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Ein halbes Jahrzehnt Auenlandschaft: Alles, was in der Vogelwelt Rang und Namen hat, fliegt hier vorbei

Versuch und Irtumin der Hohenroder Auenlandschaft

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Dann kommen die Rehe.

Die beiden Tiere laufen am ersten Teich entlang, schwenken auf die Halbinsel zu und als die meisten Zuschauer denken, na, da werden sie aber große Bambiaugen machen, wenn sie gleich merken, dass es da am Inselende nicht weitergeht, nehmen die beiden die Hufe in die Hand, springen ins fraglos eiskalte Wasser, paddeln munter an das nächste Ufer und entschwinden im streng geschützten Flutmuldenbereich.

Die meisten der 35 Teilnehmer der ersten Auenlandschafts-Führung im neuen Jahr sind durchaus beeindruckt, Rintelns Nabu-Vorsitzender Dr. Nick Büscher zuckt lakonisch die Schultern, Rehe beim morgendlichen Wassersport, nicht weiter wild, bei einer anderen Führung waren 20 Wildschweine zu sehen, die quer über die Flächen tobten, nachdem sie durch die Weser geschwommen waren.

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Auch wenn die Vogelwelt im Winter an den Ufern der Auenlandschaft überschaubar ist und der Seeadler trotz Bestellung nicht vorbei schaut: Zu sehen gibt es auch in den kalten Monaten mehr als genug, oder wie Büscher es formuliert: Zu Lande und in der Luft ist dies hier eine schöne, weil störungsarme Gegend, „und alles, was in der Vogelwelt Rang und Namen hat, das fliegt hier vorbei“, formuliert es Büscher.

Seit 2012 ist der Nabu Besitzer der 115 Hektar großen Fläche, vier Teiche und eine Flutmulde, nachdem zwei Jahrzehnten hier Kies abgebaut wurde, es ist eine „Natur aus zweite Hand“, sagt Bücher, ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet, weil Dieter Eggersmann nach dem Kiesabbau „seine Baustelle“ (Büscher) der Natur zurückgeben wollte.

Für den Nabu ein mehrfacher Glücksfall. Zum einen, weil der Naturschutz Fläche benötigt, wie Büscher sagt, zum anderen aber auch, weil Eggersmann andere und weit lukrativere Kaufangebote ausschlug. Normalerweise, so Büscher, erfahren die Naturschützen von zum Verkauf stehenden Flächen erst, wenn sie bereits einen neuen Käufer haben.

Büscher spricht auch über die vielen Bedenken, die es damals beim Kauf des Grundstückes gab, vor allem in Hohenrode, wo befürchtet wurde, dass der Nabu das gesamte Areal einfach absperrt, aber dieser „Naturschutz hinter Stacheldraht“, der die Menschen ausschließt, wie Büscher es formuliert, der funktioniert heute nicht mehr, man muss die Bürger mitnehmen, und nicht nur in Hohenrode habe ein Wandel stattgefunden, „in den Köpfen und in den Herzen“.

Dass dies nicht nur leichthin in den Raum geworfene Worte sind, kann Büscher an der großen Halbinsel erklären. Dort sollte ein vegetationsarmes Gebiet geschaffen werden, wie es manche Vögel lieben, aber weil die Insel zu hoch war, wurde sie nicht, wie vorgesehen, ab und an von der Weser überspült, es gab daher unerwünschtes Wachstum. Sie musste abgeflacht werden, und das übernahm eine Firma, die mit den Nabus in der Auenlandschaft schon lange zusammenarbeitet, und eine Rechnung gab es nicht, sagt Büscher. Was er meint: In einem Wirtschaftsunternehmen gibt es immer einen Buchhalter, der mit spitzer Feder über den Kosten wacht – und dann übernimmt diese Firma kostenlos eine Naturschutzaufgabe, weil sie dessen Sinn verstanden hat. Freuen werden sich darüber die scheuen Wasservögel wie Kiebitz und Austernfischer, die die vegetationslosen Bereiche lieben: Dort brauchen sie keine Angst zu haben, dass sich Fressfeinde verstecken können.

