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Christian Kröner zum 100. Todestag – Die einzigartige Karriere eines Jagdmalers aus dem Schaumburger Land

Wann kehrt der röhrende Hirsch zurück?

Vor genau 100 Jahren, am 16. Oktober 1911 schloss einer der erfolgreichsten deutschen Maler seiner Zeit in seinem Haus in Düsseldorf für immer die Augen. Johann Christian Kröner, 1838 in Rinteln in einfachen, kleinbürgerlichen Verhältnissen geboren, hatte in der Malerei fast alles Erreichbare erreicht. Eine große Nachfrage nach seinen Bildern, viele Ehrungen im In- und Ausland, zahllose Ausstellungen u.a. auf den Weltausstellungen in Chicago, Antwerpen und Paris, die Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste und der Ehrentitel eines Professors – dies war die Bilanz am Ende eines 73-jährigen Künstlerlebens.

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Autor:

Stefan Meyer

Zum Zeitpunkt seines Todes schien ihm sein Nachruhm gewiss und man veranlasste die Abnahme einer Totenmaske, um eine exakte Vorlage für ein späteres Denkmal zu haben. Prominente aus der Stadt und dem ganzen Reich nahmen an dem in seinem Atelier aufgebahrten Sarg Abschied. Die anschließende feierliche Beisetzung war begleitet von zahlreichen Ansprachen, einer Musikkapelle und einem Chor. Lange Jahre noch zierte sein Wohnhaus eine Inschriftentafel mit einer Bronzebüste, Straßen in Rinteln und Düsseldorf tragen bis heute seinen Namen.

Seine Jugend verlebte Kröner in der Rintelner Ritterstraße, wo bis vor 15 Jahren noch sein Geburtshaus stand. Sein Vater, ein Dekorationsmaler, gab schon früh die Richtung der späteren Entwicklung seines Sohnes vor. Doch scheint es, dass sich die Eltern einen klassischen, bürgerlichen Beruf als für ihn vorstellten, immerhin ermöglichten sie ihm den Besuch des Gymnasiums.

Dort, unter der Ägide des Zeichenlehrers Georg Storck, erkannte man sein besonderes künstlerisches Talent. Doch die entscheidende Förderung erhielt Kröner vom Forstmeister Baron Ludolf von Münchhausen, ansässig auf dem benachbarten Burgmannshof in der Ritterstraße. Münchhausen gab dem Heranwachsenden die Möglichkeit, ihn auf Jagden zu begleiten und das erlegte Wild für die Nachwelt festzuhalten. Hier entstand die Leidenschaft Kröners zu diesem Genre, unter dessen Zeichen sein gesamter späterer Werdegang stehen sollte. Ermutigt durch das erstaunlich liberale und kunstsinnige Klima im Rintelner Bürgertum dieser Zeit, das mit Dingelstedt, Volckmar und Osterwald bereits eine ganze Reihe erfolgreicher Künstler hervorgebracht hatte, bezog Kröner 1861 die Kunstakademie in München, doch sah sich der 22-Jährige hier in seinen Erwartungen getäuscht. Er stellte fest, „dass ich den Wald und die Tiere mit anderen Augen sah, und so malte ich für mich, war und blieb Autodidakt.“ Seine besondere Nähe zum Tier und zur Landschaft, die mit der inzwischen in den Schaumburger Wäldern erlernten Jagd in enger Verbindung stand, sollte seinen Bildern in den folgenden Jahrzehnten das Gepräge geben.

1863 wechselte Kröner an die Kunstakademie nach Düsseldorf, die damals zu den bedeutendsten Lehrstätten der zeitgenössischen Landschaftsmalerei gehörte. Hier fand er freundschaftliche Aufnahme unter Gleichgesinnten, stand aber vom eigentlichen Kunstbetrieb der Akademie eher abseits. Der Durchbruch kam 1866 mit dem Verkauf eines Bildes an den Kunstverein in Hannover, demselben Verein, von dem drei Jahrzehnte zuvor der Rintelner Grafiker Georg Osterwald seine ersten Aufträge erhalten hatte. Nun folgten weitere Angebote von privaten Kunstfreunden wie auch Museen und Kunstvereinen, die die Begeisterung für den besonderen Stil des Künstlers teilten.

