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Friedhöfe sind auch Orte des Vergessens

Vom Park zur Totenstadt

Der allererste Friedhof, der, im Jahr 1804, offiziell als ein „Parkfriedhof“ angelegt wurde, ist der Père Lachaise in Paris, und ausgerechnet er hat nicht mehr viel von einem Park an sich, sondern viel mehr von einer Stadt in der Stadt, einer riesengroßen Totenstadt mit etwa 70 000 Gräbern und vielen Hunderttausend „Bewohnern“, deren oft monumentale „Häuser“ dicht an dicht so wirken, als ginge es darum, das ersehnte Leben nach dem Tod bereits auf dem Friedhof zu beginnen.

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Auch der Père Lachaise entstand, wie die Friedhöfe der Städte unserer Landkreise, aus der Not heraus. Bevor man die Toten quasi der Stadt verwies, waren sie Teil der Gesellschaft geblieben, sei es, dass bedeutende Persönlichkeiten direkt in der Kirche ihre letzte Ruhestätte erhielten, oder dass sie, als geachtete Bürger, so dicht wie möglich an der Kirche und dem sakralen Kirchenraum beerdigt wurden, sei es, dass sie immerhin in geweihter Erde auf dem eingefriedeten Kirchhof lagen, mitten in der Stadt, oft in Massengräbern oder jedenfalls ohne individuellen Stein und so eng neben- und übereinander, dass sie die Lebenden entschieden mit unangenehmen Gerüchen zu belästigen begannen und mit dem Auftauchen ihrer Überreste aus dem Erdreich nach Regengüssen oder von streunenden Hunden ausgebuddelt.

So legte man, in Paris ebenso wie in Hameln oder Rinteln, neue Friedhöfe an, dort, wo sonst nur arme Leute, Verbrecher oder Ungläubige verscharrt wurden, außerhalb der Stadtmauern auf freiem Gelände und unabhängig von einer bereits existierenden Kirche. Hamelns Garnisonsfriedhof war zunächst nur den Offizieren und dann auch ihren Angehörigen vorbehalten und bot ausreichend Platz, Männern mit großem Namen entsprechend prächtige Gräber zu bauen; auch auf dem Seetorfriedhof in Rinteln finden sich im alten Teil viele kleinere Mausoleen, mit denen adlige und bürgerliche Familien ihre verstorbenen Mitglieder über den Tod hinaus als bedeutende Bürger präsentierten. Die Anlage des Père Lachaise nun legte man tatsächlich in die Hände eines Architekten, der baumbestandene „Avenuen“ vorsah und Grabmonumente plante, die zum Vorbild für viele weitere Monumente wurden.

Der Garnisonsfriedhof in Hameln und der Friedhof am Rintelner Seetor wurden zu Baudenkmälern erklärt, nicht anders als der weltberühmte Père Lachaise. Doch was für unterschiedliche Welten tun sich auf, je nachdem, ob man in Paris oder in Rinteln beziehungsweise Hameln über den Friedhof flaniert. Während hier nach und nach friedhöfliche Anlagen entstanden mit Grabstellen, die oft wie kleine bunte Blumenbeete aussehen und die zusammen mit Bäumen, Rasenstücken und Büschen das Gefühl vermitteln, durch einen friedlichen Park zu wandern, ist der Père Lachaise eine große graue Stadt, zumal im Frühjahr, wenn auch die Stämme der noch unbelaubten Bäume grau wirken und Blumen nur auf einigen der ganz berühmten Gräber liegen, demjenigen von Frédéric Chopin etwa, von Édith Piaf, dem Dichter Honoré de Balzac oder natürlich dem Grab vom „Doors“-Sänger Jim Morrison.

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Überall auf allen Friedhöfen setzen Menschen sich Denkmäler oder werden ihnen welche gesetzt, überall ist es interessant, oft bewegend, die Inschriften zu studieren und eine Ahnung über einzelne Biografien zu erhalten – hier ein anerkannter Mediziner, dort ein junger Mann, im Weltkrieg gefallen, hier eine Großmutter, die nicht aufhörte, der ostpreußischen Heimat nachzutrauern, dort ein russischer Sohn, dessen Antlitz in schwarzem Marmor graviert wurde, ein Festungs-Kommandant des 19. Jahrhunderts oder ein Kind, das seine ersten Lebenstage nicht überlebte – doch was den Père Lachaise von solchen fast gemütlichen Friedhöfen unterscheidet, ist der geradezu verzweifelte, man könnte auch sagen „größenwahnsinnige“ und jedenfalls meistens vergebliche Versuch seiner „Bewohner“, über Jahrhunderte hinweg als Individuum in Erinnerung zu bleiben, als einer von Hunderttausenden.

