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Alkohol begleitete die Menschen schon immer

Vom Nahrungsmittel zum Teufelszeug

VON CORNELIA KURTH

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Fast zehn Liter reinen Alkohol trinkt jeder Bundesbürger im Jahr. Ein besorgniserregender Wert – zumindestens für heutige Maßstäbe. Es gab nämlich Zeiten, in denen waren noch deutlich höhere Mengen völlig normal, die Menschen tranken sogar auf der Arbeit. Von „Alkoholsucht“ sprach damals noch niemand, Betroffene wurden höchstens als „Trunkenbolde“ gebrandmarkt. Ein Rückblick.

Stolze 9,6 Liter reinen Alkohol trank im Jahr 2011, durchschnittlich gesehen, jeder Bundesbürger, so veröffentlichte es kürzlich das „Jahrbuch Sucht 2013“. Das wären für jeden Einzelnen fast 140 Liter an alkoholhaltigen Getränken, angefangen bei Bier und Wein bis hin zu hochprozentigen Spirituosen. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) zeigt sich sehr besorgt, sicher prinzipiell zurecht. Doch gab es Zeiten, in denen tranken die Menschen wesentlich mehr, teilweise weit über 12 Liter reinen Alkohol pro Jahr, und vor allem: Diejenigen, die ihren Alkoholkonsum nicht unter Kontrolle hatten, sie galten nicht als krank und therapiebedürftig, sondern als verächtliche Trunkenbolde, denen man per Gesetz Strafe, Wegsperren und öffentliche Brandmarkung androhte.

Erst seit dem Jahr 1968, als der reine Alkoholkonsum mal wieder die Zwölflitergrenze überschritten hatte, haben Alkoholsüchtige das Recht auf eine ärztliche Behandlung, deren Kosten die Krankenkassen übernehmen, erst seitdem spricht man von „Alkoholismus“ als einer Krankheit und nicht mehr von der „Trunksucht“ im Sinne moralischer Verworfenheit. Es ist durchaus bedrückend, was der Rintelner Historiker Kurt Klaus einst im Stadtarchiv an Aufzeichnungen darüber fand, wie man noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur in Rinteln, sondern in ganz Deutschland mit schwer abhängigen Menschen umging.

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  • Auch im Arbeitsalltag war Alkohol lange Zeit normal. In der DDR und der sowjetischen Besatzungszone wurde dieser als Deputatlohn an Bergleute ausgegeben. Markscheider

So wäre es heute unvorstellbar, dass ein Alkoholiker, so sehr er mit seinem Trinkverhalten auch auffällig würde, per Amtshandlung zum „Trunkenbold“ erklärt würde. In den damaligen Zeitungen konnten solche Bekanntmachungen stehen wie die folgende, die sich im Rintelner Stadtarchiv findet, nämlich: „Nachdem festgestellt wurde, dass Maurermeister (hier folgen der volle Name und seine genaue Adresse) ein Gewohnheitstrinker ist, wird hiermit über denselben die Branntweinsperre verhängt. Die Polizeiverwaltung.“

Bei Gastwirten, in Geschäften und den Apotheken lagen sogenannte „Säuferlisten“ aus, auf denen die Namen all derer standen, denen bei Androhung von Strafe, ja Geschäftsschließung keinerlei Alkohol mehr ausgeschenkt oder verkauft werden durfte. Wer der öffentlichen „Branntweinsperre“ unterlag, durfte keine Gaststätte mehr betreten, was einen betroffenen Bürger im Jahr 1908 dazu veranlasste, einen schriftlichen Antrag auf Aufhebung dieser Sperre zu stellen. „Ich bin vom gesellschaftlichen Leben völlig abgeschnitten“, schreibt er. Freunde und Geschäftspartner könnten ihn in keine Gastwirtschaft mehr einladen, die Teilnahme am Ball des Männerturnvereines sei ihm versagt und er müsse lügen, um zu erklären, warum er kein Bier mehr trinke.

Nun mag man im ersten Moment solche Maßnahmen immerhin für nützlich halten. „Hiermit werden Sie zum Trunkenbold erklärt!“, solche amtlichen Verfügungen erreichten ja nur Menschen, die entschieden öffentliches Ärgernis verursacht hatten, etwa wie ein Trinker aus der Brennerstraße, der seine Frau wiederholt mit einer Axt bedrohte, der städtische Viehhirte, der die ihm anvertrauten Ziegen nicht mehr versorgte, ein ehemaliger Lehrer, der seine Familie schlug oder eine Frau, deren Kinder verwahrlosten. Wenn Ehefrauen Anzeigen schalteten, in denen sie bekannt gaben, dass sie für die Schulden ihres trinkenden Mannes nicht aufkommen würden, so war das ein Hilferuf.

Doch Tatsache bleibt, dass alkoholabhängigen Menschen nicht geholfen, sondern dass sie bestraft und aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Ging es mit einem Trinker gar nicht mehr, dann verbrachte man ihn zwangsweise entweder in ein „Irrenhaus“ und in eine der „Trinkerheilanstalten“, in denen sie zwar einen (vorläufigen) Entzug durchmachten, dabei aber kaum ärztliche und erst recht keine psychologische Behandlung erhielten. Einen Arzt konnte sich sowieso nur jemand leisten, der das Geld dafür hatte. Alles in allem kam man kaum auf die Idee, dass Alkoholabhängigkeit etwas sei, wo statt der Polizei die Medizin gefordert wäre.

