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Vom Totschläger zum Theologen

Ein Feldweg führt zu dem Haus von Peter Deutschmann. Es liegt am äußersten Rand von Eschede, einer Gemeinde zwischen Celle und Uelzen. Es ist der 8. August 1999, als Johannes Kneifel sich mit einem Freund auf den Weg macht, an dessen Ende Deutschmann tot sein wird.

Autor:

Robert Michalla

Johannes Kneifel wird 1982 in Celle geboren. „In meiner Kindheit hatte ich kaum Grund zur Freude“, sagt der Mann mit den rotblonden Haaren heute. Seine Mutter leidet an Multipler Sklerose. Als die Familie von Celle nach Eschede umzieht, verliert der Vater seinen Job. Das erste Mal betrinkt sich Kneifel mit 14. Es folgt ein Filmriss auf den anderen. Bei einem Schützenfest trifft er auf Skinheads, Kneifel wird einer von ihnen. Er hört rechte Musik, trägt Springerstiefel und Bomberjacke, hetzt gegen Ausländer. Kneifel ist ein Skinhead und stolz darauf. Er prügelt sich, auch mit Ausländern. Er wird verprügelt, auch von Ausländern. Wegen Körperverletzung kommt er vor den Jugendrichter.

Auch in die Psychiatrie wird er eingewiesen, haut aber am ersten Tag wieder ab. Bei den Neonazis findet Kneifel nach eigenen Worten Rückhalt. Seine Eltern können ihn nicht auffangen, als er in die rechte Szene abgleitet. Der 8. August 1999 ist ein typischer Tag in Kneifels Leben. Anfangs. Am Ende ändert sich aber sein ganzes Leben. Es ist ein entscheidender Tag. Ein wegweisender Tag.

Kneifel und sein Nazi-Freund stehen an einem Kiosk, trinken Bier. Aus dem Radio dröhnt verbotene Musik. Beide kommen auf Deutschmann zu sprechen, erinnert sich Kneifel. Im Ort trägt der den Beinamen „Hippie“. Auch Kneifel und seinen Freund hat er schon ins Gewissen geredet, hat ihre braune Gesinnung als „Scheiß“ bezeichnet. Kneifel und sein Freund beschließen, dem 44-Jährigen einen Denkzettel zu verpassen. Wie der aussehen soll, darüber reden sie nicht. Sie machen sich auf den Weg.

Jugendanstalt Hameln: „Das einzige, was man hier wird, ist ein Krimineller.“ Foto: Archiv

Am Haus von Deutschmann angekommen, klopfen sie, klingeln, doch nichts rührt sich, sie werden wütend. Kneifel tritt die Tür ein. Im Wohnzimmer treffen sie auf Peter Deutschmann. Die Skinheads beschimpfen ihn, nennen ihn einen „miesen Feigling“. Plötzlich schiebt sich Kneifel an seinem Freund vorbei und schlägt dem Mann mit der Faust ins Gesicht. Als Deutschmann am Boden liegt, tritt Kneifel zu. Als die beiden Skinheads flüchten, liegt ihr Opfer am Boden in seinem eigenen Blut. „Bis heute fehlen mir jegliche Bilder zu meiner Tat“, erinnert sich Kneifel in seinem jüngst erschienenen Buch. „Ich kann mich nicht einmal an Peter Deutschmanns Gesicht erinnern.“ Mit seinem Freund flüchtet Kneifel nach Hause. Der Weg dauert eine halbe Stunde. Es ist sein letzter in Freiheit.

Am nächsten Morgen verhaftet die Polizei ihn und seinen Kumpel. Deutschmann stirbt im Krankenhaus, Kneifel kommt in Untersuchungshaft in die Jugendanstalt Hameln. Am Ende spricht ein Gericht ihn schuldig, Köperverletzung mit Todesfolge. Kneifel muss fünf Jahre lang ins Hamelner Gefängnis. Seine kleine kaputte Welt ist zur Hölle geworden. Den Weg hat er sich selbst bereitet, wie er später gesteht.

