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Vereine verlieren ihre Symbole: Fahnen auf dem Müll

NIENSTEDT. Der Wert eines Gegenstandes lässt sich in Geld ausdrücken und ist oft doch so viel mehr: Ein Kuschelteddy, eine Gitarre, ein Bild ist für den Besitzer meist um ein Vielfaches wertvoller als die Zahl auf dem Preisschild. Erst recht, wenn es um ein Jahrzehnte altes Symbol geht.

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Autor:

Gert Mensing und Benedikt Dittrich

Deswegen ist die Enttäuschung bei Lothar Strohmeier und Sigrid Schrader groß, denn ihnen ist beiden ein großes Symbol abhanden gekommen. Die Vereinsfahnen des aufgelösten Schützenvereins Horrido und des Chors Friedfertigkeit sind vermutlich auf dem Müllcontainer gelandet.

„Das ist der ganze Stolz des Vereins gewesen“, erklärt Schrader. Die Vorsitzende des Chors kann sich noch genau daran erinnern, dass die Mitglieder zum 100-jährigen Jubiläum des Gesangvereins eine neue Fahne bestellt hatten. Das war 1981. „Die alte war einfach nicht mehr in einem so guten Zustand“, erinnert sich Schrader. Rund 2600 Mark hatte die neue Fahne gekostet, in mühevoller Handarbeit angefertigt, „und die war bis zuletzt in einem sehr guten Zustand“, betont Schrader.

Gelagert war die Fahne in einem Schrank im Vereinslokal Deisterquelle, das Anfang des Monats zum letzten Mal öffnete (wir berichteten). Als zuvor bereits der Besitzer des Gebäudes gewechselt hatte, hatte eine Entrümpelungsfirma in dem Gasthaus aufgeräumt, erfuhr Schrader auf Nachfrage. Vieles spricht dafür, dass die Fahnen der Aufräumaktion zum Opfer fielen.

Auf der Jahresversammlung des Chors war die Enttäuschung deswegen gleich doppelt groß, denn neben der Fahne haben die Sänger nun auch ihr Vereinslokal verloren.

Dasselbe Schicksal ereilte die Vereinsfahne des Schützenvereins Horrido, der sich Ende 2015 aufgelöst hatte. Der Verein hatte sogar noch die Original-Fahne von der Vereinsgründung 1903 in dem Schrank, luftdicht eingeschweißt, ein historisch wertvolles Kunstwerk. „Die neue Fahne habe ich 1985 selbst entworfen“, erklärt das ehemalige Vorstandsmitglied Lothar Strohmeier. Mehrere Wochen habe er daran gesessen, beim Vereinsfest wurde sie feierlich der Öffentlichkeit präsentiert. Als Strohmeier davon erfuhr, dass der Fahnenschrank in der Gaststätte mitsamt Inhalt entsorgt worden war, war die Wut groß. „Wir haben trotzdem auf eine Verfolgung verzichtet“, sagt Strohmeier enttäuscht, „wir wollten uns die Hacken nicht mehr kaputt laufen.“

Nach der Auflösung im November 2015 ist somit auch ein Symbol des Schützenvereins Horrido getilgt worden. Der materielle Wert von 3000 Mark fällt da nur wenig ins Gewicht. „Die wurde noch in der hannoverschen Fahnenfabrik hergestellt“, blickt Strohmeier wehmütig zurück. Das Unternehmen ist inzwischen ebenfalls Geschichte – die Fabrik schloss im Jahr 2008.

Den Chor Friedfertigkeit gibt es noch, aber Schrader will den Verlust aus pragmatischen Gründen auch nicht weiter verfolgen: „Eine neue Fahne ist zum einen sehr teuer, zum anderen fehlt der Anlass.“ Der Verein zählt derzeit nur noch zehn aktive Sänger, auf Umzügen wurde die Vereinsfahne schon länger nicht mehr präsentiert.

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