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Einblicke ins mittelalterliche Steuersystem – und wie es hierzulande angewendet wurde

Von Rottzehnt und Rauchhuhn

Steuerparadies, Schwarzgeldkonto und Selbstanzeige – Nachrichten über Tricks und Betrügereien reicher Zeitgenossen zum Schutz ihrer Millionen vor dem Fiskus bestimmen derzeit die Schlagzeilen. Das Thema ist nicht neu. Steuern (und Steuerbetrug) gibt es seit Menschengedenken.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die hierzulande lebenden Leute lernten das Zwangsabgaben-System vor 1200 Jahren kennen. Damals wurde die hiesige Region von den Franken Karls des Großen erobert. Die Besatzer stülpten den sächsischen Ureinwohnern nicht nur das Christentum, sondern auch eine neuartige („Lehens“)-Verfassung über. Aus den bis dato (steuer-)freien Stammesgenossen wurden „hörige“, zur regelmäßigen Leistung von Abgaben verpflichtete Untertanen. An Geld, Banken und Finanzämter wurde noch nicht gedacht. Stattdessen mussten über Jahrhunderte hinweg vor allem Naturalien abgeliefert und Hand- und Spanndienste erbracht werden. Empfänger und Nutznießer waren die vor Ort bestimmenden kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten – anfangs vor allem Bischöfe, Klöster, Pastoren sowie Gutsherren und andere adlige Großgrundbesitzer.

Gängigster Abgabentarif war der „Zehnte“. Von allem, was von der anfangs rein bäuerlichen Bevölkerung erwirtschaftet wurde, ging der zehnte Teil an die Obrigkeit. Es gab „Fleischzehnte“, „Feldzehnte“ und „Rottzehnte“. Zu den häufigsten Fleischzehnten gehörten „Malschwein“ und „Rauchhuhn“. Das Malschwein war ein zu Beginn der Saison vom Grundherrn als kleines Ferkel ausgesuchtes und (durch ein Mal) markiertes Borstenvieh, dass in den folgenden Monaten vom Bauern gemästet und an Martinus (11. November) abgeliefert werden musste.

Eine weitere Jahresabgabe war das „Rauchhuhn“. Zur Lieferung verpflichtet war jeder Untertan, der einen „Rauch“ (Herdstelle) sein Eigen nannte. Der „Feldzehnte“ wurde direkt vom Felde weg in Form von Getreidegarben in die herrschaftlichen „Zehntscheunen“ transportiert. Bei fertig gedroschenem und im Sack abzuliefernden Getreide sprach man vom „Kornzehnten“. Der „Rottzehnte“ war bei Erweiterung der Ackerflächen durch Waldrodung fällig.

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Auf diesem Holzstich leisten Bauern ihre Zehntabgabe an einen Vertreter der Papstkirche.

Im Laufe des Mittelalters nahm die Begehrlichkeit der Obrigkeit immer mehr zu. An Fantasie bei der Suche nach neuen Einnahmequellen mangelte es – damals wie heute – nicht. Dabei schreckte man auch vor privaten Anlässen nicht zurück. So wurde bei Eheschließungen der „Bedemund“ (urspr. „Bitte“ und/oder „Gebot“) erhoben. Bei Heirat musste der „Weinkauf“ (so genannt wegen des bei solchen Anlässen üblichen Trinkgelages) entrichtet werden. Und beim „Sterbfall“ eines Bauern stand dem Grund- oder Lehnsherrn das „Besthaupt“ zu. Das bedeutete: Der Adlige durfte sich nach dem Tode des hörigen Hofbesitzers dessen bestes Stück Vieh oder dessen besterhaltenes Kleidungsstück aneignen. Meist holte der sich das stattlichste Pferd oder die wertvollste Kuh aus dem Stall.

Zusätzlich zu den Naturalabgaben stand eine Vielzahl von Hand- und Spanndiensten im Pflichtenkalender. Die Palette reichte von der Bestellung der herrschaftlichen Felder bis zur Anlage und Unterhaltung von Burgen, Schlössern, Wegen, Mühlen und Festungswällen. Nach den Recherchen des bekannten heimischen Lehrers und Regionalhistorikers Wilhelm Wiegmann kamen auf die größeren Bauern pro Saison mehr als 50 unbezahlte Arbeitstage zu. Das Gros waren Saat- und Ernteeinsätze.

