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Strenge Sitten bei der Konfirmation / Prüfung und Unterricht in Schaumburg im Wandel der Zeit

Vor der Gemeinde bloß gestellt

Landkreis. Zwischen Palmsonntag (Sonntag vor Ostern) und Pfingsten ist Konfirmationsgottesdienstzeit. Auch im Schaumburger Land werden in diesen Wochen jeden Sonntag evangelisch getaufte Jungen und Mädchen als vollwertige christliche Gemeindemitglieder bestätigt. Den Anfang haben am 5. April die 14- und 15-Jährigen aus Vehlen und Sachsenhagen gemacht. Als letzte dürfen am übernächsten Wochenende (24. Mai) deren Altersgenossen aus Rinteln, Lauenau und Bückeburg vor die Altäre ihrer Heimatkirchen treten. Wenn alle im Kreisgebiet ansässigen Gemeinden „durch sind“, werden insgesamt mehr als 1100 heimische Nachwuchschristen eingesegnet worden sein. Das sind fast 90 Prozent der altersmäßig infrage kommenden Jugendlichen. Offensichtlich steht die Konfirmation bei den hierzulande lebenden Menschen – anders als in anderen evangelischen Gegenden Deutschlands – nach wie vor hoch im Kurs.

Um 1900 wurde in Schaumburg-Lippe in Tracht geheiratet: Konfirma

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Allerdings hat sich in Punkto Bedeutung und Ausgestaltung des Festes einiges geändert. Bei vielen Familien steht heute weniger die „confirmatio“ (Befestigung/Stärkung) des Glaubens, sondern das „Drumherum“ und das Schenken im Mittelpunkt. Immerhin darf ein großer Teil der Hauptakteure auf üppige (Geld-)Gaben hoffen. Nach Aussage der Marktforscher landet der größte Teil in den Kassen der Handynetzbetreiber und Computerzubehörhersteller. Etliche junge Leute legten ihre „Konfi-Scheine“ auch für den bereits sehnlich erwarteten Führerschein beiseite.

Von einem solchen Verständnis von Konfirmation waren die Erfinder des Festes weit entfernt. Seinen Ursprung hat das Fest bekanntlich in der Reformationsbewegung. Martin Luther und seine Gesinnungsbrüder wollten der bis dato (und bis heute in der katholischen Kirche) üblichen „Firmung“ junger Gemeindemitglieder ein eigenes, protestantisches Modell entgegensetzen. Als geistiger Vater des Rituals gilt der aus dem Elsass stammende Pfarrer Martin Bucer. Der Zeitgenosse und Weggefährte Luthers regte an, die bereits im Säuglingsalter getauften Kinder vor der Anerkennung als erwachsene Gemeindemitglieder nochmals gezielt in christlicher Glaubenslehre zu unterrichten und den Erfolg der Unterweisung im Beisein der Gemeinde überprüfen zu lassen. Erst wenn die jungen Leute alle Fragen richtig beantwortet hätten, solle „dann der pfarrherr denselbigen Kindern die hende (Hände) auflegen und sie also im namen des Herrn confirmieren und zur christlichen gemeinschaft bestetigen, auch darauf zum tisch des Herren gehen“, heißt es in dem von Bucer 1538 abgefassten, nicht von ungefähr „Zuchtordnung“ genannten Papier.

Kurzfristig umgesetzt wurde das neue Regelwerk zunächst nur in Hessen, dessen Landesherr Landgraf Philipp zu den ersten Befürwortern der neuen Luther-Lehre gehörte. Das Gros der anderen protestantischen Regionalfürsten tat sich – vor dem Hintergrund der unruhigen Zeiten und des ungewissen Ausgangs der Glaubenskriege – mit der Einführung der Bucerschen Konfirmationsvorstellungen schwer. So dauerte es noch fast 300 Jahre, bis sich das Ritual in allen evangelischen Gemeinden Deutschlands durchgesetzt hatte.

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Martin Bucer gilt als „Erfinder“ der Konfirmation.

