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Warum der Strom kostet, was er kostet

Robert Ansleben versteht die Welt der Strompreise nicht mehr. Seit es die Strombörse in Leipzig gibt, hat er es sich zum Hobby gemacht, die Preisentwicklung für die dort gehandelten Kilowattstunden zu beobachten. Seine Feststellung: Es gibt dort ein gehöriges Auf und Ab. Aber die Tendenz ist derzeit eher sinkend. Ansleben: „Wenn der Preis für ein Megawatt nur um einen Euro sinkt, dann macht das für die Käufer schon eine ganze Menge aus.“ Es ist ein eher seltsames Hobby, das Ansleben hat, denn er persönlich hat nichts mit dem Stromhandel zu tun.

Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Robert Ansleben versteht die Welt der Strompreise nicht mehr. Seit es die Strombörse in Leipzig gibt, hat er es sich zum Hobby gemacht, die Preisentwicklung für die dort gehandelten Kilowattstunden zu beobachten. Seine Feststellung: Es gibt dort ein gehöriges Auf und Ab. Aber die Tendenz ist derzeit eher sinkend. Ansleben: „Wenn der Preis für ein Megawatt nur um einen Euro sinkt, dann macht das für die Käufer schon eine ganze Menge aus.“ Es ist ein eher seltsames Hobby, das Ansleben hat, denn er persönlich hat nichts mit dem Stromhandel zu tun. Ansleben ist Industriekaufmann in einem energieintensiven Großbetrieb. Solche Unternehmen kaufen den Strom bei ihren Lieferanten zu wesentlich günstigeren Konditionen ein, als sie die Stadtwerke oder Unternehmen wie e.on Westfalen Weser und e.on Avacon für Privatkunden kalkulieren.

Allerdings produzieren die e.on-Töchter ihren Strom nicht selbst, sondern müssen ihn zu den üblichen Marktpreisen bei dem Unternehmen e.on Energie einkaufen, wie der Pressesprecher von e.on Westfalen Weser, Edgar Schroeren, mitteilt. Zum 1. Mai erhöhte sein Unternehmen den Preis für die Kilowattstunde um 1,39 Cent auf 23,04 Cent. Nähere Angaben über die Beschaffungspolitik will Schroeren allerdings nicht machen. Nur so viel: Die Spotmarktpreise an der Leipziger Strombörse „sind für unsere Preisgestaltung nicht von Bedeutung. Um unseren Kunden eine sichere Versorgung mit Strom zu gewährleisten, beschaffen wir Strom regelmäßig in mehreren Teilmengen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten über einen längeren Zeitraum im Voraus am Terminmarkt.“ Die Terminmarktpreise für Strom unterlägen zwar erheblichen Schwankungen, stiegen aber im längerfristigen Trend stetig an.

Ansleben kann das so nicht bestätigen und auch Susanne Treptow, Geschäftsführerin der Stadtwerke Hameln, sieht derzeit eher einen Trend zu günstigeren Preisen. „Der Höhepunkt der Preisentwicklung war vor dem Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2008. Damals kostete die Megawattstunde rund 90 Euro und fiel dann im Zusammenhang mit der sich entwickelnden Wirtschaftskrise innerhalb eines halben Jahres auf etwa 45 Euro. „Deshalb können wir auch unseren Preis von derzeit 19,48 Cent pro Kilowattstunde halten und erhöhen im Gegensatz zu e.on Westfalen Weser die Preise zum 1. Mai nicht“, betont die Stadtwerke-Chefin. Bis zum Mai 2009 sei der Preis dann wieder bis auf 60 Euro gestiegen und nehme seitdem mit Schwankungen kontinuierlich ab.