Kneifels Buch dreht sich nicht nur um den Weg in den Rechtsradikalismus und zurück, um Schuld und Strafe. Es liefert auch einen Einblick in den Alltag von Deutschlands größter Jugendhaftanstalt. An seine Zeit im Hamelner Gefängnis hat Kneifel nur schlechte Erinnerungen. 23 Stunden am Tag ist er manchmal in seinem Haftraum eingeschlossen. Das Essen sei schlecht, es herrschten Gewalt, Tristesse und Langeweile. Er fühlt sich schikaniert, von Häftlingen und Wärtern. „Die Anstalt hat keinen guten Ruf“, schreibt Kneifel. „Das einzige, was man hier wird, ist ein Krimineller.“ Die Anstaltsleitung habe ihm bis zuletzt kein Vertrauen entgegengebracht. Weder die Mitarbeiter noch die Anstaltsleitung wollen sich zu dem Thema äußern. Bis heute nicht. Sie sprechen nicht über ehemalige Gefangene.

Als verurteilter Jugendstraftäter scheint Kneifels Weg vorgezeichnet, doch er schlägt einen anderen ein. Anstatt sich weiter mit Neonazis abzugeben, freundet er sich im Knast mit Ausländern an. Er absolviert eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker und schließt sie mit „sehr gut“ ab. Und er besucht Gottesdienste. Was Kneifel zu dieser Zeit interessiert? „Die Frage nach dem Sinn des Lebens.“ Kneifel findet so zu Gott. „Wenn ich mir selbst nicht mehr helfen kann, wenn es auch keine anderen Menschen gibt, die mir helfen können – dann bleibt nur noch Gott übrig.“ Kneifel findet Ersatz für jemanden, den er bereits während seiner Kindheit verloren hat. „In Gott erst habe ich meinen Vater gefunden“, sagt er. „Es gibt ja diesen Dreiklang Glaube, Liebe, Hoffnung. Das sind schon Sachen, die mir früher eigentlich alle gefehlt haben.“

Im Alter von 22 Jahren betritt er einen neuen Weg: Er kommt frei. Unter Häftlingen gibt es eine Art Aberglauben. Er besagt, dass sie sich bei ihrer Entlassung nicht umschauen dürfen, denn wer sich umdreht, der kommt zurück.

In Freiheit richtet Kneifel sein neues Leben ein, er holt zum Beispiel sein Fachabitur nach. Der Gefangenen-Fürsorgeverein Hameln hilft ihm bei seinen ersten Schritten in Freiheit. Bei einem Spaziergang durch Hameln kommt er an einer Kirchengemeinde an der Schubertstraße vorbei. Es ist eine evangelische Freikirche, eine Baptistengemeinde. Kneifel besucht einen Gottesdienst und wird ein festes Mitglied der Gemeinde. „Er hat offen über seine Vergangenheit gesprochen“, erinnert sich Helmut Stein von der Gemeinde heute an ihn. „Ihm war ganz bewusst, dass er etwas Falsches getan hat.“ Kneifel wird Teil einer Jugendgruppe, bereitet Gottesdienste vor, predigt sogar, und er lässt sich taufen. Er glaubt, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Er glaubt, sich reinzuwaschen.

Kneifel sagt, an die Stadt und die Menschen habe er gute Erinnerungen. „Es war das erste Jahr, das ich als Erwachsener in Freiheit verbracht habe. Ich habe sehr viele nette Menschen gehabt, die mir in dieser wichtigen Zeit gute Begleiter waren.“ In der Gemeinde erfährt Kneifel auch vom Theologischen Seminar in Elstal bei Berlin. Er fasst den Entschluss, Pastor zu werden. In Elstal wohnt er heute noch und schreibt an seiner Master-Arbeit. Thema: Christliche Mission im Kontext des aktuellen Strafvollzugs. „Ich bin eigentlich der Meinung, dass der Jugendvollzug abgeschafft werden sollte. Man lebt dort in einer Parallelwelt. Resozialisierung kann aber nur in der Gesellschaft stattfinden, nicht in der Parallelwelt.“ Er wünsche sich eine Gesellschaft, in der es ein stärkeres Miteinander gebe, in der Menschen eine dritte oder vierte Chance bekämen.

