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Viele kleine Dörfer um Hameln sind von ihren Einwohnern im 13.-15. Jahrhundert verlassen worden

Vor plündernden Horden Flucht in die Stadt

Um 1300 gab es im heutigen Landkreis Hameln-Pyrmont etwa 170 Siedlungen, davon wurden in den folgenden etwa 200 Jahren rund 80 wüst. Die Wüstungsbildung war eine Konzentrationsbewegung der Bevölkerung zugunsten der größeren Orte, denn diese boten durch ihre Größe oder Burg in der damaligen unruhigen, fehdereichen Zeit guten Schutz.

Stifterdenkmal im Münster.

VON HORST KNOKE

Anfang des 13. Jahrhunderts waren die beiden Siedlungskerne Hamelns, das alte Sachsendorf und die Stiftssiedlung, zur Sicherheit ihrer Einwohner gemeinsam mit einer Befestigung aus Mauer und Graben umgeben worden. Hameln hatte Stadtrecht erlangt, war Stadt geworden und hatte damit Markt- und Mauerrecht erworben. Diese kleine Stadt, die flächenmäßig der heutigen Altstadt entsprach, lag inmitten ihrer Gemarkung. Jenseits der Gemarkungsgrenzen, rund um die Stadt herum, lagen eine Reihe kleiner Dörfer, die heute nicht mehr existieren, innerhalb ihrer Fluren. Sie sind von ihren Einwohnern im 13. bis 15. Jahrhundert verlassen worden, sind wüst geworden. Die meisten der Bewohner zogen vor dem damals sehr stark ausgeprägten Raubrittertum, den zahlreichen Fehden und vor raubenden und plündernden Horden in die befestigte Stadt Hameln, die ihnen mehr Schutz bieten konnte als ihre Dörfer. Einen Teil der ehemaligen Dorfbewohner zog aber wohl auch das angenehmere Leben in der Stadt nach Hameln, insbesondere, wenn ihre Dörfer so nahe der Stadt lagen, dass die landwirtschaftlichen Flächen auch von der Stadt aus bewirtschaftet werden konnten. So wuchs nicht nur die Zahl der Einwohner in dieser Zeit beträchtlich, sondern auch die Hamelner Gemarkung, denn diese erweiterte sich um die Grundstücke der ehemaligen Dörfler, die Hamelner Einwohner geworden waren. Am Ende dieses Prozesses, im 16. Jahrhundert, hatte sie etwa die Größe, die durch die Lage der Warten, die die Zufahrtswege in die Hamelner Gemarkung absicherten, wie Berkeler Warte, Wehrberger Warte, Holtenser Warte, Rohrser Warte und Afferder Warte markiert wird. Eine weitere Warte, Harthmer Baum genannt, stand einst dort, wo der Hastebach die Landesstraße 124 Hameln–Hagenohsen kreuzt, in der Nähe der heutigen Reithalle und der damaligen Ziegelhütte. Sie stand am südlichsten Punkt der Hamelner Gemarkung, soll aber schon um 1600 abgebrochen worden sein.

Im Nordwesten Hamelns lag Wedele. Dieser Ort wird in Dokumenten aus den Jahren 1359 und 1416 erwähnt. Bei den Erdarbeiten zur Schaffung des Friedhofs Wehl Mitte der 1930er Jahre wurden ur- und frühgeschichtliche Funde gemacht, die ein früheres Bestehen dieses wüst gewordenen Dorfes dort bezeugen. Noch heute geben die Namen Wehl, Wehler Marsch, Wehler Weg und Wehlbach einen Hinweis auf das ehemalige Dorf, das es Mitte des 14. Jahrhunderts nicht mehr gab.

Das Dorf Vorste wird in einem Dokument aus dem Jahre 1422 als nahe bei Hameln liegend, dem Dorf Wedele benachbart, beschrieben. Vorste war im 15. Jahrhundert nicht mehr vorhanden. Das Dorf Gröningen oder Groningen haben wir südlich Holtensen, beiderseits der Straße von Holtensen zur Heisenküche zu suchen. Das dortige „Gröninger Feld“ trägt noch heute seinen Namen. Das Dorf wurde im 14. Jahrhundert wüst.

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Die St. Annen-Kapelle in Hameln-Wangelist wurde 1469 von Johanne
  • Die St. Annen-Kapelle in Hameln-Wangelist wurde 1469 von Johannes Kreyenberg gestiftet.