Kröner galt bald als der beste Jagd- und Landschaftsmaler seiner Zeit, wobei es besonders die Verbindung zwischen beidem war, die ihn auszeichnete und unter anderen hervorhob. In Kröners Bildern fand sich nicht nur eine ungemein kenntnisreiche, lebendige Tierdarstellung, sondern auch eine Einbettung des Wildes in eine lichtstarke, naturalistische Umgebung, die in ihrem Licht- und Schattenspiel zuweilen bereits impressionistische Züge trug. Landschaft und Tier schienen in Kröners Bildern eine besondere, untrennbare Einheit zu sein. Unverkennbar war die ganz persönliche Nähe und emotionale Bindung des Malers an sein Sujet.

Voraussetzung für diese Nähe zur Natur war die Jagdleidenschaft Kröners, der stets ein eigenes Revier gepachtet hatte und stolz darauf war, dass er sich „seine Modelle selbst schoss“. Daraus allerdings ein nutz- oder gar raubhaftes Verhältnis zur Natur abzuleiten wäre vorschnell. Kröner war vor allem ein Beobachter, in dessen Bildern, die Natur als etwas Erhabenes, Schützenswertes gefeiert wurde. Als Grafiken für Kalender und Zeitschriften, sowie als Nachdrucke für den schmalen Geldbeutel in allen Volksschichten verbreitet, entsprachen sie damit der wachsenden Sehnsucht nach einer unverfälschten Landschaft in einer zunehmend verstädterten Wirklichkeit. Inbegriff für dieses Motiv war der von Kröner in allen erdenklichen Situationen immer wieder gemalte röhrende Hirsch.

Die hohen Verkaufserlöse seiner Bilder, die zum Teil 3000 Goldmark überstiegen, brachten ihrem Schöpfer Wohlstand, ja Reichtum. Sein Atelier in seinem großbürgerlichen Wohnhaus in der Pempelforter Straße in Düsseldorf hatte riesige Ausmaße. Besuchern wollte es scheinen, als beträten sie eine Kirche mit hohen, lichthellen Fenstern. Darin standen zahlreiche Staffeleien, auf denen halbfertige und fertige Bilder trockneten. Dabei malte Kröner bevorzugt vom Original. Erlegtes Wild in allen Größen war ein alltäglicher Anblick in seinem Atelier. Den sorgfältigen Autodidakten erkannte man auch an seinem Umgang mit den Farben, die er sich stets selbst mischte. Er malte ausdauernd und hoch konzentriert – was ihn nicht davon abhielt, während der Arbeit Besuch zu empfangen und während des Gesprächs an der Leinwand zu stehen. Kröners Produktivität war enorm, die Zahl seiner Arbeiten ging in die Tausende und noch in seinem Nachlass sollten sich mehr als 800 Werke finden, darunter viele Skizzen. Aber die enorme Nachfrage seiner betuchten Kundschaft trieb Kröner auch künstlerisch vor sich her. Immer wieder verlangte man Hirsche, Schweine und Fasane, die der Maler in allen erdenklichen Perspektiven und Jahreszeiten auf die Leinwand bannte und so mutmaßte die Düsseldorfer Zeitung nach seinem Tode, dass wohl manches interessante Bild ungemalt blieb, weil stets eine große Zahl an Auftragsarbeiten zu erfüllen war.

Lange Zeit scheint sich Kröner mit dem Gedanken getragen zu haben, in seine Heimatstadt Rinteln zurückzukehren. Hier ließ er sich 1871 als Wahlmann für den preußischen Landtag aufstellen und er engagierte sich im Verschönerungsverein für den Bau des Klippenturms, für den er ein Bild im Wert von mehr als 1000 Goldmark stiftete. 1883 ließ er auf dem Grundstück Bahnhofstraße 5 eine prächtige Villa im Stil der florentinischen Renaissance errichten, offenbar in der Absicht, es als Wohnhaus zu nutzen. Doch es kam anders. Mit seiner Heirat im selben Jahr trat so etwas wie bürgerliche Beständigkeit in sein Leben, das sich nun dauerhaft auf Düsseldorf ausrichtete.

