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Von Wölfen und Wolfsjagden im Schaumburger Land

„Von Natur aus verdorben“

Noch wurde keiner gesichtet, aber schon die Möglichkeit seines Auftauchens scheint manchen Zeitgenossen einen Schauer über den Rücken zu jagen. Jedenfalls hat die Kunde vom Vordringen der aus Osteuropa zuwandernden Wölfe – auch im Schaumburger Land – schon für etliche aufgeregte Schlagzeilen gesorgt.

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Autor:

Wilhelm gerntrup

Die Urängste kommen nicht von ungefähr. „Der Wolf ist von Natur aus verdorben, von grausamem Gebaren, schädlich zu Lebzeiten und nutzlos nach seinem Tode“, heißt es in dem 1760 erschienenen wissenschaftlichen Standardwerk „Allgemeine Historie der Natur“. „Seine Stimme ist furchterregend und sein Geruch unerträglich. Es gibt nichts Gutes an diesem Tier außer seinem Fell, das man zu groben Pelzen verarbeitet“.

Die vor 250 Jahren in Leipzig veröffentlichte Darstellung ist kein Einzelfall. Seit alters her ist die Mensch-Wolf-Beziehung von inbrünstiger Abneigung geprägt. Die Vorstellung vom „Canis lupus“ als Ausgeburt des Bösen findet sich in zahlreichen Legenden, Märchen und Spukgeschichten wie Hänsel und Gretel, We(h)rwolf und/oder Böchsenwulf wieder.

Die gefühlsmäßige Feindschaft begann, als der Mensch, der den Wolf zuvor „nur“ als Beutekonkurrenten wahrgenommen hatte, von der Jägerei auf Ackerbau und Viehzucht umstieg. Das Urbarmachen der Wälder schränkte den Lebensraum der Tiere immer mehr ein. Sie fingen an, ihre Mahlzeiten vermehrt auf den Weiden und in den Ställen der Zweibeiner zu suchen. Das dabei gezeigte höchst raffinierte und zugleich gnadenlos grausame Vorgehen konnte nach menschlichem Ermessen nur von bösen Mächten gesteuert sein. Schon die Germanen sahen den Wolf als Geschöpf der Unterwelt. Und auch nach der Christianisierung galt das Tier als lebensunwerte Kreatur. Die Jagd geriet zum Vernichtungsfeldzug. „Allen Thieren ist Friede gesetzet außer Wölffen, an dem bricht man keinen Frieden“, heißt es im „Schwabenspiegel“, einem der ältesten, im 13. Jahrhundert verfassten deutschsprachigen Rechtsbücher.

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  • Kupferstich eines unbekannten Künstlers: Die Jagd des verhassten Tieres hat zu allen Zeiten auch die Kunst bewegt.

Über Umfang und Bedeutung der hiesigen Wolfsvorkommen ist bis Ende des Mittelalters wenig bekannt. Sicher scheint, dass die ländlichen Siedler die vierbeinigen Räuber vor allem durch Anlage von „Wolfsgruben“ abzuschrecken versuchten. Das waren etwa drei Meter breite, lange und tiefe Erdkuhlen, die man mit dünnen Stangen, Laub und Reisig abgedeckte. Oben drauf wurde als „Lockspeis“ ein Huhn oder ein verendetes Lamm oder Kalb festgebunden. Darüber hinaus ist in den Überlieferungen von „Wolfsangeln“ und „Wolfseisen“ die Rede. Weil das alles nichts brachte, verlegte man sich auf die Durchführung von Hetzjagden.

Die erste urkundlich belegte Massentreibjagd auf Schaumburger Territorium ging am 4. August 1600 auf Befehl des damaligen Grafen Adolf XI. über die Bühne. Fünf Jahre später (1605) trommelte auch dessen Nachfolger Ernst die „Jegers“ und „Underthanen“ zu einer Wolfshatz zusammen. Einsatzschwerpunkt waren Sachsenhagen, Hagenburg, Bokeloh und Meßmerode. Bei späteren Aktionen nahm man sich die Gegenden um Kleinenwieden, Hohenrode, (Hessisch) Oldendorf und Exten vor.

