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Vom kleinen Sohn zum großen Betreuer

Ganz unabhängig davon, wie groß die Pflegebedürftigkeit eines älteren Menschen ist: Angehörige, die erleben, dass ein Familienmitglied plötzlich oder allmählich unselbstständig wird, müssen nicht nur die Pflege organisieren und Formalitäten regeln. Es bedeutet mehr: Oftmals stehen sie nach vielen Jahrzehnten eines klar strukturierten und traditionellen Familiensystems, in der sie Kind waren, vor der Aufgabe, in die Rolle des Familienoberhaupts zu schlüpfen.

Autor:

Matthias Rohde

Plötzlich versorgen sie Mutter, Vater oder Ehepartner, Bruder oder Schwester Onkel oder Tante – praktisch und emotional. Schon der Kontrollverlust eines Pflegebedürftigen über die Körperfunktionen stellt für einige Angehörige eine unüberwindbare Grenze dar. Mindestens genauso belastend kann es sein, wenn ein Pflegebedürftiger im Verlauf einer demenziellen Erkrankung sein Wesen verändert, aus einem geduldigen Vater ein jähzorniger wird, aus einer temperamentvollen Mutter eine tieftraurige. Wenn dann noch das Gedächtnis eines älteren Menschen nachlässt und Angehörige nicht mehr erkannt werden, ist das ein idealer Nährboden für emotionale Konflikte, die mitunter eine lange, lebenslange Vorgeschichte haben. Eine Berührung, ein Streicheln oder das Waschen des Intimbereichs werden für manchen zu kritischen Momenten, an denen sie schwer tragen – wenn sie sich überhaupt überwinden und es so weit kommen lassen.

Rainer Hoppe besucht zwei- bis dreimal wöchentlich seine Mutter im Sana-Seniorenheim zur Höhe. Seit April 2009 lebt die 96-jährige Helene Hoppe in der stationären Pflegeeinrichtung. „Davor haben meine Frau und ich meine Mutter zu Hause gepflegt“, berichtet Hoppe. Als aber die Pflegebedürftigkeit seiner Mutter drastisch zunahm, waren ihm und seiner Frau klar, dass man auch eine Heimunterbringung ins Kalkül ziehen müsse. „Wir haben uns die Entscheidung weiß Gott nicht leichtgemacht“, erinnert sich der heute 68-Jährige.

Vor allem der Gedanke, dass seine Mutter derart auf ihn und seine Frau angewiesen sein würde wie er als Kind auf seine Mutter, beschäftigt den Rentner auch heute noch. „Jeder, der seine pflegebedürftigen Eltern zu Hause pflegt, wird dieses Gefühl kennen“, vermutet Hoppe und erzählt sichtlich bewegt vom Alltag in der häuslichen Umgebung: „Meine Mutter hat in unserem Haus über uns gewohnt, und wir hatten die Vereinbarung, dass sie auf den Boden klopft, wenn sie Hilfe benötigt.“ Dieses Klopfen sei immer häufiger ertönt.

Neben dem Verlust von körperlichen Fähigkeiten führten gerade die Demenz-Symptome seiner Mutter dazu, dass professionelle Hilfe nötig wurde. „Als wir uns auf der Suche nach einer geeigneten Einrichtung machten, stand für uns fest, dass nur ein Einzelzimmer in Frage kommt“, erinnert er sich. Im Sana-Seniorenheim „gab es keine Wartezeiten auf ein Einzelzimmer, und deswegen haben wir uns für diese Einrichtung entschieden und bereuen es bis heute nicht“. Ein großes Glück – bei aller Schwere, die demenzielle Erkrankungen mit sich bringen – sei es, dass sich seine Mutter weiterhin in den eigenen vier Wänden wähnt. „Wenn ich mich zum Beispiel von ihr verabschiede, mahnt sich mich, unten die Fenster zuzumachen und das Abschließen nicht zu vergessen.“

Eine andere Familie, ein anderes Haus: Als die heute 94-jährige Marie Liepelt Ende 2005 nach einem Krankenhausaufenthalt in die Hamelner Scharnhorst-Residenz umsiedelte, schlug auch ihr Sohn, der Hamelner Rechtsanwalt Heinz Liepelt, ein neues Kapitel in der Familienchronik auf. „Bis dahin hatte ich meine Mutter zu Hause gepflegt, aber das war dann nicht mehr möglich.“ Keine leichte Aufgabe sei es gewesen, sich auf die Veränderungen seiner Mutter einzustellen. Immerhin habe er sie schon sein Leben lang gekannt. „Sie stammt aus Schlesien, und wenn sie heute über ihre Heimat spricht, als sei sie gerade dort, dann spiele ich natürlich mit und gehe auf sie ein“, erzählt Liepelt von den demenziellen Aussetzern. Was für ihn und Hoppe selbstverständlich ist – die eigene Mutter so zu versorgen, wie sie einst von ihr versorgt wurden –, kommt nicht für alle Angehörige in Betracht. Die Pflegedienstleiterin des ambulanten Pflegedienstes der Paritäten, Annelies Fischer, weiß: „Jede Familie hat ihre Geschichte, und oftmals erinnern sich Angehörige noch sehr gut an die eigene Kindheit.“ Für Außenstehende wie den professionellen Pflegekräften sei es unmöglich, die Barrieren, die Angehörige empfinden, zu bewerten. So sieht das auch die Wohnbereichsleiterin im Pflegeheim der Julius-Tönebön-Stiftung, Petra Böger: „Wir haben hier in unserem geronto-psychiatrischen Wohnbereich eine Angehörigengruppe, die sich regelmäßig trifft, und in der es jedes Mal hochemotional zugeht.“ Tränen der Trauer, darüber, dass die Tochter nicht mehr erkannt wird, aber auch Ärger, Verzweiflung und Resignation erlebt die Fachkraft in beinahe jeder Sitzung.

