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Von Kliniken, Kapital und Nächstenliebe

In Kürze wird Bernd Weber den Titel „Manager des Jahres“ tragen. Das Gesundheitsmagazin „kma“ zeichnet den 66-jährigen Vorstandsvorsitzenden und Gründer der gemeinnützigen Agaplesion AG für ein einzigartiges Expansionsmodell auf dem Gesundheitsmarkt und das stringente Management innerhalb seines Konzerns aus. Dem Chef der christlichen AG sei ein „unternehmerisches Wunder“ gelungen, begründet das Magazin die Entscheidung. Bernd Weber sei einer, der in angespannten Finanzlagen kränkelnden Krankenhäuser wieder auf die Füße geholfen habe – das ist das Geschäftsmodell, mit dem die Aktiengesellschaft erfolgreich auf dem Markt agiert.

Lars Lindhorst

Autor

Lars Lindhorst Ressortleiter zur Autorenseite

Trotz des hart umkämpften Gesundheitsmarkts ist die Agaplesion AG auf rasantem Wachstumskurs. Innerhalb von zehn Jahren haben sich die Umsatzerlöse verfünffacht, die Zahl der Gesundheitseinrichtungen im Unternehmensverbund ist auf bundesweit 80 gestiegen.

Nun kündigt sich das erste Engagement des hessischen Konzerns mit Sitz in Frankfurt auch in Niedersachsen an. Derzeit führen die Verantwortlichen der Agaplesion AG intensive Gespräche mit dem Krankenhausbetreiber Pro Diako. Es geht um die zukünftige Zusammenarbeit – darüber hinaus ist eine Fusion der beiden Klinikträger im Gespräch und die Übernahme der Mehrheitsanteile an dem Pro-Diako-Mutterhaus in Rotenburg/Wümme durch die Agaplesion AG. Betroffen sind dadurch auch unmittelbar das Bathildiskrankenhaus in Bad Pyrmont und das Evangelische Krankenhaus in Holzminden, an denen Pro Diako bislang Mehrheitsanteile hält. Auch auf den Neubau des Gesamtklinikums in Schaumburg könnten sich die laufenden Gespräche auswirken. Dem Vernehmen soll die Agaplesion im Falle einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit 51 Prozent an der Pro Diako gGmbH halten. „Seit der Gründung ist es unser Ziel, christliche und soziale Einrichtungen in einer sich stetig verändernden Wirtschafts- und Wettbewerbssituation zu erhalten und zu stärken – das ist auch unsere Intention bei den Gesprächen mit Pro Diako“, sagt Agaplesion-Chef Weber.

Für manches kirchliche Krankenhaus, das unter den Bedingungen des Gesundheitsmarktes regelmäßig Defizite erwirtschaftete, war die Agaplesion AG in der Vergangenheit ein Samariter, der Retter in höchster Not. Doch anders als andere Unternehmen der Diakonie kennzeichnet Bernd Weber seinen gemeinnützigen Konzern als deutlich gewinnorientiert. „Wer keinen Gewinn anstrebt, handelt unethisch“, ist der Leitsatz des Agaplesion-Gründers. Im Gegensatz zu privatwirtschaftlichen Aktiengesellschaften würden aber keine Dividenden ausgezahlt, die erwirtschafteten Gewinne verblieben im Konzernverbund und stünden in den Einrichtungen für Investitionen zur Verfügung. Webers beachtetes Expansionsmodell ist einfach: Weil in einer AG allein Aufsichtsrat und Vorstand über den Beitritt weiterer Aktionäre entscheiden können, ist es dementsprechend leicht, andere Klinikbetreiber in den Konzernverbund aufzunehmen und so auf Wachstumskurs zu gehen.