Mit seiner Ehefrau Magda Helmke, einer ehemaligen Schülerin, lebte der Maler in einer bemerkenswert harmonischen Ehe, die nicht zuletzt von der gemeinsamen Leidenschaft für die Malerei getragen war. Magda Kröner, eine hoch angesehene Künstlerin und berühmt vor allem für ihre Blumenstücke, besaß ihr eigenes Atelier im Haus unmittelbar unter dem ihres Mannes. Auch der gemeinsame Sohn Erwin sollte später den Beruf des Malers ergreifen.

Das Haus in der Pempelforter Straße lag unmittelbar am Stadtpark in Düsseldorf. Nur 200 Meter entfernt befand sich dort das exklusive Domizil des berühmten Künstlerclubs „Malkasten“. Hier ging Kröner täglich ein und aus, es war sein zweites Zuhause, und auch hier war der Festsaal mit einer großen Jagdszene aus seiner Hand geschmückt.

Kröners Kunst traf den Zeitgeschmack der Wilhelminischen Epoche. Die großbürgerlichen und adligen Eliten setzten sich mit ihrer Jagdleidenschaft von der Mittelschicht ab, ihr Kunstgeschmack und die hohen Preise dafür waren wie eine Eintrittskarte in die höheren Kreise, ein Mechanismus im Kunstbetrieb, an dem sich prinzipiell bis heute nichts geändert hat. Was sich änderte, waren die Eliten. Mit dem Zusammenbruch der Monarchie am Ende des Ersten Weltkriegs wurden „neureiche“ Industrielle und Bankiers zur geschmacksbildenden Oberschicht, während Adel und Bildungsbürgertum ins Abseits gerieten. Nun kamen die abweichlerischen, sogenannten sezessionistischen Stile, die sich Jahre zuvor mit dem Jugendstil bereits angedeutet hatten, zum Durchbruch. Auf dem Kunstmarkt galten nun mit der Bevorzugung von abstrakter Malerei, wie Dadaismus und Kubismus völlig neue Maßstäbe. Kröners Szenenbilder dagegen wirkten bald antiquiert und „historistisch“ und verschwanden aus den Galerien und vielen Museen. Mehr noch, seine einstmals so begehrten und in Millionen Drucken verbreiteten Hirsch- und Wildschweinmotive galten bald als Inbegriff waldseliger Spießigkeit. Diesen raschen und tiefen Niedergang zu erleben, ist Kröner mit seinem Tod im Jahr 1911 erspart geblieben.

Heute hat sich die Sicht auf röhrende Hirsche aller Art entspannt. An der einen oder anderen Stelle tauchen sie sogar als trendiges Szenerequisit wieder auf. Der bereits totgesagte biederdeutsche Kräuterschnaps Jägermeister macht mit dem Hirschgeweih seit einigen Jahren in Clubs und Kneipen zwischen New York und Tokio Furore. Da ist es doch nur eine Frage der Zeit, wann auch Kröners Hirsche, denen niemand ihre wirkliche Qualität abstreiten kann, eines Tages wieder aus der Verbannung in das Licht einer kunstinteressierten Öffentlichkeit zurückkehren.

Kröners einstmals so begehrte und in Millionen Drucken verbreitete Hirsch- und Wildschweinmotive galten mit dem Aufkommen von Dadaismus und Kubismus schnell als Inbegriff waldseliger Spießigkeit. Diesen raschen und tiefen Niedergang zu erleben, ist Christian Kröner mit seinem Tod im Jahr 1911 erspart geblieben. Der röhrende Hirsch hängt im Museum Rinteln.

Fotos: tol



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