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Walter Momper zum Mauerfall: "Es war Wahnsinn"

Der gebürtige Niedersachse Walter Momper war zwei Jahre lang Regierender Bürgermeister von Berlin. Doch in seine Amtszeit von 1989 bis 1991 fielen gleich zwei einschneidende Ereignisse für die Stadt: der Mauerfall und die Wiedervereinigung. Im Interview blickt Momper nun zurück.

Herr Momper, Sie waren der Regierende Bürgermeister von Berlin, als die Mauer fiel. Wie steht dieser Tag in Ihrer Erinnerung?

Walter Momper: Wir waren Ende Oktober bei Schabowski, der die Nummer zwei der Führung der DDR war. Dabei sagte er am Ende eines längeren Gesprächs: ’Im Übrigen, wir werden Reisefreiheit geben’. Ich habe dann gesagt: ‘Was meinen Sie denn damit?’ ‘Na ja, dass alle ausreisen dürfen, die auf Dauer oder vorübergehend ausreisen wollen.“ Dann habe ich ihn gefragt: ‘Haben Sie sich das denn auch gut überlegt, was das für Ihr Land bedeutet?’ ‘Da gehen ein paar Hunderttausend weg, sagte Schabowski, aber dann ist Schluss, weil dann kann ja jeder reisen. Das macht ja dann keinen Sinn mehr wegzugehen...’ ‘Na ja, gut’, habe ich dann gesagt, dann soll er uns rechtzeitig Bescheid geben, weil wir ja die Bundesregierung dazu holen wollten, natürlich den Kanzler und Willy Brandt. Das hat er auch zugesagt.

Da war die DDR-Führung aber ziemlich naiv unterwegs...

Ja, wir hatten diskutiert, wie viele Menschen an dem ersten Tag nach Westberlin kommen würden. Wir waren auf eine Einschätzung gekommen, so 500.000. Nachher waren es eine Million. Schabowski meinte aber: ‘Ach, machen sie sich mal keine Sorgen, von unseren Bürgern haben ja nur zwei Millionen einen Pass. Und wenn die anderen einen Pass und ein Visum haben wollen, dann können wir das steuern. Ich habe dann gesagt: ‘Das glaube ich nun nicht, Sie machen das doch schon jetzt, weil der Druck zu groß wird und die Leute Ihnen weggehen.’ Er meinte aber: ‘Lassen Sie das mal meine Sorge sein.’ Ich dachte dann, damit hat er Recht, ist nicht mein Problem, wenn er das so sieht.

Und dann kam der 9. November...

Ja, am 9. November, also zehn Tage später, erhielt ich am Abend einen Anruf von der Senatskanzlei: ‘Schabowski hat da eine Rede gehalten und die Reiseregelung bekannt gegeben.’ Es war so, er hat eine lange Pressekonferenz über die Sitzung des Zentralkomitees gegeben, fast drei Stunden lang. Am Ende wird er dann gefragt: ‘Und was ist mit der Reiseregelung?’ Dann hat er in seinen Papieren gekramt – jeder kennt die Szene aus dem Fernsehen – und den Zettel dann auch gefunden und verliest die neue Reiseregelung. Also eigentlich die Presseerklärung über die Reiseregelung. Dann wird er von den Journalisten gefragt: „Ab wann gilt das?’ Dann guckt er so rum und sagt: ‘Unverzüglich, ab sofort.’ Er wird dann noch gefragt: ‘Gilt das auch für West-Berlin?’ Dann liest er in seinen Papieren und sagt: ‘Ja, für alle Grenzübergänge der DDR zum Ausland. Also gilt das auch für West-Berlin.’ Und dann ist die Pressekonferenz zu Ende. Mein Chef der Senatskanzlei sagte dann zu mir. ‘Jetzt hat er es gesagt, jetzt müssen wir einsteigen und ihm den Rückweg abschneiden. Nicht dass er in einer halben Stunde sagt: ‘Nee, war alles ein Irrtum gewesen.’

Was haben Sie denn dann gemacht?

