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Geschichtsunterricht mitten in der Innenstadt / Was bleibt Hamelnern davon?

Vom Mittelalter in die Jungsteinzeit – wie weit kommt der Zeitreisende?

Hameln (wul). Ein bestialischer Gestank breitet sich in der Osterstraße aus. Aus allen Schloten qualmt es, und das, was den Namen „Luft“ kaum noch verdient, raubt einem den Atem. Wir befinden uns im 13. Jahrhundert – die Szenerie wird gesponnen von jemandem, der mit beiden Füßen auf dem Boden steht, auf mittelalterlichem, wohlgemerkt: vom Archäologen Joachim Schween. Er arbeitet im Jetzt, zugleich in der Vergangenheit und für die Zukunft, um Hamelns alte Stadtgeschichte neu und Grabung für Grabung ein bisschen richtiger zu schreiben.

Von Birte Wulff

Hameln. Ein bestialischer Gestank breitet sich in der Osterstraße aus. Aus allen Schloten qualmt es, und das, was den Namen „Luft“ kaum noch verdient, raubt einem den Atem. Wir befinden uns im 13. Jahrhundert – die Szenerie wird gesponnen von jemandem, der mit beiden Füßen auf dem Boden steht, auf mittelalterlichem, wohlgemerkt: vom Archäologen Joachim Schween. Er arbeitet im Jetzt, zugleich in der Vergangenheit und für die Zukunft, um Hamelns alte Stadtgeschichte neu und Grabung für Grabung ein bisschen richtiger zu schreiben.

Seine jüngste Grabung hat vom Landesamt für Denkmalpflege die Fundstellennummer 177 verpasst bekommen – an 177 Orten wurde in der Rattenfängerstadt schon archäologisch Bedeutsames geborgen. Schween kennt etliche davon, ist aber immer wieder begeistert, wenn er Neues im Alten entdeckt. „Vorher wusste niemand von diesem Straßenpflaster“, schwärmt auch der Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt, Michael Voss, von den holprigen Steinen, die Schween drei Meter unter der Erdoberfläche des 21. Jahrhunderts vor der Tür des Bäckerscharrens freigelegt hat. Auf ihnen, so die Vermutung, liefen vor 800 Jahren die wohlhabenderen Menschen in „feinen, edlen Lederschuhen“ und nicht mehr mit Holzklötzen, sogenannten Trippen, unter den Schuhen. Die waren nötig, um nicht im Morast des frühen Hamelon zu versinken. Auf diesen Morast würde Schween zu gerne darauf stoßen, und er könnte sich unter dem freigelegten Pflaster befinden. Der größte Antreiber der Vergangenheitsverliebten ist nämlich: Zeugnisse über die frühe Periode der ersten Siedlungen zu entdecken. Die Frage „wie weit komme ich zurück?“ brennt auf den vom Freilegen gezeichneten Nägeln. Kaum hat Schween sich ins Mittelalter vorgegraben, freut er sich schon auf die Zeit davor. Auf einem etwa einen Meter breiten Streifen wird das grobe Pflaster entfernt, das wie „eine Schutzglocke“ auf der noch älteren Vergangenheit liegt – bis zur Jungsteinzeit vor 5000 Jahren, hinein bis in die römische Kaiserzeit. Die Hoffnungen, so weit vorzudringen, bestehen.

Die Grabungen begeistern nicht nur die Experten. Der Mann in der Grube und seine Arbeit sind begehrte Fotomotive für Passanten. „Viele sehen jetzt schon den Baustopp“, erzählt Schween von den Kommentaren, die zu ihm runter schallen. „Das stimmt aber nicht.“ Bei den meisten schwinge Bewunderung mit und große Zustimmung für die archäologischen Arbeiten mitten im Herzen der Altstadt. „Das ist ja auch wirklich selten, dass man so was so nah miterleben kann“, sagt Schween. Die Zeit, die er sich jetzt noch für Erklärungen nimmt, habe er aber nicht mehr lang. Sonst könnte der Zeitplan in Gefahr geraten. Derzeit sagt die Verwaltung, die Bauarbeiten verzögerten sich „nicht wesentlich“. Diesbezüglich bergen die archäologischen Untersuchungen Konfliktpotenzial: Die Stadt will zwar Grabungen, aber bitte nicht zu teuer, die Baufirma will zeitig fertig werden und die Archäologen unter Leitung von Dr. Jens Berthold von der Schaumburger Landschaft wollen möglichst akkurat Geschichte vervollständigen. „Wie lange wir brauchen, lässt sich schwer sagen“, so Schween. Letztlich aber bestimme Berthold, wann mit den Untersuchungen Schluss ist, sagt Voss. Was die Kosten anbetrifft, wäre der „worst case“ – also der schlimmste Fall – für die Archäologen eigentlich der schönste. Denn würde nach sensationellen Funden die Dauer der Grabungen verlängert, stiegen die Kosten. Wie teuer das Unterfangen ist, kann Denkmalpfleger Voss noch nicht sagen. Abgerechnet werde hinterher.

4 Bilder

Wenn die Zeitreise in den Gruben am Pferdemarkt und in der Osterstraße beendet ist, bleiben als Souvenirs Funde und Befunde. Scherben von Tongefäßen oder Reste von Knochen, die als Rohstoff für Kämme dienten, sollen dem Hamelner Museum zur Verfügung gestellt werden, und das Stück für Stück zusammengesetzte Wissen wird in Grabungsberichten samt Profilzeichnungen auf Millimeterpapier und zahlreichen Fotos festgehalten. Sonst erhält die Bevölkerung keinen Einblick in ihre Stadtgeschichte? Zum Beispiel altes Pflaster in neues integriert oder gläserne „Zeitfenster“ im Boden eingelassen, durch die Vergangenheit sichtbar wird kann, so, wie in anderen Städten? Alles eine Frage des Geldes, sagt Voss und schließt diese Hingucker aus. „Das Mindeste, was kommt, ist ein Vortrag“, kündigt aber Grabungsleiter Schween an, wie er die Hamelner entführen will – in vergangene Zeiten, nicht in Berge, versteht sich.

Archäologe in der Grube: Joachim Schween auf dem mittelalterlichen Pflaster, das er freigelegt hat. Auf Knochen- und Scherbenreste sind er und seine Mitarbeiter auch schon gestoßen.

Fotos: Dana

Faszination Stadtgeschichte: Passanten bleiben stehen und fotografieren, was es bei den archäologischen Grabungen zu entdecken gibt – inklusive Arbeitsgerät.




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