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Flurbereinigung in Rintelner Wiesen geplant / Streit zwischen Landwirten und Naturschutz programmiert

Unter den Äckern liegt wertvoller Weserkies

Rinteln (wm). GLL, die Behörde für Geoinformation, Landentwicklung und Liegenschaften in Hannover, plant eine Flurbereinigung in Teilen von Möllenbeck, in den Rintelner Wiesen und in Krankenhagen. Das Programm soll die stolze Summe von rund 1,24 Millionen Euro kosten. Dazu hat jetzt ein erster Anhörungstermin für die betreffenden Grundeigentümer, Behörden und Institutionen im Rintelner Rathaus stattgefunden.

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Schon dieser Termin habe gezeigt, dass es - wie bei jedem anderen Flurbereinigungsverfahren - vehemente Befürworter wie Gegner gibt, schilderte Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz jetzt auf Anfrage. Die Interessenlage von Kommune, Landwirten, Tourismus und Naturschutz sei eben sehr unterschiedlich. Buchholz widersprach allerdings der Befürchtung, bei einer Flurbereinigung werde alles "platt und kahl" gemacht, mit riesigen Ackerflächen. Diese Zeiten seien vorbei. Die Verwaltung sehe in dem Vorhaben mehr Chancen als Risiken. Welche Chancen das für Rinteln sind, erläuterte im Detail Stadtwerkechef Jürgen Peterson: Die Stadtwerke erhofften in einem solchen Verfahren, möglichst viele Grundstücke in der so genannten Wasserschutzzone II durch Flächentausch in Besitz zu bekommen. Das habe auch für Landwirte Vorteile: Tauschten sie Gelände, das bisher in der Schutzzone liegt, mit Flächen außerhalb, unterlägen sie nicht mehr den restriktiven Bewirtschaftungsbedingungen wie bisher. Und die Stadt Rinteln habe ein Interesse an einer Verbesserung der Vorflutverhältnisse in diesem Gebiet, also dass Wasser schneller in die Weser abfließt. Sicherlich sei man nicht unglücklich, wenn auf einige Wege verzichtet werden könnte - die müsse die Stadt nicht mehr unterhalten. Wo die Knackpunkte für Landwirte liegen, schilderte Friedrich Wilharm, Geschäftsführer des Niedersächsischen Landvolks Weserbergland, gestern in einem Telefongespräch: Zwar sei ein Großteil der Landwirte grundsätzlich für eine Flurbereinigung, nur sei im Bereich der Rintelner Wiesen nach wie vor Kiesabbau möglich. Das bedeute, das im Falle eines Flächentauschs ein Wertausgleich festgelegt werden müsste. Er habe im Bereich Fuhlen schon praktisch erlebt, wie schwierig das werden kann: "Man kann nicht in den Acker schauen und sagen, wie dick die Kiesschicht in der gesamten Fläche ist - 20 Meter, drei Meter?" Die nächste Frage sei dann: "Wann wird abgebaut?" Beide Fragen seien aber entscheidend für eine Grundstücksbewertung. Dann gebe es eine Gruppe von Landwirten, die sagen von vornherein: "Wir haben gute Stücke in der richtigen Größe. Warum sollen wir also in das Verfahren dann eintreten?" Naturschützer sehen die Situation noch völlig anders. Thomas Brandt, Diplom-Biologe und wissenschaftlicher Leiter der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer, arbeitet zurzeit an einer Stellungnahme. Faktisch sei der Bereich westlich der Verbindungsstraße Möllenbeck-Eisbergen ein Vogelschutzgebiet.Und im Bereich Hessendorf wie in den Rintelner Wiesen seien Vorkommen gefährdeter Brutvogelarten bekannt. Zweiter Punkt: In diesem Gebiet seien vor rund 20 Jahren mit enormer Anstrengung der Stadt Rinteln wie der Nabu-Ortsgruppe Hecken angelegt worden, auch zum Schutz von Rebhuhn, Neuntöter, Goldammer, Feldsperling, Lerche und Feldhasen - die meisten Arten auf der Roten Liste aufgeführt. Brandts Befürchtung: Allein die Vergrößerung der landwirtschaftlichen Bewirtschaftungseinheiten bedinge hier zwangsläufig eine erhebliche Dezimierung der Bestände. Wie wenig die Landwirte Naturschutz wirklich interessiert, zeige schon, dass Wegeparzellen einfachüberpflügt werden. Die betragen nämlich in den Rintelner Wiesen nach Katasteramtsauszügen sechs, neun, bis zu zwölf Meter. Das Zusammenpflügen der Wege sei deshalb besonders tragisch, weil dem Teilstück des Weges abseits der Fahrspur die höchste Bedeutung für den Artenschutz zukomme. Ein Punkt, dem Wilharm widerspricht. Das Überpflügen der Wege sei sozusagen "Schaumburger Landrecht", das sich entwickelt habe, weil die Dörfer sich geweigert hatten, die Randstreifen auch entsprechend zu pflegen. Die Randstreifen seien ursprünglich für Schaf- und Ziegenbeweidung angelegt worden. Und noch ein strittiger Punkt: Aus Sicht der Naturschützer findet bei dem geplanten Verfahren die Naherholung für Bürger keine entsprechende Würdigung. Die stadtnahen Wiesen werden, argumentiert Brandt, sowohl von den Doktorsee- wie von Flugplatzbesuchern und Bürgern der Stadt genutzt. Jede Reduzierung der Wege sei gleichzeitig eine Verminderung der Erholungsmöglichkeiten. Und eine Besucherfrequenz, die sich dann auf die wenigen, noch übrig gebliebenen Wege konzentriert, störe automatisch wieder Vogelarten wie Rebhühner, die an stark frequentieren Wegen nicht mehr brüten.



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