Ich bin dann in den Sender ‘Radio Freies Berlin’ gefahren, unserem damaligen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Da lief die Abendschau, wo mindestens 75 Prozent aller Berliner vor dem Fernsehschirm sitzen und sich das anschauen, die Privaten gab es noch nicht. Da bin ich dann aufgetreten. Die haben zuerst die Sequenz von Schabowski gezeigt. Die war ja nicht ganz eindeutig. Dann wurde ich gefragt: ‘Herr Regierender Bürgermeister, was halten Sie denn davon?’ Ich habe dann gesagt: ‘Ja, das hat der Schabowski uns vor zehn Tagen gesagt, dass sie Reisefreiheit geben werden, das hat er jetzt öffentlich gesagt.’ Dann habe ich nur noch gesagt, dass wir uns freuen über alle, die jetzt zu uns kommen aus Berlin und der DDR und sehen wollen, wie wir so leben. ‘Die West-Berliner werden sie alle mit offenen Armen empfangen und freuen sich sehr darüber. Aber denken Sie daran, lassen Sie Ihre Autos zu Hause. Kommen Sie mit U- und S-Bahn.’ Das war nämlich nicht so einfach. Wie transportierst du 500 000 Menschen? Das haben unsere Berliner Verkehrsbetriebe auch geschafft. Es war so, dass die DDR-Bürger ab acht Uhr an die Grenzübergänge gegangen sind und da mit den Grenzern diskutiert und gesagt haben: ‘Hey, wir wollen rüber. Schabowski hat gesagt, wir können rüber.’ Die Grenzer haben dann gesagt: ‘Haben Sie ein Visum, einen Pass? Haben Sie nicht, geht nicht.’ Dann haben sie gesagt: ‘Der Momper hat das auch gesagt.’ Um elf Uhr haben sie dann die Grenze aufgemacht, an der Bornholmer Straße, weil dort der Druck von 10 000 hinter der Grenze wartenden Menschen zu groß wurde. Der hatte Angst um seine Zäune und die Gebäude. Der Oberstleutnant, der da Chef war, hat dann aufgemacht und die einfach rübergelassen. Der hatte auch von seiner vorgesetzten Dienststelle nix Vernünftiges gehört, was er machen sollte. Er hatte da mehrfach angerufen, und die hatten den abgewimmelt. Darüber war er sauer und hat dann aufgemacht. Ich war später in einer Sendung. Die haben dann einen Reporter vom Sender Freies Berlin an der Bornholmer Straße gezeigt. Der hat die jungen Leute gefragt: Wie war’s denn?’ Die haben gesagt: ‘Es hat keiner was kontrolliert.’ Die haben dann immer die blaue Pappe, also den DDR-Personalausweis, in die Kamera gehalten, und eine junge Frau hat das Wort der Nacht gesagt: ‘Ist es nicht Wahnsinn? Etwas so Unverständliches ist passiert, es ist einfach irre!’ Es war Wahnsinn, wir hatten beide Tränen in den Augen.

Sie haben dann auch einen berühmten Satz gesagt: ‘Berlin, nun freue dich!’ Würden Sie den heute auch wiederholen?

Ja, das sage ich immer noch. Sehen Sie, wann ist schon ein Land so friedlich zur Freiheit gekommen? Das haben nur Deutschland und natürlich Belin auch erlebt. Und zwar 1989. Und dass es so friedlich blieb, ohne dass jemand geschlagen oder tot geschossen oder aufgehängt wurde. Das muss man schon hoch einschätzen. Wir Deutschen sind immer noch ein friedliches – und vor allem ein glückliches Volk.

Ist Berlin mit dem Fall der Mauer eine andere Stadt geworden?

Ja, das sicherlich. Erstens ist die Stadt doppelt so groß. Vorher waren wir 2,2 Millionen, jetzt sind wir 3,4. Die Mischung zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen hat ja in erster Linie in Berlin stattgefunden. Die Ostdeutschen sind zuerst in Berlin auf den Arbeitsmarkt gekommen. Dort gab es auch Konflikte und Unverständnis. Das ist heute alles weg.

Berlin war vor dem 9. November eine ganz besondere Stadt. Ist es heute eine normale?

Eine ganz normale ist es sicher nicht. Eine Stadt, die so eine verrückte Geschichte hat, ist nie ganz normal. Wir sind auch stolz, was an Ungewöhnlichem, was an Kunst in unserer Stadt stattfindet. Das ist first class. Die Berliner sind weltoffene Menschen und freuen sich über alles, was zu ihnen kommt. Deshalb ist Berlin immer etwas Besonderes.

Mit dem Fall der Mauer ist eigentlich das Jahrhundert der zwei Weltkriege zu Ende gegangen. Teilen sie diese Einschätzung?

Ja, ich dachte auch damals, es ist das Ende der Geschichte, wir haben alle geglaubt, der Ost-West-Gegensatz ist weg: Was soll noch Besonderes passieren? Inzwischen wissen wir, der Terrorismus ist stark da, Amerika spielt eine andere Rolle als vorher, die Russen auch, leider sind die uns ferner weggerückt, als sie uns zweitweilig waren. Und mit den Amerikanern ist es auch so, dass sie mit dem neuen Präsident etwas weiter weggerückt sind. Wie das ausgeht, weiß niemand. Wir müssen nur darauf achten, dass es in Europa nie wieder Feindschaften gibt, wie es sie früher einmal gab. Deshalb ist Europa ja so ungeheuer wichtig. Wir haben 70 Jahre Frieden in Europa gehabt, und das möchte ich die nächsten 70 Jahre und weit darüber hinaus auch noch haben. Das kriegen wir nur hin, wenn die Völker Europas zusammenarbeiten, wenn wir miteinander reden.

 

Interview: Oswald Schröder, Grenz-Echo, Belgien




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