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Vor 25 Jahren brannte der letzte Holzkohlenmeiler

EIMBECKHAUSEN. Rauch dringt aus zahlreichen kleinen Löchern und strebt mit dem Wind davon. Die beißenden Wolken drehen Pirouetten, fließen behände weiter oder streichen träge über den großen Erdhaufen, der tagelang immer wieder Ziel vieler Schaulustiger war.

Wie ein rauchender Vulkan: Gerhard Denecke mit einer eisenbewehrten Holzstange auf dem Meiler. FOTOS/REPRO: althammer

Autor:

BERND ALTHAMMER

Das qualmende Innere des Erdhaufens, das für so viel Aufmerksamkeit sorgte, war Erinnerung an einen Berufszweig, der gerade in Eimbeckhausen noch bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu finden war – die Köhlerei.

Vor jetzt genau 25 Jahren brannte am Rande des Stuhldorfs wohl ein allerletztes Mal ein Holzkohlemeiler. Initiator Udo Mierau hatte dafür einen Experten aus dem Harz gewinnen können: Gerhard Denecke sorgte damals in seiner Heimatstadt Braunlage gelegentlich für eine Touristenattraktion. Er stammte aus einer alten Köhlerfamilie.

Schon der Großvater verrichtete das nicht ungefährliche Handwerk, dessen Produkt vor allem bei Harzer Verhüttungsbetrieben außerordentlich begehrt war. Mit Fuhrwerken wurde der begehrte Brennstoff bis nach Thale im Ostharz gebracht. Einmal setzte aber jedoch die offenbar buchstäblich heiße Ware das gesamte Fuhrwerk in Brand zerstörte es.

Denecke lernte sein Metier übrigens nicht mehr von den Vorfahren, sondern von einem alten Köhler im Solling. Dort wird bis heute noch in jedem Jahr ein Meiler entzündet – in Delliehausen.

Warum sich nun gerade in Eimbeckhausen die Köhlerei bis weit in das Industriezeitalter hielt, weiß auch Udo Mierau nicht mehr. Aber es mögen wohl die großen Buchenwälder des Deisters gewesen sein und die Tatsache, dass die Holzkohlengewinnung für die Bauern ein willkommenes Zubrot bedeutete. Bis zu 18 Meiler seien in Betrieb gewesen, weiß Mierau. Zudem soll Eimbeckhausen vor dem Zweiten Weltkrieg als einzige Gemeinde mit einem Köhlerplatz innerhalb einer geschlossenen Ortschaft geführt worden sein. Dieser befand sich nahe der Kreuzung Nordfeldstraße/Nienstedter Straße.

Normalerweise suchten sich Köhler für ihre Arbeit einen möglichst windstillen und wenig von der Sonne beeinflussten Standort mitten in der Waldeinsamkeit. Schließlich war der Betrieb nicht ungefährlich, was auch die Eimbeckhäuser schmerzlich erfahren mussten: 1769 griffen Flammen von einem Kohlemeiler auf die Umgebung über und legten das Dorf fast gänzlich in Schutt und Asche.

Der Letzte seiner Zunft war Friedrich Dolle. Bis zum Schluss verkohlte er jährlich 2000 Raummeter Buchenholz, das etwa 20 Brennvorgängen im Jahr entsprach. Noch in den Fünfzigerjahren hielt Dolle mit Friedrich Borcherding ständig fünf Meiler in Betrieb. Die Holzkohle ging an eine Gießerei in Hamburg. Das Aus kam 1963.

Genau 30 Jahre später wollte Mierau an jene dörfliche Tradition erinnern, die er auch in seiner 1975 erschienenen Ortschronik beschrieben hatte. Er lud Denecke nach Eimbeckhausen ein. Mit Helfern aus dem Männergesangverein und dem DRK-Ortsverein schichtete dieser fünf Tage lang das Holz auf. Drei lange Pfähle in der Mitte bildeten das Gerüst. In einem Durchmesser von acht Metern wurden die etwa einen Meter langen Buchenscheite in drei Schichten aneinander gelehnt und übereinander gelegt, sodass ein kugelartiges Gebilde entstand. Dann wurde alles mit Stroh eingepackt und mit Sand überdeckt. Diese Schicht hatte eine Dicke von 10 bis 20 Zentimetern. Darauf wurden Grasplaggen gelegt.

Wenn das Innere des Meilers angezündet war, oblag es dem Köhler, den heißen Zersetzungsvorgang im Innern zu überwachen. Es durften keine Flammen entstehen, da dann das kostbare Innere zu Asche verbrennen würde. Andererseits war stets genügend Sauerstoff zuzuführen, um den Verkohlungsprozess zu beschleunigen. So musste Denecke Tag und Nacht sein Werk überwachen, bis nach etwa zehn Tagen der zuvor drei Meter hohe Haufen auf etwa 1,20 Meter geschrumpft war. Nach dem Erkalten wurde der Meiler geöffnet und die Holzkohle an die Besucher verkauft.

Heute besorgen Öl und Gas die hohen Temperaturen für die Metallschmelze. Doch als die Brennstoffe noch nicht zur Verfügung standen, war es eben die Holzkohle, die bis zu 1200 Grad Hitze lieferte. Natürlich übernachtete Denecke auch nicht in einer primitiven Köte gleich neben seinem einmaligen Meiler. Ein moderner Wohnwagen war Behausung auf Zeit, in dessen Fenster er mit seinem verschmitzten Humor einen Zettel geklebt hatte: „Köhlerliesel für die Nacht gesucht!“ Doch auf diese muss er wohl vergeblich gehofft haben.



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