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Von Rupp in Lauenau zu Redchurch in London

BAKEDE/LONDON. Was kommt bei einer Brauerin zu Silvester ins Glas? Natürlich Bier. Selbstgebraut daheim im Elternhaus in Bakede – denn da feierte Annika Lüdersen den Jahreswechsel. Für einige Tage tauschte die 22-Jährige den heimischen Herd mit dem Sudhaus der Traditionsbrauerei Redchurch in London.

Seit vergangenem Jahr arbeitet Annika Lüdersen bei Redchurch – einer der aufstrebenden Brauereien Großbritanniens, die sich in der Craft-Bier-Szene international einen Namen machen. Foto: Privat
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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite

Lüdersen ist im besten Sinne bierverliebt, ihre Begeisterung für Hopfen, Malz und Handwerkskunst wirkt ansteckend – dabei ist die Bakederin erst vier Jahre im Brauwesen aktiv. Der Grundstein für diese Begeisterung wurde durch viel Zufall gelegt: Nach ihrem Abschluss an der Abraham-Lincoln-Realschule und einem Auslandssemester an einer Highschool in Neuseeland besuchte sie die Berufsfachschule Ernährung in Hameln. Für ein Praktikum suchte sie einen Betrieb im produzierenden Bereich, und während ihre Mitschüler in Fleischereien, Bäckereien, Molkereien hospitierten, schaute Lüdersen den Brauern bei Rupp in Lauenau über die Schulter. Und wusste schnell: „Das ist ein richtig cooler Beruf. Superinteressant.“

Ihr klares Ziel: Brauen. Am liebsten im Ausland

Das Feuer war entzündet, die Bakederin nährte die Flamme. Setzte sich mehr und mehr mit dem Thema Brauen auseinander, trat nach ihrem Abschluss eine Ausbildung bei einer Brauerei in Monschau in der Eifel an. Und stieß dabei in eine Domäne vor, in der Frauen noch die Ausnahme sind: Drei Frauen in der Berufsschule saßen rund 50 männliche Kollegen gegenüber. Als ihr Ausbildungsbetrieb in die Insolvenz rutschte, unterstützte die Brauerei Rupp die ehemalige Praktikantin und ließ sie die Ausbildung in Lauenau beenden.

Für die Bakederin war in der aufstrebenden Craft-Bier-Szene aber schnell klar: „Ich will ins Ausland. Am liebsten nach Kanada. Und am liebsten zu Steamworks in Vancouver – die machen unglaublich coole Biere.“ Allerdings: Arbeitserlaubnis, Visum, Bescheinigungen des Arbeitgebers – schnell wurde ihr klar, dass die bürokratischen Hürden einen schnellen Start in Kanada nicht zulassen würden.

Auf der Suche nach Alternativen surfte sie im Internet, fand in einer Craft-Bier-Gruppe das Jobangebot von Redchurch in London. Einige freundliche Mails später traf sie sich mit dem Chefbraumeister zum Vorstellungsgespräch via Skype im Internet und beendete das Gespräch mit einem Angebot zur Probearbeit in London.

Vater Olaf Lüdersen bot sich als Chauffeur an, die jüngere Schwester wurde ebenfalls eingeladen – und Annika Lüdersen fuhr mit Familienbegleitung zum Arbeiten. „Das hat von Beginn an absolut Spaß gemacht. Ein tolles Team. Ich bin super herzlich aufgenommen worden.“ Und offenbar hinterließ die junge Bakederin Eindruck, denn wenige Tage später hatte sie einen Arbeitsvertrag in der Hand.

Das war im vergangenen April, und wenn Annika Lüdersen zum Jahreswechsel auf die vergangenen Monate zurückblickt, ist sie noch immer hoch zufrieden. Ihr Arbeitsplatz ist etwas außerhalb der Londoner City, rund 20 Minuten vom Stadtzentrum entfernt – was ihr auch bei der Wohnungssuche in der teuren Millionenmetropole entgegenkam. Inzwischen ist sie auch vor Ort gut vernetzt, steht in Kontakt mit Brauer-Kollegen aus Italien, Deutschland, Brasilien oder der Schweiz. „Das ist in London einfach total international. Man sieht neue Sachen, lernt laufend neues kennen – und stellt immer wieder fest, dass die Craft-Bier-Entwicklung in anderen Teilen der Welt schon deutlich weiter ist als in Deutschland.“

Während im Land des Reinheitsgebots noch über Vorgaben und Ausnahmen gestritten wird, seien andere Länder bereits weiter. Dabei sieht Lüdersen als Craft-Bier-Vertreterin eine Überarbeitung des Reinheitsgebotes als dringend erforderlich an – weil es dem Verbraucher suggeriere, dass im deutschen Bier keine Zusatzstoffe enthalten seien. Tatsächlich aber seien Konzentrate und chemische Filterstoffe oder Zuckerzusätze erlaubt. Kleine handwerkliche Brauereien hätten hingegen Probleme, wenn sie natürliche Zutaten einsetzen wollen, denn dann könnten sie ihr Produkt nicht als Bier verkaufen.

Mit großem Interesse verfolgt Lüdersen auch das, was sich in der heimischen Brauer-Szene entwickelt. Dabei gibt sie den mit viel Begeisterung vorangetriebenen Projekten gute Noten – denen in Ortsteilen von Bad Münder und Springe, insbesondere aber einem in Hannover: „Die entwickeln unglaublich gute Biere.“ Natürlich kennt man sich, die heimische Brauer-Szene ist gut vernetzt. Und so wird auch der Blick an Deister und Süntel inzwischen immer häufiger nach London gerichtet.



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