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GfW-Vortrag mit dem Afghanistan-Experten Stephan Struck

Viele Informationenüber Polizeieinsätze im Ausland

Minden (bus). Außer Diplomaten, Zivilhelfern und Soldaten sind - von derÖffentlichkeit wenig wahrgenommen - in ausländischen Krisengebieten auch zahlreiche deutsche Polizisten im Einsatz. Über deren Engagement berichtete jetzt im Hotel "Bad Minden" Polizeioberrat Stephan Struck vor der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GfW).

Mit der Terminierung des Vortrags hatte die GfW ein geschicktes Timing bewiesen. Struck gastierte am selben Tag in Minden, an dem die Eröffnung eines deutschen Polizei-Trainingscenters in Masar-i-Scharif (Afghanistan) von den Medien bekannt gemacht wurde. "Soviel Aufmerksamkeit wird uns üblicherweise nicht zuteil", gab der Referent zu verstehen. Die Bundesrepublik betreibt im nordafghanischen Feisabad ein weiteres Zentrum, zwei zusätzliche Einrichtungen sind in Kundus und Kabul geplant. Weltweit leisten aktuell (Stand 15. Juli 2008) 263 deutsche Polizisten Auslandsdienst. Einsatzländer sind Georgien, Liberia, Sudan und Kosovo (Beteiligung an UN-Missionen) sowie - unter Regie der EU - Afghanistan, Bosnien/Herzegowina, Ukraine und der palästinensisch-ägyptische Grenzübergang Rafah. Struck widmete einen großen Teil seiner Ausführungen den afghanischen Gegebenheiten - der heute im Bundesinnenministerium als stellvertretender Leiter des Referats "Internationale Polizeimissionen" tätige Oberrat füllte dort 20 Monate lang leitende Funktionen aus. Die persönlichen Erfahrungen verhalfen dem Publikum zu einer überaus facettenreichen Informationsflut. Strucks wohl belangreichste Erkenntnis: "Die Lage ist militärisch nicht zu gewinnen." Das Land benötige einen zivil-militärischen Ansatz, um der Erfüllung des Wunsches von 95 Prozent der Einwohner nach Stabilität und Frieden näher zu kommen. Ein Rückzug der ausländischen Kräfte hätte indes das genaue Gegenteil zur Folge: "Ein unmittelbares Chaos." Dass am Hindukusch auch gegenwärtig einige Dinge in nicht übergroßer Distanz zum Chaos angesiedelt sind, verdeutlichten mehrere Beispiele. "Korruption ist nach wie vor ein beherrschendes Thema", erläuterte der Experte. Die Verführbarkeit der einheimischen Schupos sei immens. Was bisweilen daran erkennbar wäre, dass an "wegezollträchtigen" Kreuzungen keine einfachen, sondern gehobene Dienstgrade über die Einhaltung der Regeln achteten. Zudem unterscheide sich die in der Islamischen Republik gängige Mentalität mitunter erheblich von der unsrigen. Struck: "Häufig müssen wir die Kollegen dazu anhalten, ihre Mitbürger nach einer Festnahme doch bitte nicht zu verprügeln." Als ebenfalls problematisch bezeichnete der Referent die Besetzung mancher Führungspositionen. Wenn etwa der Polizeichef von Kundus bei einem Monatseinkommen von 500 Dollar Pferde im Wert von mehreren 100 000 Dollar besitze, könne das nicht mit rechten Dingen zugehen. Und wenn dieser Vater von 28 Kindern darüber hinaus versichere, hinsichtlich des Drogenhandels "alles im Griff" zu haben, wisse man, wo der Hase im Hanf liegt. In solchen Fällen helfe oft nur eine geschickt arrangierte Weglobung - am besten zum "Berater des Präsidenten". Struck: "Das ist der einflussloseste Job, den man in Afghanistan haben kann."




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