Um 1900 herum, das zeigen die verfügbaren Zahlen, war der Alkoholkonsum der Bevölkerung, anders als es die für nötig empfundenen strikten Maßnahmen vermuten lassen könnten, relativ niedrig. Ganz anders sah das im Jahrhundert zuvor aus, vor allem in den Jahren zwischen 1870 und 1887, wo der Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Alkohol ebenso hoch lang, wie in der nachfolgenden Spitzenzeit ziemlich genau hundert Jahre später, nämlich bei durchschnittlich über 12 Litern pro Person. Die „Branntweinpest“ ging um, speziell im Norden und Nordosten Deutschlands, auch im Schaumburger Land und in den Gebieten des Deister-Kohleabbaus, wo unzählige Kartoffelschnapsbrennereien entstanden, deren hochprozentige Erzeugnisse äußerst billig waren – im Gegensatz zum durch hohe Steuern sehr teuer gewordenen Bier. Branntwein entwickelte sich zu einer Art Volksgetränk.

Der Genuss von Kartoffelschnaps wurde staatlicherseits sogar gefördert, entstanden bei der Brennerei doch „Schlempe“- Abfälle, die sich hervorragend als Dünger oder Viehfutter verwenden ließen. Knechte, Landarbeiter und Tagelöhner bezahlte man gern mit dem Branntwein, den diese auch gerne entgegennahmen, versprach er doch eine Abwechslung zur oft eintönigen Ernährung und war außerdem für zusätzliche Kalorien gut.

Eine Statistik über den Alkoholkonsum in den deutschen Staaten zwischen 1840 und 1842 zeigt, dass die Bevölkerung von Hannover jährlich durchschnittlich etwa 7,5 Liter reinen Alkohol aus Branntwein zu sich nahm, diejenige aus dem Kurfürstentum Hessen (Schaumburg gehörte als Exklave dazu), 6,6 Liter, die Preußen mit ihren für den Kartoffelanbau besonders geeigneten Böden sogar fast 8 Liter. Kein Wunder, dass damals, zum Ärger der Kneipenwirte, vermehrt „Mäßigkeitsvereine“ gegründet wurden, die durchaus Erfolg zu verbuchen hatten, verstärkt durch die Reichsbranntweinreform von 1887, durch die sich die Branntweinpreise verdoppelten, während andererseits die Bierbraukunst so weit modernisiert war, dass haltbare und wohlschmeckendere Biersorten auch im Norden Deutschlands erhältlich waren.

Richtet man den Blick nun erneut auf die Zeit nach der Wende zum 20. Jahrhundert, so fällt auf, dass die Strenge, mit der man gegen „Trunkenbolde“ vorging, offensichtlich einherging mit einer veränderten Einstellung zum Alkoholkonsum insgesamt. Branntwein und Bier verloren ihren Charakter als Nahrungsmittel, sie wurden Genussmittel, die man nicht während der Arbeit, sondern vor allem in der Freizeit trank. Dazu verbesserte sich überall die Wasserqualität, vermehrt produzierte man alkoholfreie Erfrischungsgetränke, nicht mehr zwangsläufig kam die Bevölkerung schon in früher Jugend mit Alkohol als Teil von bloßen Durstlöschern in Kontakt.

Erst in den Nachkriegsjahren ab 1950 gewinnen alkoholische Getränke erneut ein starkes Gewicht. Mit dem Wirtschaftswunder holten die Deutschen nicht nur in Bezug auf Luxusgüter und Essen all das auf, was sie in den Jahren zuvor vermissten. Auch Bier und dann Wein und Spirituosen wurden wieder so selbstverständlich, dass man fröhlich auch während der Arbeitszeit trank, was sich nicht nur auf die dafür berühmten „Maurer“ bezog, sondern auf nahezu alle Arbeitsplätze im Land. 12,5 Liter reinen Alkohol pro Kopf verzeichnet die Statistik, Zahlen, die denen der „Branntweinpest“-Zeiten nicht nachstehen.

Der Historiker und Kurator des Dortmunder Brauereimuseums Dr. Heinrich Tappe, aus dessen Aufsatz „Alkoholverbrauch in Deutschland“ (2002) die meisten hier aufgeführten Zahlen und Statistiken stammen, er hat eine interessante Erklärung dafür, dass der Alkoholkonsum dann seit den 1980er Jahren kontinuierlich zu sinken begann. Nicht nur die allgemein sich durchsetzende Erkenntnis, dass Alkoholismus als Krankheit angesehen und dementsprechend behandelt werden muss, und die breite Aufklärung unter anderem durch Suchtberatungsstellen und die Krankenkassen hätten dazu beigetragen, sondern schlichtweg ein demografischer Wandel. Während nämlich der Anteil der jüngeren, konsumstarken Altersgruppen schrumpfe, wachse der Anteil älterer Verbraucher, die aus Gesundheitsgründen einen maßvolleren Alkoholgenuss pflegen.

9,6 Liter Alkohol pro Jahr und Kopf ist gewiss keine zu unterschätzende Größe. Folgt man den Studien des Wissenschaftlers Tappe, dann allerdings wird man wohl kaum viel niedrige Verbrauchszahlen erwarten dürfen. Aus seinen Untersuchungen schließt Trappe, dass es offenbar eine relativ stabile Sättigungsgrenze des Pro-Kopf-Konsums gäbe. Sie liege bei 10 bis 13 Litern reinem Alkohol. Dieses Wachstumslimit, so sagt er, könne man gewissermaßen als Schmerzgrenze einer gesellschaftlichen Güterabwägung interpretieren. Sie stehe zwischen der fest verankerten Tradition und den positiven Werten des Alkoholgenusses auf der einen Seite und den mit ihm untrennbar verbundenen, stets in Kauf genommenen individuellen wie sozialen und ökonomischen Schäden auf der anderen Seite.



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