Geradezu bedrohlich muss es während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) zugegangen sein. Mancherorts scheinen die Wölfe sogar die Oberhand gewonnen zu haben. Viele Dörfer waren verwahrlost und – als Folge von Seuchen und Waffengewalt – verwaist. In dem Maße, in dem das Land menschenleerer wurde, vermehrten sich die Wölfe. Die in großen Rudeln umherstreifenden Tiere wurden zu einer kaum noch beherrschbaren Plage.

„Nur Wölffe siehet man / Auff freyer Strasse gehen / So daß kein Ochse kann / Und Schaf mehr sicher seyn“ dichtete 1642 der Rintelner Professor Andreas Heinrich Bucholtz in seiner berühmt gewordenen „Schawenburgische(n) TrawerClage“ (Schaumburger Trauerklage).

In einem zeitgenössischen Bericht über die Verhältnisse im Winter 1636/37 ist zu lesen, „daß zur Nachtzeit ganze Rudel hungriger Wölfe den Deister und die übrigen Waldungen verließen, die Ortschaften heulend umkreisten und in die Häuser und Stallungen einzudringen suchten“. Nicht selten seien auch Menschen, „die in Feld und Wald zu tun hatten, von diesen Raubtieren angefallen und manches Mal auch zerrissen worden“. Vor den Toren Rintelns lauerten Wolfsrudel auf Seuchenopfer. Die zuvor ca. 2000 Einwohner zählenden Stadt war von zwei großen Pestepidemien heimgesucht worden. In einer Aktennotiz aus dem Jahre 1634 ist von 800 Toten die Rede. Sie wurden, da auf dem Stadtkirchhof kein Platz mehr war, vor das Ostertor geschafft. Besser wurde es erst nach dem Ende des Gemetzels. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gingen wieder regelmäßige „Wolffs Jagten, dazu das gantze landt helffen muß“, über die Bühne. Die meist im Winter befohlenen Einsätze dauerten zwei bis drei Tage. Mit Ausnahme der Stadtbewohner war alles auf den Beinen. Zeitweise nahmen bis zu 1000 Untertanen als Treiber und an die 100 als Jäger teil. Die vordersten Reihen waren mit „Exten“ (Äxten) und Barthen (Beilen) ausgerüstet. Die Wölfe wurden nach einem festgelegten Aktionsplan von den oft kilometerlangen Menschenketten „gegen das Garn“ (Netz) getrieben. Tiere, die darin hängen blieben, wurden totgeschlagen oder niedergestochen. Die Ergebnisse waren aus heutiger Sicht mager. Im Schnitt blieben jedes Mal zwei bis drei Wölfe sowie einige Luchse und hin und wieder auch ein Bär auf der Strecke. Deutlich größer war die Ausbeute, als die neu entwickelten Feuergewehre zum Einsatz kamen. Am häufigsten zog man gegen die Wolfsbestände zwischen Weser und Rumbecker Berg, im Bückeberg und im Süntel zu Felde. Ergänzend zu den organisierten Massentreibjagden wurden Fang- und (später) Schuss-Prämien ausgesetzt. 1653 zahlte der damalige schaumburg-lippische Graf Philipp drei Taler für jedes erschlagene Tier. Im hessischen Teil Schaumburgs gab’s zur Belohnung einen Klafter Holz.

Aus dem anfänglichen Abwehrkampf gegen die Raubtier-Konkurrenz wurde im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts ein schießwütiger Vernichtungsfeldzug. Eine bedeutsame Rolle spielte dabei die Lust der adligen Grundherrschaften an der (Edelwild-) Jagd. Der Wolf war als Störfaktor und Mitesser unerwünscht. Vor gut 200 Jahren war das „Endziel“ erreicht. Bis auf wenige Restexemplare war das hierzulande über Jahrtausende hinweg wichtigste Raubtier ausgerottet. Die Treibjagden wurden eingestellt.

Den letzten Wolf im damaligen Fürstentum Schaumburg-Lippe, einen etwa sieben Jahre alten Rüden, brachte ein Förster am 29.Mai 1760 zwischen Loccum und Spießingshol (Försterei im Schaumburger Wald) zur Strecke. Und der letzte Isegrim in der hessischen Grafschaft Schaumburg soll 1779 in der Gegend von Sachsenhagen erlegt worden sein.

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