„Wer keinen Gewinn anstrebt, handelt unethisch“: Die Zukunft von Kliniken ist eine Kostenfrage. Foto: Fotolia

Vorstandschef Weber gründete die Agaplesion gAG (hergeleitet von „agapeseis ton plesion“, „liebe deinen Nächsten“) im Jahr 2002 als erste gemeinnützige Aktiengesellschaft. Agaplesion kauft nicht, sondern nimmt andere Klinikbetreiber als Gesellschafter auf. Weil die Gesellschaft nicht an der Börse notiert ist, werden die Aktien der Agaplesion AG als sogenannte Namensaktien an die Gesellschafter ausgegeben. Nach Angaben des Konzerns biete dies die beste Möglichkeit, andere Einrichtungen und Krankenhausträger als Gesellschafter aufzunehmen. In der Praxis erhalten die neuen Partner selbst Aktien an der Agaplesion AG und werden damit selber zu Aktionären. Im Gegenzug bringen die Betreiber ihre Anteile an den Einrichtungen in die AG ein.

Agaplesion ist mittlerweile der größte deutsche Krankenhausverbund unter evangelischem Dach. Zu dem christlichen Verbund gehören derzeit bundesweit rund 80 Einrichtungen, darunter 22 Krankenhäuser sowie 32 Wohn- und Pflegeeinrichtungen. Über 12 000 Mitarbeiter sorgen nach Konzernangaben für patientenorientierte Medizin und eine Pflege nach anerkannten Qualitätsstandards. Agaplesion versorge derzeit in ihren Krankenhäusern mit rund 5000 Betten über 280 000 Patienten. Die Wohn- und Pflegeeinrichtungen verfügen über rund 2800 Plätze in der Pflege und zusätzlich 800 betreute Wohnungen.

Stolz ist der Jahresumsatz des Konzerns: Im Jahr 2010 lag er bei rund 437 Millionen Euro. Ebenso beträchtlich fiel der Gewinn vor Steuern aus: Auf rund 26 Millionen Euro belief sich der Jahresüberschuss im vergangenen Jahr. Für dieses Jahr wird mit einer weiteren Umsatzsteigerung gerechnet. Laut Unternehmensdarstellung liegt der aktuelle Jahresumsatz bei rund 620 Millionen Euro.

Beschlossene Sache ist eine Kooperation der beiden christlichen Träger Agaplesion und Pro Diako offiziell indes nicht. In der Frankfurter Konzernzentrale hält man sich über den Verlauf der Gespräche bedeckt. Auskünfte über den Stand der laufenden Gespräche wollte Unternehmenssprecherin Verena Kämpgen auf Anfrage nicht erteilen.

Dass es sich bei der möglichen Kooperation zwischen den beiden konfessionellen Häusern besonders um finanzielle Fragen dreht, legt ein Blick auf die Bilanzen der Pro Diako gGmbH nahe. Die sind ernüchternd und hegen Zweifel, dass sich Pro Diako freiwillig der Aktiengesellschaft anschließt. Unter dem Dach der Pro Diako arbeiten zehn Krankenhäuser, acht stationäre und vier ambulante Pflegeeinrichtungen sowie zwei Reha-Einrichtungen zusammen. In den Krankenhäusern werden mit 2300 Betten rund 100 000 Patienten pro Jahr versorgt. Insgesamt erwirtschaftete das Pro Diako nach aktuellen Unternehmensangaben 330 Millionen Euro Jahresumsatz. Im Gegensatz zu den hohen Gewinnen der Agaplesion AG arbeiteten einige Häuser der Pro Diako aber defizitär. Der Jahresüberschuss des Unternehmens fiel in den vergangenen Jahren insgesamt negativ aus.

Dem Evangelischen Krankenhaus in Holzminden drohte im Frühjahr sogar die Insolvenz, zudem zeichnete sich dort innerhalb der letzten zwei Jahre auch ein Investitionsstau ab. In Holzminden wird die Zusammenarbeit mit der Agaplesion dem Vernehmen nach als ein positives Signal gewertet.

