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Hunderttausende feiern Hitler am Bückeberg / Wie ein Gellerser bei der SS eine Nazi-Karriere machte

Von Verführten und Handlangern des Regimes

Hameln-Pyrmont (cb). Theatralischer hätten die Schilderungen nicht sein können, als die Rattenfängerschar 1933 Adolf Hitler in Rohrsen bei seiner Anreise begrüßt. Reichserntedankfest auf dem Bückeberg in Hagenohsen, Hunderttausende sind gekommen, um im Jahr eins des Nationalsozialismus bei der Propagandaveranstaltung dabei zu sein. „Ein herrliches Bild“, schreibt damals der Chronist der Deister- und Weserzeitung. Und die Spielschar kommt ganz dicht an Hitler heran, zu Zeiten, als sich noch keiner vorstellen kann, dass Deutschland eine Diktatur bevorsteht, die in das furchtbare Geschehen von Terror und Weltkrieg mündet.

Von Christian Branahl

Hameln-Pyrmont. Theatralischer hätten die Schilderungen nicht sein können, als die Rattenfängerschar 1933 Adolf Hitler in Rohrsen bei seiner Anreise begrüßt. Reichserntedankfest auf dem Bückeberg in Hagenohsen, Hunderttausende sind gekommen, um im Jahr eins des Nationalsozialismus bei der Propagandaveranstaltung dabei zu sein. „Ein herrliches Bild“, schreibt damals der Chronist der Deister- und Weserzeitung. Und die Spielschar kommt ganz dicht an Hitler heran, zu Zeiten, als sich noch keiner vorstellen kann, dass Deutschland eine Diktatur bevorsteht, die in das furchtbare Geschehen von Terror und Weltkrieg mündet. „Eines der als Ratten verkleideten Kinder wird dem Führer hochgereicht, der das Kind in seine Arme nimmt, während sein Gesicht in herzlicher Freude erstrahlt“, heißt es in der Zeitung.

Das Weserbergland rückte mit diesem Staatsfeiertag in den Mittelpunkt Deutschlands. Die Macht der Bilder, die in das Reich gingen – Propagandaminister Joseph Goebbels konnte zufrieden sein. Unter dem späteren Nazi-Stararchitekten Albert Speer hatte der Arbeitsdienst mit bis zu 1800 Männern den Abhang des Bückeberges im Gebiet der heutigen Gemeinde Emmerthal innerhalb weniger Monate zum Festplatz umgestaltet, der in seinen Grundzügen noch in heutiger Zeit zu erkennen ist. Zunächst provisorisch, dann mit den Jahren immer ausgefeilter. 450 000 Teilnehmer kamen zur Festpremiere. Und die Zeitung schreibt: „Aus dem Dunkel der Nacht kommt des Führers Stimme, tausendfältig verstärkt durch die Großlautsprecher, klar und deutlich, markant und eindringlich hinauf zur Tribüne. Ein überwältigender Eindruck, ein packendes Erleben, diese mahnende Stimme in der Nacht, die doch aus dem Licht kommt und vom Lichte spricht.“

Eine Region in Jubelstimmung – das ist vielen Menschen vor Ort noch nach dem Krieg in verklärter Erinnerung geblieben. Der Festplatz 1933 mit 1400 Fahnen, die auf 100 Kilometer mit Girlanden geschmückten Straßen, die Besuchermassen, die Euphorie. Bis 1937, dem letzten Fest zu Ehren des Bauernstandes, übersteigt die Teilnehmerzahl auf dem immer weiter perfektionierten Festplatz die Millionengrenze.

Was den wenigsten Einwohnern bewusst war und bis heute ist: Der Bückeberg mit dem Reichserntedankfest dürfte gleichbedeutend einzuschätzen sein wie das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und das Tempelhofer Feld, der Ort der Feiern zum 1. Mai. Die inszenierte Volksgemeinschaft, wie Experten bei einem Symposium im vergangenen Jahr zum geplanten Denkmalschutz für den Bückeberg weiter feststellten, wollten die Machthaber zelebrieren. Fast ging in den dreißiger Jahren unter, dass die Nazis dabei trotz der Versailler Verträge nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg gleichzeitig die wieder erstarkte Militärmacht demonstrierten. „Ein Blick in die Schlacht der Zukunft“, überschrieb 1935 die Deister- und Weserzeitung die Truppenübungen.

