir in Niedersachsen den allergrößten Wert darauf, dass beständig mehr Holz zuwächst, als geerntet wird.“ Eigens dafür habe man – ähnlich wie bei der bekannten Schuldenuhr – eine Holzzuwachsuhr eingerichtet, die im Internet unter www.landesforsten.de/Wald-hat-Zeit.2232.0. html den aktuellen Zuwachs in Echtzeit darstellt.

„Aktuell werden in Niedersachsen rund 2,2 Millionen Kubikmeter Holz pro Jahr geerntet, aber im selben Zeitraum wachsen 2,8 Millionen Kubikmeter Holz hinzu“, erklärt Dirk Strauch. Zwischen 1987 und 2002 wuchs der niedersächsische Wald im Vergleich zu allen anderen alten Bundesländern mit 43 980 Hektar am stärksten. Zum Vergleich: In Bayern gab es im gleichen Zeitraum mit nur gut 7000 Hektar den zweitgrößten Zuwachs und in Rheinland-Pfalz schrumpfte der Wald sogar um fast 8000 Hektar. Von den insgesamt rund 130 000 Hektar Neuwald, die zwischen 1987 und 2002 bundesweit entstanden, war Niedersachsen mit über 62 000 Hektar für fast die Hälfte verantwortlich.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte habe man sich immer mehr von Kahlschlägen entfernt und sich der Einzelstammnutzung zugewendet. Zudem sei es zu einem Umdenken in der Forstwirtschaft gekommen: „Es wird immer mehr Wert auf Naturverjüngung gelegt“, sagt Strauch.

„Rund zwei Drittel des Waldes befindet sich nicht im Besitz der Landesforsten, sondern gehören Privatpersonen, Kommunen, Genossenschaften und anderen Institutionen“, erklärt Forstdirektor Weigel. Gerade bei den privaten Wäldern gäbe es eine Vielzahl von Kleinstflächen, für die eine Forsteinrichtung (diese dient in der Forstwirtschaft der Betriebsregelung und ist ein Führungs- und Planungsinstrument für den Forstbetrieb) nicht in Frage käme. „Zwar besteht für die Besitzer dieser kleinen Wälder die Möglichkeit sich mit anderen privaten Waldbesitzern zusammenzutun, aber dazu kommt es nur sehr selten“, erklärt Weigel. Zu unterschiedlich seien die Interessen der privaten Waldbesitzer, zu aufwendig eine Forsteinrichtung und schlussendlich auch zu teuer. In Niedersachsen befinden sich rund 670 000 Hektar, also zwei Drittel nicht im Besitz der Landesforsten. Weigel: „In unserer Gegend gibt es zwar auch einen großen Anteil an Privatbesitz, aber das ist natürlich kein Vergleich zu den riesigen Privatwäldern in der Lüneburger Heide und dem Teutoburger Wald, um nur zwei Beispiele zu nennen.“

Bei der nun anstehenden Bundeswaldinventur werden von den immer aus zwei Experten bestehenden Messteams zahlreiche Daten erhoben, wie zum Beispiel der Durchmesser und das Alter der Bäume, aber eben auch die Menge an stehendem und liegendem Totholz. Für Strauch steht fest: „Auf Grundlage der Stichproben mit der bei einer Bundeswaldinventur der Wald vermessen und der Istzustand berechnet wird, können einerseits Antworten auf forstpolitische Fragen gegeben werden, andererseits werden die ermittelten Daten sowohl bei Klima- als auch Naturschutzberichten der Bundesregierung herangezogen.“ Und die Bundeswaldinventur, so der Wolfenbütteler Experte, liefere angesichts einer immer stärker werdenden Hinwendung zu nachhaltigem Umgang mit Ressourcen genau die belastbaren Daten, um einen schonenden, also nachhaltigen Umgang mit dem Rohstoff Holz zu dokumentieren.

31 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands ist mit Wald bedeckt. Nach Bayern und Baden-Württemberg belegt Niedersachsen, inklusive Bremen und Hamburg, mit insgesamt 1,16 Millionen Hektar Platz drei der durch die zweite Bundeswaldinventur 2002 errechnete Rangliste. Nun läuft die dritte Inventur. Mit ersten Ergebnissen wird aber erst 2015 gerechnet.




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