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Romantische Reisebilder aus dem Schaumburger Land, lange bevor es Bildpostkarten gab

Vergnügungsreisen – nur für Reiche

Die Zeiten, als Reisen noch ein abenteuerlicher Aufbruch ins Ungewisse war, sind lange vorbei. Heute wird, dank ausgefeilter Touristikangebote, auch der Trip zu fernen Kontinenten und Kulturen zum Komforterlebnis. Prospekte, Werbebroschüren und Internetportale zeigen bereits während der Startvorbereitungen an, welche Sehenswürdigkeiten man keinesfalls auslassen sollte. Auch für Interessenten und Besucher des Schaumburger Landes steht eine Fülle von Tipps und Informationen bereit.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

So etwas hätten sich die Leute hierzulande bis vor 50 Jahren nicht einmal im Traum vorstellen können. Erholungs- und Vergnügungsreisen waren bis ins 18. Jahrhundert nur den besseren Kreisen vorbehalten. Wenn Untertanen ihr Zuhause verließen, dann meist nur, um Kriegsdienst zu leisten. Was sich außerhalb des eigenen Lebensraums oder jenseits der engen Landesgrenze abspielte, interessierte nur Herrscher, Kirchenfürsten, Pilger, Abenteurer, fahrendes Volk und Forscher. Für die wenigen, die lesen konnten, hatten die Kupferstecherdynastie Merian und andere Verlegerfamilien vom Beginn des 17. Jahrhunderts an eine Reihe von (Stadtpanorama-) Ansichten und Reisebeschreibungen auf den Markt gebracht.

Lebhafter wurde es auf den staubigen und schlammigen Straßen erst vor gut 200 Jahren. Die Ideen und Ideale der „Aufklärung“ hatten – vor allem beim städtischen Bildungsbürgertum – ein zunehmendes Interesse an Kultur, Natur und landschaftlicher Schönheit entfacht. Das steigerte sich während der anschließenden Romantik-Epoche zu einer geradezu schwärmerisch anmutenden Reise- und Wanderlust. Als Andenken hängte man Bilder von landschaftlichen und architektonischen Highlights übers Wohnstubensofa. Postkarten gab es damals noch nicht, und Ölgemälde oder Aquarelle waren dem Gros der Reiselustigen zu teuer. Also kaufte man Kupferstich-Abzüge. Der Kupferstichdruck war das damals gängigste, weil preiswerteste Vervielfältigungsverfahren. Von einer sauber gravierten Platte konnten mehr als 200 Abzüge brauchbarer Qualität hergestellt werden.

Zur Befriedigung der stetig steigenden Nachfrage machte sich ein Heer von Kunstschaffenden auf den Weg. Sie zogen von Ort zu Ort und hielten die bekanntesten Motive und Sehenswürdigkeiten im Skizzenblock fest. Zu Hause wurden die Zeichnungen in Kupfer- und manchmal auch Stahlplatten eingraviert. Oftmals bekamen die Abzüge anschließend noch einen Farbauftrag. Die kolorierten Blätter konnten als „Originaldrucke“ verkauft werden. Auf besonders gute Verdienstmöglichkeiten durfte hoffen, wer zusätzlich zu den Bildern ergänzende Erläuterungen oder komplette Tourenbeschreibungen anbieten konnte.

3 Bilder
Obernkirchen, Bild des Schweizer Kupferstechers Heinrich Merz.

Einer der fleißigsten und hierzulande bekanntesten Produzenten von Bildern und Reisebeschreibungen war der Bückeburger Hofmaler Anton Wilhelm Strack (1758-1829). Strack war als junger Mann dem Ruf der damaligen schaumburg-lippischen Landesherrin Juliane gefolgt. Solange seine Gönnerin lebte, ging es ihm wirtschaftlich einigermaßen gut. Doch als die Fürstin 1799 völlig überraschend starb, brachen für den Ehemann und Vater von mittlerweile elf Kindern schwere Zeiten an.

Der Not gehorchend, verlegte er sich mehr und mehr auf die Herstellung von Stadtansichten, Landschaftsporträts und Buchillustrationen. Zu seinen bevorzugten Motiven gehörten die Natur- und Baudenkmäler der Weserberglandregion, das Steinhuder Meer und die Externsteine. Besonders oft bannte er auch die nahe gelegene, als Touristenziel immer beliebter werdende Westfälische Pforte auf Papier.

Neben „Platzhirsch“ Strack nutzten auch etliche auswärtige Kupferstecher die weithin umschwärmte Schönheit und Anmut der hiesigen Gegend zum Geldverdienen. Zu den bis heute bekanntesten gehören die beiden Engländer Robert Batty (1789-1848) und Albert Henry Payne (1812-1902) sowie der Schweizer Heinrich Merz (1806-1875). Die meisten Bilder mit hiesigen Motiven hat, neben Strack, der aus Kassel stammende und später nach Amerika ausgewanderte Maler August Wenderoth (1819-1884) hinterlassen. Bei etlichen der damals hierzulande entstandenen Abbildungen ist die Urheberschaft unklar. Jedenfalls können sie mangels Signatur keinem bestimmten Zeichner zweifelsfrei zugeordnet werden.

Der heutige künstlerische und/oder auch historische Wert der Reisebilder ist umstritten. Hohe Wertschätzung genießen die Arbeiten bei Naturfreunden, Heimatkundlern und Geologen. Ihnen bieten die Drucke die (oft einzige) Möglichkeit, sich ein konkretes und anschauliches Bild vom vorindustriellen Aussehen der heimischen Region zu machen. Nicht so positiv fällt das Urteil der Kunstkenner aus. Die Werke seien zu sehr auf den Verkaufserfolg, den Zeitgeschmack und die Ansprüche der Kundschaft ausgerichtet, ist in Fachkommentaren zu lesen. In der Tat sind viele Arbeiten mit niedlich spielenden Kindern oder malerisch hingebetteten Hirtinnen „dekoriert“.

Wie dem auch sei – bei Sammlern und Liebhabern stehen die romantischen Ansichten offenbar hoch im Kurs. Für einen kolorierten Strack-Abzug mussten die Leute vor 200 Jahren rund zweieinhalb Taler (nach heutiger Währung knapp fünf Euro) bezahlen. Bei einer Kunstauktion wurden vor geraumer Zeit für ein Aquarellbild des Hofmalers 16 000 Euro erzielt.




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