Für den Einkauf der von den Stadtwerken benötigten Strommengen müssen die Stadtwerke Hameln sich wie alle anderen Marktteilnehmer der Leipziger Strombörse bedienen. Was sich für den Laien als kompliziert darstellt. Zwei Märkte gibt es: Den Spot-Markt und den Terminmarkt. Am Spot-Markt wird eingekauft, was für den Moment benötigt wird, am Terminmarkt dagegen wird heute geordert, was in der Zukunft gebraucht wird. Susanne Treptow ordert über ihren Makler Südwest-Strom jetzt schon für das Jahr 2012 – die eine Hälfte in diesem Jahr und die zweite im kommenden Jahr. „Das funktioniert wie ein Dauerauftrag: Südweststrom kauft die georderte Menge verteilt auf alle 365 Handelstage. Das minimiert das Risiko“, erläutert Susanne Treptow. „Der Preis richtet sich am Ende nach dem Mittel des Jahresdurchschnitts, den wir an der Börse gezahlt haben.“

Der sogenannte Base-Preis für eine Kilowattstunde im Jahr 2012 betrug am 23. März beispielsweise 4,95 Cent, wobei mit dem Base-Preis Strom gekauft wird, der rund um die Uhr benötigt wird. Teurer ist Strom, der zum sogenannten Peak-Preis nur für Montag bis Freitag für die Zeit von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr Abends geliefert wird. Er kostete am 23. März 6,51 Cent pro Kilowattstunde. Abgerechnet wird mit dem Makler monatlich.

Eingekauft wird der Strom jeweils etwa zur Hälfte für den Base-Bereich und den Peak-Bereich. Überschüssige Strommengen werden tagesaktuell wiederum an der Börse verkauft, fehlende Mengen am Spot-Markt dazugekauft. Im Dezember wissen die Stadtwerke, welcher Durchschnittspreis für die erworbene Strommenge im nächsten Jahr zu zahlen ist und wie sie für den Endverbraucher kalkulieren müssen.

Für das derzeit laufende Jahr waren das in den Jahren 2008/2009 etwa 7 Cent Einkaufskosten pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: In Grohnde kostet die Produktion einer Kilowattstunde nur 1,5 Cent. e.on Westfalen Weser oder e.on Avacon aber müssen trotzdem den Börsenpreis bezahlen, obwohl ein großer Teil des Stromes direkt von e.on Kernkraft kommt. Die beachtliche Differenz von 5,5 Cent kassiert der Stromkonzern e.on und sorgt damit für Überschüsse in Milliarden-Höhe. Beim Energiemix von e.on Westfalen Weser hat der Strom aus Kernenergie immerhin einen Anteil von 42,2 Prozent.

Dass die Kilowattstunde Strom bei den Stadtwerken derzeit 19,48 Cent und nicht etwa 7 Cent kostet, liegt daran, dass es pro Kilowattstunde noch jede Menge staatlich verordneter Zuschläge pro Kilowattstunde gibt: die KWK-Umlage in Höhe von 0,13 Cent für die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung, die Konzessionsabgabe (1,59 Cent) an die Stadt Hameln, die Stromsteuer (2,05 Cent), die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (in diesem Jahr 2,047 Cent) und letztlich noch die Kosten für die Netznutzung, die 26 Prozent vom Gesamtpreis ausmachen. Was alles zusammen einschließlich einer schmalen Rendite den Nettopreis ergibt, auf den dann noch die vom Bund kassierten 19 Prozent Mehrwertsteuer kommen. Ähnlich wie bei den Hamelner Stadtwerken ist auch die Einkaufsstrategie der Stadtwerke Rinteln, wie Geschäftsführer Jürgen Peterson erklärt. „Wir kaufen verteilt über das Jahr unsere Strommengen, kaufen am Spot-Markt Restmengen dazu oder verkaufen, was wir zuviel geordert haben.“ Im Ergebnis scheint der Erfolg nicht ganz so gut für die Kunden gewesen zu sein, denn die Stadtwerke Rinteln mussten zum 1. Januar 2010 den Preis für die Kilowattstunde um 2 Cent auf 22,43 Cent anheben.

Was der Kunde am Ende zahlen muss, hat mit den aktuellen Kursen von der Strombörse in Leipzig wenig zu tun.

Fotos: Bilderbox

An der Börse ist der Strompreis derzeit tendenziell im Sinkflug. Doch die Verbraucher spüren davon wenig. Im Gegenteil: Mancher Anbieter erhöht die Preise sogar. Aber wie kommt der Preis, der am Ende auf der Stromrechnung steht, eigentlich zustande?




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