„Es geht darum, den Bückeberg in seiner damaligen Wirkung zu entzaubern, ihm die Faszination zu nehmen und einen unbefangeneren Umgang mit dem Ort zu ermöglichen“, fordert Dr. Habbo Knoch, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, bei dem Symposium eine wissenschaftliche Aufarbeitung. Wie viele andere Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges, waren die Reichserntedankfeste verdrängt – oder verklärt. Der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom ist es, der nicht nur den Opfern dieser verhängnisvollen Jahre Namen gibt, der über die Zwangsarbeiter und die Geschichte der Juden im Landkreis akribisch recherchiert. Mit Nachdruck setzt Gelderblom sich gleichzeitig für den Denkmalschutz am Bückeberg ein – und scheint nunmehr kurz vor dem Ziel zu stehen. Im zuständigen Ministerium in Hannover wollen sich die Verantwortlichen dem nicht mehr verschließen. Immerhin: Lange Zeit beanspruchte die Gemeinde Emmerthal das historisch belastete Areal als mögliches Baugebiet.

„Ein Volk dankt seinem Verführer“ lautet der Untertitel einer Ausstellung, mit der Gelderblom die Ereignisse der Reichserntedankfeste dokumentiert. Doch: Längst sind es nicht nur die Verführten gewesen oder die Mitläufer, die ebenso in den heimischen Ämtern und Parteizentralen des Landkreises das Gedankengut der Nationalsozialisten umsetzten. Nahezu unbekannt geblieben ist zum Beispiel August Heißmeyer, willfähriger Handlanger im Faschismus, der bis zum General der Waffen-SS aufstieg und direkt Heinrich Himmler unterstand. 1897 im heutigen Aerzener Ortsteil Gellersen geboren, dort auch nach seinem Tod 1979 im Süddeutschen, wo er zunächst nach dem Krieg untergetaucht war und später lebte, auf dem Friedhof begraben. Eine Nazikarriere, über die heute letzte Zeitzeugen nicht gerne öffentlich sprechen. Heißmeyer, 1925 bereits den Nationalsozialisten beigetreten und seit 1930 Mitglied der SS, stieg mit rasantem Tempo auf. 1933 zog er als Abgeordneter in den Reichstag, als Chef des SS-Hauptamtes übernahm er 1935 eine Schlüsselposition in der Organisationsstruktur in dem militärischen Verband der nationalsozialistischen Partei. Im November 1936 folgte die Ernennung zum SS-Obergruppenführer und zum „Inspekteur der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten“ – später war er dabei für die militärische Ausbildung der Schüler verantwortlich. Die spätere Elite des Führers sollte herangezogen werden.

Heißmeyer, der offenbar regelmäßig seinen Geburtsort Gellersen besuchte, heiratete 1940 die Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink. Sie hatte das höchste Amt inne, welches die Nationalsozialisten einer Frau übergeben hatten. Ließ der SS-Mann bei seinen Besuchen durchblicken, welche Aufgaben er erfüllte – beispielsweise seit November 1939 für ein gutes halbes Jahr als stellvertretender Inspektor der Konzentrationslager und der „Verstärkten Totenkopfstandarten“? Oder erzählte er von seinem Neffen, dem Arzt Kurt Heißmeyer, der Menschenversuche im KZ Neuengamme durchführte?

Das Ehepaar – Heißmeyer war noch 1944 zum General der Waffen-SS aufgerückt – konnte sich in den letzten Kriegstagen in Berlin durch die russischen Linien schlagen. Dann tauchte es unter – unter falschem Namen in Bebenhausen bei Tübingen. Erst 1948 wurde Heißmeyer erkannt und von der französischen Besatzungspolizei verhaftet. Bei der Entnazifizierung wurde er als Hauptschuldiger eingestuft und zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt.

Auch wenn es dazu keine Dokumente gibt: In Gellersen hält sich aus Gesprächen mit dem Nazi-Verbrecher nach wie vor die Erinnerung daran, dass August Heißmeyer sich dafür eingesetzt hatte, die Reichserntedankfeste am Bückeberg auszurichten. Historiker Bernhard Gelderblom hat bei seinen Forschungen keine schriftlichen Quellen gefunden, aus denen die Gründe für die Auswahl des Bückeberges deutlich werden. Letztendlich spielt es aber keine wesentliche Rolle, wer der Ideengeber war. „Der Propagandaminister plant und gestaltet das Fest – als ein Instrument der Propaganda“, sieht Gelderblom hier in Goebbels die Hauptfigur. Vordergründig ein Fest des Landvolks, bildete das Reichserntedankfest in Wahrheit die Kulisse für die Selbstinszenierung des Regimes und die Massenverführung. Gel-derblom: „Es diente der Einschwörung der Bevölkerung auf die Ziele des Regimes und damit der Vorbereitung des Krieges.“

Lesen Sie in der nächsten Folge: Das Ausscheiden Bodenwerders auf Veranlassung Hermann Görings.

Geboren in Gellersen, begraben in Gellersen – eine fast unbekannte deutsche Nazi-Karriere. August Heißmeyer, der direkt Heinrich Himmler unterstand.




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