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Von Quacksalbern und Afterärzten: Medizinische Zeitreise

BAD MÜNDER. Der Fall ist dramatisch, das Ende tödlich: Der sechsjährige Sohn der Springer Schusterfamilie Gassmann litt an „Auszehrung“. Ihm sei nicht mehr zu helfen gewesen, berichtete seinerzeit sogar eine Berliner Zeitung. Ein ortsbekannter Invalider behandelte den Jungen mit „Maiwurm und Branntwein“.

Schaurige Geschichte aus der medizinischen Vergangenheit mit obskuren Behandlungsmethoden hat Dr. Kai Witthinrich (kleines Bild) zusammengetragen. Fotos: Huppert

Autor

Christoph Huppert Reporter

Das Kind starb daraufhin an heftigen inneren und äußeren Blutungen innerhalb von Stunden unter Qualen. Das war nur eines der vielen Beispiele, die Dr. Kai Witthinrich den Besuchern seiner Lesung aus dem Begleitband zur laufenden medizinhistorischen Sonderausstellung im münderschen Museum vorstellte.

„Quacksalber und Afterärzte“, so das Thema, seien noch bis weit ins 20. Jahrhundert von den Einwohnern im Deister-Sünteltal im Rahmen der „Volksmedizin“ gerne konsultiert worden. Witthinrich hat viele alte Berichte zusammengetragen und daraus eine spannende, mitunter gruselige Lektüre gemacht. Etwa über die Verhältnisse im Springer Hospital für Soldaten um 1791, dem heutigen Ratskeller, wo es schon einmal vorkam, dass jemanden nächtens auf dem Klo der Tod ereilte, da ihm die betrunkenen Aufseher nicht halfen. Aderlass und Ferndiagnose per Urinschau seien die Diagnosemethoden der Wahl gewesen, so Witthinrich, der deutlich machte, dass es Ärzte im Deister-Sünteltal gegen Scharlatane und Aberglauben nie einfach hatten, denn: „Der Landmann liebt das Geheimnisvolle.“ Auch der Staat kämpfte lange Zeit gegen die „Halbmeister“ und Zauberer mit ihren Wundermittelchen vergeblich. „Der erste Arzt kam 1789 nach Münder“, weiß Witthinrich, „doch das Vertrauen in Hausmittelchen wie Hundefett gegen Entzündungen hielt sich hartnäckig“.

Um sich von den medizinischen Amateuren abzugrenzen, legten die studierten Mediziner großen Wert auf die Bezeichnung „Doktor“. Ein Titel, der heute fast ausnahmslos mit dem Medizinerberuf einhergehe, so Witthinrich, obwohl viele von ihnen diesen akademischen Grad gar nicht besäßen. Grundlegende Verbesserungen hätten sich erst mit der Einführung der allgemeinen Krankenversicherung ergeben. Die Einführung der Gewerbefreiheit in Preußen andererseits habe aber den „Quacksalbern und Afterärzten“ wieder die Tür geöffnet. „Gerade bei den niedrigeren Bildungsstufen blieb der Glaube an Hexen mit übernatürlichen Zauberkräften weit verbreitet.“ Ein Blick in manche der Werbeplattformen oder TV-Astro-Shows macht klar, dass auch heute Wunderheiler noch immer ihr Publikum finden.



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