Bibelfestigkeit im Vordergrund

Auch in der damals noch ungeteilten, offiziell 1599 zum reformierten Glauben übergetretenen Grafschaft Schaumburg war die Konfirmation über Jahre hinweg kein Thema. Wann es mit der Einführung soweit war, geht aus den bisher vorgelegten Veröffentlichungen nicht hervor. Einen wichtigen Anhaltspunkt liefern die alten Kirchenbücher von Steinbergen. Ein Eintrag aus dem Jahre 1634 besagt, dass „Josuam Stegman, der heiligen Schrift Doctorn und Universatis Rinth., mith der Firmung angefangen“ habe. Zuvor sei eine derartige Zeremonie hierzulande „nicht in usu“ gewesen.

Der in dem Vermerk genannte Josua Stegmann war 1617 vom damaligen Grafen und späteren Fürsten Ernst als Superintendent angeworben worden, um dem geistlichen Leben in Schaumburg neuen Schwung zu verleihen. Dienstsitz des als begabt und tüchtig geltenden Leipziger Gelehrten war Stadthagen. 1621 zog Stegmann nach Rinteln um und war zusätzlich und vorrangig als Theologie-Professor an der dort neu gegründeten Universität tätig.

Zu seinen wichtigsten und schwierigsten Aufgaben gehörte die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und eines geordneten Schulunterrichts. Dabei ging es weniger um die Verbesserung der Allgemeinbildung der Untertanen, sondern um die Vertiefung von deren Bibelfestigkeit. „So man nun aus der Propheten und Aposteln Büchern die Lehre lernen muß, so ist hochnöthig, daß etliche sind, die lesen können“, heißt es in der 1614 neu erschienenen Landeskirchenordnung.

Die Hauptaufgabe bei der praktischen Durchführung fiel den örtlichen Pfarrern und Küstern zu. Hinsichtlich der inhaltlichen und organisatorischen Ausgestaltung griff Stegmann auf den bereits 80 Jahre zuvor von Bucer zu Papier gebrachten Vorschlag zurück, den Unterrichtserfolg vom Bestehen einer mündlichen Abschlussprüfung abhängig zu machen.

Die Schulinitiative Ernsts und seines Superintendenten löste gewaltigen Wirbel aus. Vor allem die Themen Schulpflicht und öffentlicher Leistungsnachweis brachten die Gemüter in Wallung. Für die Landleute und armen Tagelöhner stellte sich der regelmäßige Unterrichtsbetrieb sogar als existenzielle Bedrohung dar. Die Kinder wurden zum Viehhüten und zur Feldarbeit benötigt. Auch das Gros der Küster reagierte verstimmt. Die Folge: Jedes Jahr blieb eine große Zahl von Jungen und Mädchen beim „Examen catecheticum“ auf der Strecke und wurde vor den Augen der Gemeinde „executiret“.

Die Obrigkeit versuchte, das Problem mit Abmahnungen und Strafandrohungen in den Griff zu bekommen. Es sei „hochnötig, daß so wohl die Schulen müßten bessern Fleiß anwenden und auch die Jugend fleißiger sein im Lernen, damit sie nicht für der Gemeinde schamrot gemacht werden“, forderten die Schaumburger Kirchenvertreter bei einer Zusammenkunft im Jahre 1638.

Auch der hundert Jahre später residierende Graf Albrecht Wolfgang sah noch erheblichen Klärungsabedarf. „So wollen und ordnen Wir hiermit gnädigst (an), daß hinführo keine Kinder, Knaben und Mägden, zum Empfang des heiligen Abendmahls sollen zugelassen werden, sie haben dann den Grund des Glaubens und den nöthigen Begriff des thätigen Christenthums gefasset“, ließ der schaumburg-lippische Landesherr 1734 von den Kanzeln verkünden.

Zu einer dauerhaften Entspannung der Dinge kam es erst nach Entflechtung von Kirche und Staat im Gefolge des Ersten Weltkriegs. Gleich zu Beginn der Weimarer Republik wurden (staatlicher) Schul- und (kirchlicher) Konfirmationsunterricht sowohl inhaltlich als auch räumlich voneinander getrennt.



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