Hoppe, der bei seinen Besuchen auch regelmäßig Kontakt zu anderen Angehörigen hat, wirft auch einen kritischen Blick auf die Altenpflege: „Meines Erachtens müsste mehr Geld, mehr Personal und vor allem mehr Zeit für Gespräche zur Verfügung stehen.“ Gerade die Angehörigen benötigten oftmals mehr Informationen und Austausch, als in der immer knappen zur Verfügung stehenden Zeit zu leisten ist. Auch der 63-jährige Wolfgang Albat meint, dass die Pflege älterer Menschen der Gesellschaft mehr wert sein müsste. Er selbst besucht seine 85-jährige Mutter regelmäßig im Altenpflegeheim St. Monika, jeden Tag für eine halbe Stunde. Die Entscheidung, sie dorthin zu bringen, sei aus ganz pragmatischen Gründen getroffen worden. „Als es meiner Mutter 2005 nach einer schweren Herzoperation gesundheitlich nicht so gut ging, stand für sie sofort fest, dass sie in ein Pflegeheim möchte“, erzählt Albat. Für die Pflegeeinrichtung am Rande der Hamelner Innenstadt habe man sich schließlich vor allem wegen der räumlichen Nähe zu seinem Wohnort entschieden. Dabei sei die Entscheidung für eine stationäre Aufnahme ganz bewusst gefallen. „Meine Mutter ist geistig noch voll auf der Höhe und hat, seitdem sie in der Einrichtung ist, auch körperlich wieder mächtig aufgeholt.“ Praktisch jeden Tag nehme sie an den unterschiedlichsten Veranstaltungen im Altenpflegeheim St. Monika teil: „Einen Tag macht sie Seniorensport, an einem anderen wird gebastelt und so weiter.“ Vorlesetage, Ratefuchs-Veranstaltungen und vieles mehr lasse seine Mutter nicht aus. Auch der regelmäßige Kontakt mit anderen Bewohnern und den Kindern eines Kindergartens gehöre zu den wertvollen Momenten. „Meine Mutter war früher schon immer sehr aktiv, und ich glaube, dass sie allein in einer Wohnung mit professioneller Unterstützung einiges an Lebensqualität eingebüßt hätte.“ Die Vorbehalte vieler Familien, die vor der Frage stehen, ob sie jemanden zu Hause pflegen oder nicht, kennt auch Albat: „Sicherlich ist eine Entscheidung für eine Pflegeeinrichtung immer von ganz individuellen Faktoren abhängig, aber meine Mutter genießt die Gemeinschaft und das umfangreiche Freizeitangebot, das ihr in Form einer eigenen Wohnung kaum zur Verfügung gestanden hätte.“

Albat, Hoppe, Liepelt – sie sind sich einig: Einerseits muss es immer wieder darum gehen, für ausreichend in diesen Zeiten eben für mehr Personal in der Pflege zu sorgen, andererseits aber auch darum, die Gesellschaft insgesamt intensiver einzubinden. „Ohne die Generation derer, die derzeit 80 Jahre und älter sind, würde es diesen Staat gar nicht geben“, sagt Liepelt über das Lebenswerk der Betagten. Dabei beginne für ihn die Angehörigenarbeit nicht erst, wenn ein Mensch pflegebedürftig werde, sondern schon in der Kindheit. „An erster Stelle steht das Vermitteln von Werten, und das beginnt schon im Kindergarten und in der Schule.“ Er selbst habe in den letzten Jahren sehr viel gelernt von älteren Menschen und über sie – vor allem, die Pflegebedürftigen, so anzunehmen, wie sie sind. Und für Hoppe und Albat haben die Erfahrungen, die sie gemacht haben, Auswirkungen auf ihre persönlichen Pläne für den Fall, dass sie selbst einmal pflegebedürftig werden sollten. Hoppe: „Wir werden uns rechtzeitig und lange im Voraus um eine geeignete Einrichtung bemühen, denn wir haben keine Kinder. Deswegen haben wir uns schon jetzt entschieden, später einmal in ein Pflegeheim umzusiedeln.“ Und Albat: „Ich erlebe das Leben in einem Pflegeheim jeden Tag, und auch für mich und meine Frau steht jetzt schon fest: Wenn wir einmal pflegebedürftig werden, dann möchten wir auch in diese Einrichtung.“

Fraglos: Die Pflege eines Familienmitgliedes ist schwer, bedeutet Rücksichtnahme, Verzicht und großen Einsatz. „Sie sind die wahren Helden der Altenpflege“, sagt eine Pflegedienstleiterin über die Angehörigen, die sich entscheiden, diesen Einsatz zu bringen. Oft geht es irgendwann nicht mehr, und die Entscheidung fürs Heim fällt – darum geht es im vierten Teil unserer Serie „Leben im Alter“.

Rainer Hoppe besucht regelmäßig seine 96-jährige Mutter Helene.

Foto: roh




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