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Gemeinsam leben und erleben lautet die Devise der Wohngruppen Aerzen an zwei Standorten

Vertrautes Umfeld in familiärer Atmosphäre

Aerzen (ll). Ob therapeutische oder soziale Einrichtungen – in der Gemeinde Aerzen gibt es mehrere Anbieter, die oft im Verborgenen wichtige Hilfe leisten. Unsere Zeitung stellt einige von ihnen vor. Heute: die Wohngruppen in Aerzen.

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Ein selbstständiges Leben zu ermöglichen und dabei auf die individuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen einzugehen – das ist das Ziel der Wohngruppen in Aerzen. Seit zehn Jahren bietet die Einrichtung nun schon ein Lebens- und Wohnumfeld, in dem es sich wohlfühlen lässt. „Durch lebenspraktisches Training sind die meisten der Bewohner sehr fit geworden“, sagt Heike Brandt, die die Wohngruppen in privater Trägerschaft leitet.

28 Wohnheimplätze für Menschen ab 18 Jahren mit geistigen, körperlichen und zum Teil psychischen Behinderungen stehen an den zwei Standorten an der Aerzener Osterstaße und „Am Flöth“ in Groß Berkel zur Verfügung. Eigenständiges Wohnen durch lebenspraktisches Training: Die tägliche Arbeit in den Wohngruppen wird von dem Grundgedanken des „Normalisierungsprinzips“ geleitet. Wie Heike Brandt erklärt, zählen dazu neben einem normalen Tagesrhythmus auch die Förderung von zwischenmenschlichen Kontakten, der unbedingte Respekt vor den persönlichen Bedürfnissen der Bewohner und die Sicherung eines normalen wirtschaftlichen Standards. „Das Normalisierungsprinzip dient dazu, dass die Bewohner Aufgaben fürs Leben lernen, einschließlich der Pflichten, die zu erfüllen sind“, meint die Einrichtungsleiterin. „Erst das gibt dem Leben eine Sinnhaftigkeit.“

„Das autoritäre System, das in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen einmal vorherrschte, ist längst vorbei“, erklärt Heike Brandt weiter. Ein ganz gegensätzlicher Trend sei in der Gegenwart erkennbar – und der orientiere sich eindeutig am Begriff der Individualisierung. Die Angebote sind offen und für alle Bewohner frei wählbar. Egal, ob gemeinsames Essen, Sport oder sonstige Freizeitangebote: Jeder Bewohner der Aerzener Wohngruppen dürfe selbst mitentscheiden. Ein fester Plan von Veranstaltungen oder gar Pflichten zur unbedingten Teilnahme am Gruppenprogramm existiere nicht. Aber das Leben in der Wohngruppe werde praktisch aktiv durch Gruppengespräche, gemeinsames Kochen und die gemeinsame Einnahme von Mahlzeiten und beim Feiern von Festen – auch das ist Teil des Normalisierungsansatzes.

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Integration, die Eingliederung in die Gesellschaft, sei ein weiterer wichtiger Faktor in der täglichen Arbeit, so Heike Brandt. „Ich denke, unsere Bewohner sind in Aerzen sehr gut integriert“, meint die Wohngruppenchefin. Sie weiß aus Erfahrung, dass das nicht immer und überall der Fall ist. „Es gibt oftmals auch Berührungsängste“, sagt sie. „Bei auftretenden Problemen wendet man sich von außen eher an die Betreuer als an die Betroffenen. Häufig wird aus Scheu kein direkter Kontakt aufgenommen.“

Außerordentlich schwer sei hingegen die Integration von Menschen mit Behinderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt. „Es ist wirklich schwer, geeignete Arbeitsplätze zu finden“, sagt Heike Brandt. Ein Großteil der Bewohner arbeitet in den Werkstätten in der Region – dies zum Teil schon sehr lange. Der Arbeitsalltag sei für diese Gruppe nicht das Problem.

Aber es ist auch eine „neue Klientel“ erkennbar: Menschen mit schwerwiegenden Lernbehinderungen, die zumeist sozial- und milieugeschädigt sind. „Viele dieser Leute sind überhaupt nicht in der Lage, einen Arbeitsalltag zu bestreiten“, erläutert Brandt. In einigen Fällen sei an die Integration auf dem Arbeitsmarkt nicht zu denken. Umso wichtiger sei es, dass die Wohngruppen auch ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln. „Eine emotionale Anbindung im vertrauten Umfeld herzustellen, ist ein wesentlicher Bestandteil in der Lebensbegleitung.“ Die Konstanz in der Beziehung zu den Bezugspersonen in den Wohngruppen, die durch zehn pädagogische Mitarbeiter unterstützt werden, sei dabei äußerst hilfreich. „Wir kennen uns alle ganz genau, und die Atmosphäre ist sehr familiär geprägt“, so Heike Brandt.

Ob geselliges Miteinander beim Kniffeln oder die Übernahme von Pflichten – hier in der Küche in der Osterstraße ( v. li. Kirsten Schossadowski, Sascha John, Angelika Niemeyer): Beides gehört mit zum sogenannten Normalisierungsprinzip, nach dem die Wohngruppen arbeiten. Fotos: ll

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