Fünf Jahre Auenlandschaft, das ist auch ein halbes Jahrzehnt Versuch und Irrtum, denn nicht immer kommen die Erfolge wie bei der Flussseeschwalbe, dem ersten von insgesamt drei Leuchtturmprojekten in Hohenrode. Auf den beiden Nistflößen brüteten schon wenige Wochen nach deren Bau im April 2014 drei Paare erfolgreich und zogen sieben Jungvögel auf. 2015 waren es vier Paare, die in enger Gemeinschaft mit einem Sturmmöwenpaar brüteten, später flogen sechs Seeschwalben und eine Sturmöwe aus. Ebenso wie bei den Seeadlern handelt es sich bei den Seeschwalbenbruten um die ersten in der niedersächsischen Mittelgebirgslandschaft seit über 100, vermutlich sogar seit mehreren Hundert Jahren. Denn seit der Weserkorrektur, der hochgradigen Begradigung, sind die natürlichen Brutplätze in Form von Sand- und Kiesinseln in Niedersachsens zweitgrößtem Fluss verschwunden. Die beiden Inseln sind jeweils 20 Quadratmeter groß, und über die auf ihnen liegenden Dachpfannen solle man sich nicht wundern, erklärt der Vorsitzende: Sie bieten Jungtieren Schutz vor Regen, Mäusebussard und Sperber.

Auch die Rintelner Seeadler sind innerhalb Niedersachsen etwas Besonderes, denn sie sind hier an der Oberweser die ersten und bislang einzigen, die in diesem Bundesland in der Mittelgebirgslandschaft brüten. Die ruhige Auenlandschaft gewährleistet, dass sie hier jagen und brüten können, denn die Tiere sind höchst empfindlich, erzählt Büscher und drückt es recht plastisch aus: „Sie werden zweimal bei der Brut vom Nest hochgejagt – und dann war es das mit dem Nachwuchs für dieses Jahr.“

Während die Seeadler lieber im dichten Wald oberhalb des Ortes nisten, hätte der kleinere Fischadler diese Ansprüche nicht: Daher gibt es eine 14 Meter hohe Nisthilfe, auf einer Insel, aber bislang hat sich hier noch kein Tier niedergelassen. Für Büscher ist dies kein Grund zur Sorge: Es sei nicht die Frage, ob, sondern wann der Fischadler komme, sagt er.

Im Winter ändert sich die Zusammensetzung der Vogelfauna. Während die Seeschwalben und Fischadler in Afrika weilen, tummeln sich Krick-, Tafel- und Schellenten sowie Gänse- und Zwergsäger auf den Seen. Die Gänsetrupps werden um Bläss- und Saatgänse erweitert, seltener sind Weißwangengänse und Singschwäne unter den Wintergästen. In den Schwarzerlen suchen Erlenzeisige nach Nahrung, in den Beerenbüschen Wacholder- und Rotdrosseln.

Ein weiteres Projekt sei für dieses Jahr genehmigt, verkündet Büscher: Entlang der Radroute Hess. Oldendorf Rinteln soll die Auenlandschaft Hohenrode die Hauptattraktion werden, es würden Schau- und Erklärungstafeln aufgestellt, so ähnlich wie im Steinbruch Liekwegen, eine Schutzhütte wird im Parkplatzbereich aufgestellt, „die Natur wird erlebbar“, sagt Büscher.

Und dann stehen die Interessierten doch vor einem Stacheldrahtzaun, er findet sich vor dem Eingangsbereich zur Flutmulde, und nur zehn Personen wären beim Landkreis gemeldet, die hier Zutritt hätten, „und nur weil ich Nabu-Mitglied, darf ich hier noch lange nicht rein“, sagt Büscher. Und spricht noch kurz einen Irrtum an: Nur weil der Nabu hier Eigentümer sei, könne er noch lange nicht festlegen, wer hier angeln dürfe oder nicht. Aber man sei auf dem Weg, es werde eine Einigung geben.

Nach anderthalb Stunden ist die Führung beendet, und Büscher denkt über eine Frage nach, die der Tag aufgeworfen hat: Wenn an einem trüben Wintertag schon 35 Menschen kommen, bei vier Grad und eher miesem Wetter – braucht der Nabu in ein paar Monaten einen neuen Parkplatz?

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