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Vor 70 Jahren aus Friedersdorf Vertriebene tauschen Erinnerungen aus

BAD MÜNDER. „Ich war 15 Jahre alt, als wir ausgewiesen wurden“, erinnert sich Siegfried Richter. Der 85-Jährige aus Altenhagen II ist einer der Friedersdorfer Vertriebenen, die jetzt zu ihrem jährlichen Treffen zusammengekommen sind.

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Autor:

Christoph Huppert

Für viele ist die Erinnerung an die Ankunft auf dem Stadtbahnhof in Bad Münder vor genau 70 Jahren noch sehr lebendig. „Wir sind aus unserer Heimat in Viehwaggons über Uelzen an den Deister gekommen“, berichtet Helga Brunotte. Die weißhaarigen Damen am Kaffeetisch kennen sich gut und kommen schnell ins Gespräch. „Wir haben hier ja mit nichts anfangen müssen“, sagt eine von ihnen. Und berichtet über ihre Einquartierung bei einem Bauern in Eldagsen. „Zuerst ein Strohlager im Ratskeller, dann zwölf Quadratmeter beim Bauern unterm Dach. Für fünf Personen. Heute unvorstellbar.“ Später habe man dann in zwei Dachstuben der Holzmühle gehaust. „Mit eigenem Bett und Kanonenofen.“

Nein, die Integration sei damals durchaus nicht einfach gewesen, erinnert sich eine Seniorin. „Die Bauern, die unter den Kriegseinwirkungen nicht so gelitten hatten wie die Städter und die Flüchtlinge, konnten unser Elend gar nicht richtig nachvollziehen. Für einige von denen waren wir sogar bloß die Polacken“, erzählt sie betrübt. Man müsse aber andererseits auch Verständnis für die Bauern aufbringen, entgegnet ihr eine andere Frau, denn „denen wurde die Einquartierung ja auch einfach aufgezwungen“. Immerhin sei man froh gewesen, dass die Fahrt nach Westen und nicht wie zuerst befürchtet nach Osten ging.

„Wir sind insgesamt ganz gut aufgenommen worden“, erinnert sich auch der 79-jährige Ernst Frommelt. Er hat zwei große Schautafeln mit historischem und aktuellem Bildmaterial ausgestellt. „Da wir eine ziemlich sportliche Familie waren, hat uns die Dorfgemeinschaft schnell aufgenommen“, berichtet er.

Die Verbindung zur alten Heimat ist durch viele Reisen nicht abgerissen. „Aber unsere Heimat ist seit 70 Jahren doch hier in Bad Münder. Hier haben wir geheiratet, Häuser gebaut, unsere Kinder großgezogen“, sagt auch der Organisator des Treffens, Karl-Heinz Gude.

Der Friedersdorfer Pastor Fritz Rahner und vor allem seine Ehefrau Margarete haben den Zusammenhalt der an den Deister verschlagenen Vertriebenengemeinschaft aufrechterhalten. Die haben ihren Gemeinschaft bis heute gepflegt. „Wir sind noch 40 bis 50, aber es werden natürlich immer weniger“, so Gude.

Mit der Situation der heutigen Flüchtlinge könnte man ihre damalige Situation aber wohl nicht vergleichen. Schließlich habe man immerhin die gleiche Sprache gesprochen. Dennoch sind sich an diesem Nachmittag alle einig, dass man vielleicht besser als andere das Schicksal jener nachempfinden könne, die ihre Heimat verloren haben.

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