Tatsächlich verzeichnet eine Liste berühmter Gräber auf dem Père Lachaise über 200 Namen, tatsächlich pilgern Besucher, mit einem „Stadtplan“ in der Hand, hin zu den von ihnen bewunderten Verstorbenen, zu den 200 mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten innerhalb einer Großstadt der Toten. Dabei gehen sie teils breite Straßen, die „Avenuen“, entlang, vorbei an unzähligen gemauerten Grabhäusern und -häuschen, teils stapfen sie die winzigen Gassen zwischen den Grabstellen hindurch, schauen in die vielen aufgebrochenen Türen oder in eingebrochene, mit Müll verfüllte Erdlöcher, versuchen verwaschene Schriften zu entziffern und je länger man so herumwandert, desto absurder erscheint das Begehren der allermeisten Totenstadtbewohner, die jährlich zwei Millionen Besucher aus aller Welt auf sich und ihre großen Taten aufmerksam machen zu wollen.

Da ist das Grab eines arabischen Professors, der alle seine im langen Leben erworbenen Orden originalgetreu auf den Stein aufdrucken ließ oder der militärische Held, dessen gesamte Erfolge wie eine Art Wandzeitung in ein meterlanges Oval eingraviert sind, nur kann man nicht mal mehr seinen Namen lesen; da sind Politiker aus dem vorletzten Jahrhundert, deren Grabstatuen mit bewegter Gestik immer noch große Reden halten wollen oder Ecken, wo es eine Zeit lang Mode war, sich Pyramiden zu errichten, eine immer noch höher als die des Nachbarn. Bäume, die selbst schon abgestorben sind, haben mit ihren Wurzeln Grabplatten abgehoben und um zum Beispiel zum Grab von Jim Morrison zu kommen, trampelt man ungeniert über die Grabplatten anderer hinweg, die den Weg versperren.

Wandert man über seinen eigenen heimischen Friedhof, so fällt der Blick oft auf Familiennamen, die man kennt, ja auf Gräber von Menschen, denen man einst häufig in der Stadt begegnete. Wo eine Grabstelle besonders schön bepflanzt ist, freut man sich, dass des Toten offensichtlich herzlich gedacht wird, wo ein Grab verfiel, bedauert man den Vergessenen und legt vielleicht sogar im Vorübergehen eine Blume hin.

Auf dem Père Lachaise, der vom Park zur Totenstadt wurde und wo heute schon ein winzig-hingequetschter Grabplatz 8000 Euro kostet, drängt sich der Tod auf als das, was er ist: der große Vernichter und Gleichmacher. Wie prächtig auch immer einzelne Monumente früherer Pariser Persönlichkeiten gebaut sein mögen, höher, größer, teurer, in ihrer unüberschaubaren Masse beweisen sie den Besuchern mit größter Eindringlichkeit, dass man bis auf wenige Ausnahmen nichts mehr weiß von den Menschen, die Generationen vor einem lebten, nichts von den eigenen Ururgroßeltern und erst recht nichts von einem der vielen Franzosen, die auf ihrem Grabmal vermerken, dass sie einst Mitglied der Ehrenlegion oder Vorsitzender eines renommierten Clubs waren.

Es interessiert einfach nicht. Es ist vorbei.

Friedhöfe, wie wir sie heute kennen, gibt es noch gar nicht so lange, diese parkähnlichen Gelände mit hohen Bäumen, gepflegten Wegen und oft hübsch bepflanzten Gräbern, deren beschriftete Steine Zeichen gegen das Vergessen sein sollen. Der

Hamelner Garnisonsfriedhof an der Deisterstraße eröffnete um 1685, und auch der Rintelner Seetorfriedhof, der etwa 100 Jahre später angelegt wurde, sie gehören schon zu den besonders alten Friedhöfen, wie sie überall außerhalb der Städte entstanden, als es rund um die Kirchen einfach zu eng wurde.

Ganz nah am Leben: Der

Hamelner Garnisonsfriedhof an der Deisterstraße eröffnete um 1685. Dana

Auch der Seetorfriedhof in Rinteln wurde einst als Parkfriedhof in Stadtnähe angelegt.




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