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Von Nettelrede nach Tansania: Als Lehrerin in Afrika

BAD MÜNDER. „Miss Nina“, wie ihre Schüler ihre Lehrerin Nina Klockemann nennen, hat viele Briefe im Gepäck. In krakeligen und kurzen englischen Sätzen stehen die Abschiedsgrüße auf dem Papier, das die Nettelrederin aus Tansania mitgebracht hat. Seit eineinhalb Jahren lebt und arbeitet sie als Lehrerin in Afrika.

Nina Klockemann lebt seit Anfang 2016 in Tansania als Lehrerin – sie ist derzeit in ihrer Heimat Nettelrede zu Besuch, hat aber Andenken aus ihrer neuen Heimat im Reisegepäck: Einen Pullover in Nationalfarben, traditionellen Halsschmuck, ein Kenga-Tu
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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Ihre Schüler sind zwischen acht und elf Jahren alt. „Die Leistungsunterschiede sind teilweise relativ groß“, berichtet Klockemann, die vor zwei Jahren ihr Referendariat in Stadthagen abgeschlossen hat. Da hat sie Afrika bereits fest im Blick, Einsätze für den Freiwilligendienst „Weltwärts“ haben sie schon während des Studiums nach Südafrika und schließlich Tansania verschlagen. „Da war ich bereits mit halbem Wesen in Tansania.“

In den staatlichen Schulen fand sie allerdings zunächst keine Arbeit, erklärt sie heute. Für „Weltwärts“ hat die Gymnasial-Pädagogin zunächst in der größten Stadt Daressalam in Klassen mit bis zu 70 Schülern geholfen, für feste Stellen würden aber Einheimische bevorzugt. Aber an der „Christ Church international School“ in Arusha klappt es, die australische Leiterin Stephanie Browning stellt sie ein. Seit eineinhalb Jahren arbeitet sie nun dort. „Ich unterrichte täglich Religion“, sagt Klockemann, ansonsten deckt sie aber auch die Fächer Englisch, Geschichte, Erdkunde sowie die Naturwissenschaften ab. „Alles bis auf Kunst und Sport.“

So vielfältig die Themen sind, die die Pädagogin unterrichtet, so vielfältig ist auch ihre Klasse: Sechs verschiedene Nationen sitzen ihr täglich vor der Nase, bei elf Kindern insgesamt in ihrer Klasse. Zu den gebürtigen Tansanesen gesellen sich Jungen und Mädchen aus Indien, den Vereinigten Staaten, Südkorea, Australien und Dänemark. Nachwuchs von Missionaren, die aus aller Welt in das afrikanische Land kamen. Klockemann selber ist die einzige Deutsche in der Schule.

Nina Klockemann bei einer Morgenandacht .
  • Nina Klockemann bei einer Morgenandacht .

Die Schule – und damit auch ihr Arbeitsplatz – wird komplett über Spenden finanziert. Selbst ihre Reise nach Deutschland wurde über den Unterstützerkreis finanziert. Ein Besuch im Sommer, ein Aufenthalt über Weihnachten – mehr Ausflüge in die alte Heimat sind derzeit nicht drin, obwohl ihre Mutter gerne mehr von ihrer Tochter hätte. „Ich habe aber nicht viele finanzielle Rücklagen“, sagt die 30-Jährige.

Damit hat sie mit den Einwohnern in Tansania etwas gemeinsam, etwas, das aus ihrer Sicht aber auch gleichzeitig das Lebensgefühl positiv prägt: „Es gibt weniger Sicherheiten“, erklärt Klockemann, „dafür leben die Menschen in Tansania mehr im Hier und Jetzt.“ Das stelle sie inzwischen auch immer mehr an sich selber fest. Was an Sicherheiten fehle, fange außerdem die familiäre Gesellschaft auf: Auch Klockemann wurde schnell aufgenommen, hatte bald viele enge Kontakte vor Ort. „Als ich krank war, haben mich alle besucht, mir Obst und andere Dinge nach Hause gebracht“, erinnert sie sich an Tage, an denen sie mit Fieber im Bett lag.

Hinzu kommt: „Ich habe das Gefühl, dass ich dort mehr bewirken kann.“ Es gebe mehr Freiheiten, weniger Regeln. Ihren Unterricht kann Klockemann komplett frei gestalten. Darüber hinaus legt sie Wert darauf, dass die christliche Schule bei Weitem nicht so teuer wie die privaten Schulen im Land ist und gleichzeitig aufgrund der kleinen Klassen besseren Unterricht ermöglicht. Auf Schuluniformen wird verzichtet, neben Englisch wird auch die tansanische Heimatsprache Swahili unterrichtet. In der Multikulti-Schule wird außerdem jeder Feiertag bedacht – egal ob staatlich, muslimisch oder christlich. Die Kinder gestalten Morgenandachten und andere Aktionen mit.

Klockemanns Wohnort ist Maji ya Chai, nur wenige Kilometer vom größten Berg Afrikas entfernt, dem Kilimandscharo. Sie lebt mit einem Engländer zusammen, den sie bei ihrem ersten Aufenthalt in Tansania kennengelernt hat. „Wir leben zwar zusammen, arbeiten aber 1000 Kilometer voneinander entfernt“, berichtet sie. Sie im Norden des Landes, er im Süden, entsprechend sehen sie sich pro Monat auch immer nur für ein paar Tage. Er hatte bei der Suche nach einem Arbeitsplatz dasselbe Problem wie sie: Wer sich als Ausländer auf Arbeitsplätze in Tansania bewirbt, hat Nachteile gegenüber den Einwohnern. Unternehmen müssten Geld dafür bezahlen, damit sie Migranten beschäftigen dürfen, berichtet Klockemann, hinzu kämen Formulare und andere bürokratische Hürden, wie es sie in Deutschland auch gibt.

Die Distanz zur Heimat hilft Klockemann auch, um Veränderungen in ihrer Heimat festzustellen: „Deutschland ist bunter geworden“, sagt sie. Einwanderer hätten vielerorts das Stadtbild verändert, auch in Bad Münder, worüber sie sich freut. Würde sie heute noch in Deutschland leben, würde sie vermutlich bei der Integration von Flüchtlingen mithelfen.



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