Sollte die Agaplesion die Mehrheit der Anteile an der Pro Diako erhalten, hätte dies auch Auswirkungen auf den geplanten Klinikneubau in Schaumburg. Für das 130-Millionen-Euro-Projekt des Klinikums in Schaumburg müsste Pro Diako einen Eigenanteil von 30 bis 35 Millionen Euro selbst aufbringen. Der Rest wird von Landesgeldern finanziert. Auch wenn die Übernahme des Pro-Diako-Anteils durch die Agaplesion AG noch nicht ausgesprochen wurde, so betonte Pro-Diako-Geschäftsführer Michael Schwekendiek vor kurzem dennoch, dass die Finanzierung des Gesamtklinikums gesichert sei.

Die Kooperation – wie auch immer sie ausgestaltet sein mag – wird dennoch nicht ohne Gegenleistung über die Bühne gehen. Bernd Weber ist bekannt für die Durchsetzung seiner „integrativen Mangementstruktur“, die keinesfalls einen reinen Zweckverbund nahelegen. „Überregionale Verbünde zielen vor allem auf ein gemeinsames Management und die Realisierung von Wirtschaftlichkeitsreserven bei Dienstleistungen wie Einkauf und EDV“, schreibt Weber in einem Strategiepapier. Es gelte bei Zusammenschlüssen Synergieeffekte zu nutzen, um „in einem starken Vebund zu mehr Marktmacht zu gelangen und eine stärkere Verhandlungsposition gegenüber Kostenträgern zu etablieren“. Dies auch vor dem Hintergund des Abbaus stationärer Kapazitäten durch kürzere Verweildauern der Patienten und Zunahmen ambulanter Behandlungen. Ein Eckpunkt in der Agaplesion-Strategie ist die konsequente Zentralisierung von Unternehmensbereichen in der Konzernzentrale, unter anderem im Hinblick auf Einkauf, Logistik, Finanz- und Rechnungswesen.

Die vorzeigbare Bilanz der Agaplesion AG hat auch Kehrseiten: Mit der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di stand die Agaplesion AG in Konflikt. Die Arbeitnehmervertreter kritisieren die Personalpolitik des kirchlichen Unternehmens. Vertreter der Arbeitnehmer gebe es im Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft nicht. Zudem würde der Konzern konsequent auf die Sonderstellung kirchlicher Arbeitgeber im Arbeitsrecht pochen. Demnach müssen konfessionelle Träger keinen Sitz für Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat vorhalten. Zudem kritisiert die Gewerkschaft das umfangreiche Outsourcing des Konzerns mit der Einrichtung von Servicegesellschaften, in denen Bereiche wie Reinigung, Wäsche oder Küche ausgelagert werden. Hier jedoch hat Agaplesion keine herausragende Stellung, sondern findet sich im Gleichschritt mit anderen Klinikbetreibern – wissentlich mit dem Verweis auf den Kostendruck des Gesundheitsmarkt.

Am 17. Januar wird Agaplesion-Chef Bernd Weber der Titel zum „Manager des Jahres“ festlich verliehen. Wenn der Bau des Gesamtklinikums in Schaumburg wie geplant im Frühjahr starten soll, wird der honorige Manager allerdings nicht mehr an der Spitze des kirchlichen Konzerns stehen. Erst gestern hat die Agaplesion AG Webers Rückzug im März 2012 verkündet. Vom Wachstumskurs der Aktiengesellschaft wollen auch Webers Nachfolger nicht abrücken.

Der konfessionelle Klinikbetreiber Pro Diako steht vor einer Kooperation mit der gemeinnützigen Agaplesion AG, einem Riesen auf Wachstumskurs. Betroffen sind davon auch Krankenhäuser in Schaumburg, Bad Pyrmont und Holzminden. Die Agaplesion AG versucht den Spagat, wirtschaftliche Rentabilität und christliche Ethik zu vereinbaren.




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