Honrode lag „buten den Weddore“ (außerhalb des Wetttores) und war eine Hausstelle im Gröninger Feld. Der Name bedeutet hohe Rodung, und die Hausstelle entstand in der späteren Rodungszeit. Die Burg Honroth bei Honrode war 1181 zerstört worden. In einer Urkunde von 1324 werden die Brüder Johann und Gerhard aus Honrode genannt. Honrode ist im 14. Jahrhundert aufgegeben worden. Klein Afferde, in der Nähe der ehemaligen Afferder Warte gelegen, die in der Kurve der Marienthaler Straße auf dem Gelände der früheren Firma Concordia lag, war schon Ende des 13. Jahrhunderts wüst. Zur Lage des Ortes Harthem lesen wir bei Herr: „Hat vor dem Mühlenthor nach Tündern hin (im Westen) gelegen. In der Gegend, wo jetzt die Ziegelhütte steht.“ Harthem fiel im 14. Jahrhundert wüst. Jenseits der Weser, vor dem Brückertor, lag das Dorf Wangelist an der Humme. Die dortige Mühle, von der Humme angetrieben, verpfändete Graf Conrad von Everstein 1247 an das Stift Hameln. 1405 gab es das Dorf noch, denn damals vermachte Arnold von Bavensen der Stadt in seinem Testament „XI Hufe Landes in un buten dem Dorpe Wangelist belegen.“ Auch 1478 hat der Ort noch bestanden. In einer Urkunde aus diesem Jahr heißt es: „Joh. Kreyenberch berichtet, dass er die Kapelle St. Anna gebaut habe in dem allgemein Wangelist genannten Ort.“ Die St. Annen-Kapelle steht erfreulicherweise heute noch, Wangelist aber wurde 1483 wüst. Der jetzige Ortsteil Hamelns, Wangelist, wurde später auf der Wüstung neu errichtet. Nyenstede lag bei Wangelist an der Humme. Es scheint sich um einen großen Hof gehandelt zu haben, zu dem eine Mühle gehörte. Herr schreibt in seiner Collectanea: „Anno 1377 verpfändete Evert van Holthusen de molen gheleghen up den Rove Campe (Rübenkamp) under dem hove to Nyenstede; anno 1411 verpfändete Bertold van der Molen seinen Hof zu Nyenstedt nebst der Mülen für 30 löthige Mark Silbers dem Kapitel.“ Der Hof Nyenstede war 1461 noch vorhanden. Wenige Jahre später wurde der Ort wüst. An Nyenstede erinnert heute der Nienstedter Weg im sogenannten TÜV-Dreieck. Ebenfalls jenseits der Weser vor dem Brückertor gab es zwischen Hameln und Helpensen den Ort Wenge. Er bestand aus mehreren Höfen, die dem Stift Hameln den Zehnten geben mussten, welches Recht dem Stift 1292 vom Bischof Volkwin von Minden bestätigt wurde. Im Jahre 1377 tauschte Graf Hermann von Everstein seine 4 Hufen Landes (120 Morgen) in Wenge gegen etliche Stiftsgüter in Welsede und Deitlevsen ein. In Wenge gab es am Fuße des Klüt eine Kapelle, die dem Dionysius geweiht war und dem Grafen von Schaumburg gehörte, der sie 1244 dem Dekan des Stiftes schenkte. 1516 stiftete ein Kannengießer der Kapelle, die von dem im 14. Jahrhundert wüst gewordenen Dorf noch stand und die 1590 immer noch vorhanden war, eine Kommende. Das Dorf soll eine Gründung aus fränkischer Zeit gewesen sein und wäre damit eins der ältesten Dörfer im Umkreis Hamelns. Mit der Wengerstraße und den Wenger Wiesen wird an diese Siedlung erinnert. Auch auf der linken Weserseite beim heutigen Finkenborn haben wir das ehemalige Dorf Büren zu suchen. Dort stand die Burg des Grafen Bernhard, der zusammen mit seiner Frau die Münsterkirche gestiftet hat – beide sind auf dem Stifterdenkmal im Münster dargestellt. Der Graf starb Anfang des 9. Jahrhunderts und vermachte seine hiesigen Besitzungen dem Kloster Fulda. Büren soll im 14. Jahrhundert wüst geworden sein. Es handelte sich dabei um eine sogenannte Vollwüstung: Der Ort war zu hoch gelegen, und das Ackerland war dort so schlecht, dass man es nicht weiter nutzte, sodass der Wald sich das ehemalige Rodungsgelände wieder zurückholte. Der Name Bürenstraße weist auf das wüst gewordene Dorf noch heute hin.

Vor dem Ostertor haben die Orte Fürstenhoff, Rorderssen und Rorssen gelegen. Rorderssen lag vermutlich nahe der Rohrser Warte. Nach der Siedlung Fürstenhoff nannte man früher das Ostertor auch Fürstentor. Eine Urkunde aus dem 16. Jahrhundert weist darauf hin.

Über diese ehemaligen Dörfer sind keine weiteren Angaben vorhanden.

Heute künden nur noch Straßen- und Flurnamen in Hameln von den zahlreichen wüst gewordenen Dörfern, die vor Jahrhunderten von ihren Einwohnern verlassen worden und dann in der Stadt Hameln aufgegangen sind.

Ansicht Hamelns um 1641: Graben und Mauer.

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