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"Blaues Sofa" eröffnet neue Saison mit mildem Spott / Man ließ es diesmal im VHS-Foyer ganz schön menscheln

Von Eleganzdarstellern und anderen Dinosauriern

Rinteln (wm). Es war eine treue Fangemeinde, dazu einige neue Gesichter, die sich am Montagabend im Foyer der Volkshochschule zum ersten Auftritt von Ulrich Reineking und Volker Buck nach der Sommerpause erwartungsvoll versammelt hatte - die obligate Flasche mit Landbier der Schaumburger Privat-Brauerei griffbereit.

Reinekings Texas-T-Shirt mit Colt-Aufdruck ließ scharfe Schüsse erwarten, doch das Kult-Duo eröffnete die neue Kabarettsaison mit einem der Jahreszeit angepassten herbstlichen, besinnlich-heiteren bis melancholischen Programm - nur gelegentlich ließ der Kabarettist an diesem Abend seinem sonst so anarchistischen Witz freien Lauf. Die Fänge schnappten verbal nur zu, wenn geliebte Feindbilder in Bissweite gerieten: Wie die Stadthäger Schützen - in der Genealogie nach Reineking in direkter Linie den Dinosauriern zuzuordnen, Überlebende vom "Schlammcatchen in Obernkirchen" ("zu viel Panzer, zu wenig Hirn") oder Zeitgenossen, dieStraßenmusikanten oder Bettler beim Finanzamt anschwärzen. Treffsicher der Seitenhieb auf Diddlmaus-Fans im Schmusewahn: Am besten an die Katze verfüttern. Kein "blaues Sofa" ohne verbalen Stadtrundgang - diesmal war Reineking als Nachtwächter unterwegs und sinnierte über den aktuellen Stadttratsch. So vermutete er als Ursache für die Diskussion über Uran im Trinkwasser einen Tippfehler - wahrscheinlich hätte es Urin heißen sollen und wollte nicht glauben, dass ein Marder Ursache für den Black-out der Bankautomaten gewesen sein soll? (höhnisches Gelächter im Saal). Dass man Dr. Marc Lemmermann, der vom Hindukusch in die Arabischen Emirate gewechselt ist, kaum als Kandidaten bei der nächsten Bürgermeisterwahl in Rinteln antreffen wird, fand ebenso Zustimmung im Saal, wie des Nachtwächters Bedauern über den "pickligen Ninja-Kämpfer mit Mutters Küchenmessern", der sich im Internet bloßgestellt hat. Urdrü, wie ihn die Bremer nach seiner TAZ-Kolumne nennen, outete sich als Schwarzfahrer, warnte in Erinnerung an alte Zeiten vor Gefahren des Trampens (besonders in Autos mit Wackeldackel und Klorolle auf der Hutablage) und polemisierte milde gestimmt gegen die kulturelle, soziale und politische Barbarisierung im Alltag. Viel Beifall gab es für die Gäste auf dem blauen Sofa, Anna und Sandra (Sunny) Kunze, beide bestens bekannt in der Rintelner Szene als Wirtin und Köchin im Bistro "Cho's" am Kirchplatz. Es war eine geradezu romantische Geschichte, die Reineking als einfühlsamer Interviewer dem Paar entlockte. Beide haben sich mit der Eröffnung des Bistros einen Traum erfüllt, verstehen sich nach wie vor prächtig und es war ein großes, handgeschriebenes Plakat, mit dem Sunny ihre Anna, damals Kellnerin, aus der Marktwirtschaft ins gemeinsame Abenteuer gelockthat. Und Sunny verriet Reineking, wo sie so gut kochen gelernt hat (bei ihrer Mutter) und wie die Spezialität des Hauses heißt: "Bulguri" - raffiniert gewürztes Rinderfleisch in Salatblätter gewickelt. Reineking outete sich im Gegenzug als Stammgast im "Cho's", in dem auch Sohn Linus seine warme Abendmahlzeit bekomme (meist Nudeln), wenn der Vater noch am Redaktionsschreibtisch brütet. Zu hören sind Buck und Reineking im Cho's übrigens am 14. November. Volker Buck, an diesem Abend Schwerarbeiter an der Gitarre, weil häufig gefordert, schaffte mühelos die emotionale Achterbahnfahrt mit so unterschiedlichen Sängern wie Lonzo Westphal (die Dinosaurier werden immer trauriger), Rio Reiser (Ton Steine Scherben), John Denver (Take Me Home) und Elvis Presley (Love Me Tender). Und ein paar neue Vokabeln konnten sich die geneigten Zuhörer für Partyplaudereien an diesem Abend auch ins Notizbuch schreiben, wie: "Verbaler Schwitzkasten" und "Eleganzdarsteller."




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