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So erlebte Karl Philipp Moritz die historische Residenzstadt Gotha – und das heute noch imposante Ekhof-Theater

Vom höflichen Empfang bis zum traurigen Abschied

Wir schreiben den Juli 1776. Der in Hameln geborene Schriftsteller Karl Philipp Moritz ist zu diesem Zeitpunkt gerade 20 Jahre alt. Nach seiner ersten Stippvisite in Erfurt macht er sich auf den Weg nach Gotha. Dort möchte er sich der Ekhof- Theatergruppe anschließen. Im Kreise der Akteure möchte er sich einen Wunsch erfüllen: Moritz träumt davon, ein großer Schauspieler zu werden.

Autor:

Katharina Christina Müller

Einen Gulden trägt Karl Philipp Moritz in der Tasche bei sich, als er Gotha erreicht. Durch das Erfurter Tor gelangt er in die Stadt. Seine Ankunft beschreibt Robert Boxberger in einem Vortrag von 1870 wie folgt: „Er kam nun [...] in eine etwas dunkle Strasse, die er hinaufging, und bald zur rechten Seite den Gasthof zum goldnen Kreuze ansichtig wurde, wo er einkehrte, weil dieser Gasthof ihm keiner von den glänzendsten zu sein schien. Hier schlief er zum ersten Male wieder in einem Bett.“ Bis zum Gasthof schlendert Moritz die Große Erfurter Gasse entlang. Inzwischen heißt sie Erfurter Straße. Seit Moritz’ Einkehr ist der Gasthof bis heute immer als solcher betrieben worden. Inzwischen befindet sich der ehemalige Gasthof „Zum Goldenen Kreuze“ im Lessinghof.

Gotha, jene historische Residenzstadt, ist seinerzeit ein bedeutendes Handelszentrum. Viele Sehenswürdigkeiten liegen in der Altstadt, darunter die verschiedenen Marktplätze und die Wasserkunst. Das 1574 erbaute historische Rathaus auf dem Hauptmarkt liegt in einer Sichtachse zum Schloss Friedenstein. Nicht weit von der Altstadt entfernt befindet sich auf einer Erhöhung das Schloss Friedenstein mit Schlosspark und Orangerie. Die Dreiflügelanlage ist imposant. 1643 beginnt ihr Bau und dauert elf Jahre lang. Heute beherbergt das Schloss neben dem Ekhof-Theater die Universitäts- und Forschungsbibliothek Gotha, das Thüringische Staatsarchiv Gotha, eine Schlosskirche sowie verschiedene Museen.

Kurz nach seiner Ankunft in Gotha sucht Karl Philipp Moritz Meister Ekhof auf. Der Direktor des Gothaer Hoftheaters empfängt den jungen Mann höflich. Hinsichtlich eines Engagements jedoch verweist Ekhof ihn an den Bibliothekar Reichardt. Dieser ist ebenfalls Direktor des Hoftheaters. Reichardt begrüßt Moritz in seinem Wohnhaus „Zur goldenen Schelle“ – zwar nicht ganz so freundlich wie Ekhof. Doch er macht Moritz durchaus Hoffnungen. Beschwingt von der guten Nachricht, isst Moritz im Wirtshaus zu Mittag und reißt damit ein Loch in seine Kasse.

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Karl Philipp Moritz

Für die Auswahl der Stücke ist der Bibliothekar und Publizist Reichardt am Gothaer Hoftheater zuständig. Außerdem kümmert er sich um die Aufsicht über das Schauspielwesen und um die Kassenführung. In seinem Haus lebt er mit seiner Frau, seinen zwei Kindern „und wahrscheinlich auch mit Angestellten, wie das damals so üblich war“, sagt Matthias Wenzel vom Altstadtverein Gotha. Sein einstiges Wohnhaus steht mitten in der Altstadt auf dem heutigen Unteren Hauptmarkt Nr. 40. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird es als Gasthof genutzt. Nach der Wende renoviert die Baugesellschaft Gotha das denkmalgeschützte Haus. Heute sorgt hier ein Wirtspaar für gutbürgerliche Küche.

Der von Moritz verehrte Schauspieler Conrad Ekhof stirbt am 16. Juni 1778 im Alter von 57 Jahren in Gotha. Erst 1775 hat Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg das Hoftheater gegründet. Bald wird es zu einem Zentrum in der deutschen Theaterlandschaft. Doch nur kurze Zeit lang hat Ekhof in Gotha gewirkt. Sein Wohnhaus am Nonnenberg ist nicht mehr erhalten. „1978 ist zwar zum Ekhof-Geburtstag noch das Dach neu gedeckt worden“, berichtet Matthias Wenzel. 1984 sei das Haus jedoch abgerissen worden, da es verwahrlost und baufällig gewesen sei. Heute befindet sich hier die Treppenanlage am Nonnenberg mit einer modernen Stele zum Gedenken an Conrad Ekhof. „Sie stellt eine lachende und weinende Theatermaske dar. Was an dem Gedenkstein allerdings fehlt, ist ein Hinweisschild für Besucher“, meint Wenzel.

Die Proben und Aufführungen im Hoftheater darf Karl Philipp Moritz auf Erlaubnis von Conrad Ekhof unentgeltlich besuchen. Zu dieser Zeit wirken etwa zehn „Aktricen“ und dreizehn „Akteurs“ am Theater. Aufgeführt werden nach und nach Opern, Operetten und Dramen. Zahlreiche Debütanten kommen mit demselben Anliegen wie Moritz: Sie alle möchten bei Ekhof eine erfolgreiche Schauspielerkarriere beginnen.

Das Ekhof-Theater, wie es heute genannt wird, liegt im Westflügel des Schlosses Friedenstein. Über seine Geschichte informiert eine Dauerausstellung. Klein und gemütlich sind die Bühne und der Zuschauerraum. Faszinierend ist die hölzerne Bühnentechnik aus dem 17. Jahrhundert. Sie ist erstaunlich gut erhalten. Bei Führungen können Besucher einen Blick hinter die Kulissen wagen. Dabei können sie die Bühnenverwandlungsmaschine aus nächster Nähe betrachten. Jeden Sommer werden während des Ekhof-Festivals Schauspiele, Opern, Konzerte und Lesungen im historischen Theater inszeniert.

Aus Moritz’ Karriere am Ekhof-Theater ist allerdings nichts geworden. Nach einigen Wochen Aufenthalt in Gotha möchte ihn Direktor Reichardt doch nicht einstellen. Nicht einmal als Volontär. Daraufhin schlägt Ekhof vor, Moritz könne die Barzantische Truppe in Eisenach aufsuchen und sich ihr anschließen. In Eisenach jedoch erfährt Moritz, dass die Gruppe bereits nach Mühlhausen abgereist ist. Nach einer Wanderung auf die Wartburg kehrt er zurück nach Gotha. Hier holt er sein Hab und Gut ab. Traurig und erschöpft macht er sich auf den Rückweg nach Erfurt.

Wohin führt die Reise von Karl Philipp Moritz? Lesen Sie in unserer nächsten Samstagsausgabe, was den gebürtigen Hamelner in Weimar erwartete.




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