Nach seiner Zeit im Gefängnis spricht Kneifel zudem auf Veranstaltungen gegen Rechts, auch wenn viele ihm seinen Wandel nicht abnehmen. Böse Briefe oder E-Mails erhält er noch heute. Einer, der schon lange fest an ihn glaubt, ist Dieter Kulks. Er ist pensionierter Pastor und arbeitete früher in der Jugendanstalt. Er steht noch in Kontakt mit Kneifel. „Er ist mit seiner Schuld damals nicht fertig geworden“, erinnert sich Kulks. In den Gottesdiensten und in Gott habe er Hilfe gefunden. „Gott liebt den Menschen, nicht seine Tat“, so Kulks. Die meisten Menschen riefen dagegen nach Rache. Im Frühjahr lief eine Dokumentation über Kneifels Geschichte im Fernsehen. Im Anschluss habe sich ein Mann bei ihm gemeldet, so Kneifel. Der Anrufer war nach eigenen Angaben Augenzeuge in jener Nacht 1999 – und er erzählt laut Kneifel eine neue Version. Peter Deutschmann sei ansprechbar gewesen, als die Sanitäter in seiner Wohnung eingetroffen seien. Im Krankenhaus sei er dann mit einem Arzt aneinandergeraten, woraufhin der ihn nicht behandelt habe. Die Verletzungen seien, so behauptet der Zeuge, nicht tödlich gewesen. Deutschmann sei gestorben, weil er zu spät behandelt worden sei. Kneifel will den Fall neu aufrollen lassen. Dass Deutschmann eine Tochter hatte, erfuhr er angeblich erst durch die Dokumentation. Die Frau will bis heute nicht mit ihm sprechen. „Ich kann damit leben, dass sie mir nicht vergibt“, sagt Kneifel der „Süddeutschen Zeitung“. Dennoch sei er weiter an einer Aussöhnung interessiert, sagt er der „Schaumburger Zeitung“. Das Buch, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und sein Weg als Theologe seien eine besondere Chance, „die überhaupt nicht selbstverständlich ist“, sagt Kneifel. „Ich bin sehr froh, aus diesem Kreis von Hass, Gewalt, Vergeltung und Strafen herausgekommen zu sein.“ Ein Stück weit sei er stolz, wenn er den Weg betrachte, der hinter ihm liege. „Der Weg mit Gott ist ein guter Weg“, sagt er heute im Alter von 30 Jahren.

Sein Buch beschreibt den Weg eines Wanderers, der Irrwege betritt. Kneifel sagt, dass er sein Leben als Entwicklung sehe. Er bereue seine Tat. Bei seiner Entlassung aus der Jugendanstalt in Hameln drehte er sich damals übrigens um.

Johannes Kneifel: „Vom Saulus zum Paulus.“ Wunderlich Verlag; 288 Seiten; 18,95 Euro.

Es ist das Jahr 1999. Johannes Kneifel ist 17 Jahre alt, als er einen Menschen totprügelt. Ein Gericht spricht ihn schuldig, er muss für fünf Jahre ins Gefängnis. Seine Zeit hinter Gittern sitzt Kneifel in der Jugendanstalt in Hameln ab. Dort findet er zum Glauben – und damit auch zu sich selber.

„Der Weg mit Gott ist ein guter Weg“

Johannes Kneifel war Skinhead und stolz darauf. Er prügelte sich, auch mit Ausländern. Er wurde verprügelt, auch von Ausländern. Foto: dpa




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