Daneben fielen „Burgfestspanne“ (Materiallieferungen für herrschaftliche Bauten), „Weihnachtsfuhren“ (Anfuhr von Brennholz) und Transporte von Mühlsteinen und anderen schweren Importgütern vom Rintelner Hafen in die umliegenden Siedlungen an. Bei besonderen Gelegenheiten mussten alle Untertanen mitmachen – so zum Beispiel bei der Jagd oder zwecks „Landfolge“ (Kriegsdienst). Zu den regelmäßig veranstalteten Wolfsjagden wurden oft ganze Dorfschaften herbeibefohlen. Und bei Waffengängen waren neben Schanz-, Wacht- und Botendiensten auch Kämpfen und Sterben angesagt.

Mit dem Ende des Lehnswesens lief auch das mittelalterliche Besteuerungs-Modell aus. Im Zuge der politischen und wirtschaftlichen Veränderungen wurden immer neue Arten und Formen von Abgaben, Abgabeneinzugsverfahren und Abgabenverwaltung „erfunden“. Unverändert blieb nur die von Anfang an zutage tretende Unlust der Untertanen. Die bisherige „allzugroße Indulgenz (Nachsicht)“ habe dazu geführt, „daß die Restanten (widerborstige Steuerzahler) übermäßig sich häufen und dergestalt anschwellen, daß die gnädigste Herrschaft darüber in unwiederbringlichen Schaden gerathen“, klagte 1686 die Gräflich-Schaumburg-Lippische Regierung und drohte eine deutlich härtere Gangart an. „Soviel die Execution (Vollstreckung) betrifft, so sollen diejenigen, so etwa aus Halsstarrigkeit nicht bezahlen wollen, selbst arrestiret, und solange in der Haft bleiben, bis die Schulden von ihnen bezahlt seyn“.

Wie die augenblickliche Debatte beweist, haben weder die vor 230 Jahren abgefasste Mahnung noch die zahllosen später auf den Weg gebrachten Verordnungen an der „Halsstarrigkeit der Restanten“ etwas ändern können. Als bislang ernsthaftester Versuch gilt die unmittelbar nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg von der neuen Weimarer Regierung auf den Weg gebrachte „Erzbergersche Finanz- und Steuerreform“. Das nach dem damaligen Reichsfinanzminister Matthias Erzberger benannte Gesetzeswerk bescherte den Deutschen eine durchgreifende Neuordnung der bis dato geltenden Vorschriften, Verfahrenswege und Einrichtungen. Die Folgen wurden den meisten Normalverbrauchern erst klar, als sie Post von einer neuartigen Behörde namens „Finanzamt“ bekamen. Die hiesige Bevölkerung hatte es ab 1919/20 mit zwei hoheitlichen Dienststellen zu tun. Die für die Einwohner des damals noch selbstständigen Freistaates Schaumburg-Lippe zuständigen Beamten waren in Stadthagen untergebracht worden, und die Leute des damals preußischen Kreises Grafschaft Schaumburg wurden bis zur Auflösung der Büros Ende der 1960er Jahre von Rinteln aus betreut. Heute haben es alle Schaumburger „nur noch“ mit dem Amt im Stadthäger Schloss zu tun.

Ob und wie es, angesichts der Globalisierung und des rasanten technischen Fortschritts mit Steuereinzug, Zahlungsmoral und „Restantentum“ weitergeht, ist ungewiss. Alles spricht dafür, dass das Thema noch unsere Urenkel in Aufregung versetzen wird.

„Die beiden einzigen sicheren Dinge im Leben sind Steuern und der Tod“ soll schon US-Präsident Benjamin Franklin (1706-1790) die bleibende Bedeutung der staatlichen Zwangsabgaben erkannt haben.

Bürger zahlen ihre Steuern beim Stadtkämmerer – kolorierter Holzschnitt des aus Nürnberg stammenden und durch seine Buchillustrationen bekannt gewordenen Malers Hans Schäufelin (1480/84-1538/40).

Repros gp




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