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Heino Ferch über seinen neuen Film, sein Verständnis von Sicherheit und seinen Blick auf die Gesellschaft

„Unsere moralischen Eckpfeiler gehen verloren“

Herr Ferch, „München 72“ handelt von den Olympischen Spielen 1972, die nach der Geiselnahme einer Gruppe von israelischen Sportlern zum Desaster wurden. Wie haben Sie seinerzeit auf diesen Terroranschlag reagiert?

In dieser Szene aus „München 72“ unterhalten sich (von links): Rainer Bock als Bruno Merk, Bernadette Heerwagen als

Autor:

Anke Sieker

Ich war zu der Zeit ja erst neun Jahre alt, deshalb fällt mir die Erinnerung schwer. Aber ich kann mich noch sehr gut an die Bilder erinnern, die im Fernsehen liefen, weil ich aktiv die Olympischen Spiele verfolgt habe. Da ich auch Verwandte in München habe und oft dort war, kannte ich das Olympische Dorf, und die Vorstellung, was dort passiert war, war einfach grauenhaft! Jetzt bei den Dreharbeiten wird die Erinnerung wieder wach. Ich habe als Jugendlicher Bildbände fast jeder Olympiade besessen und weiß noch, dass im Bildband von 1972, wo Joachim Fuchsberger vorne als Stadionsprecher mit abgebildet war, auch die Katastrophe bebildert war.

Dass wir zu keinem Zeitpunkt gegen Terroranschläge gewappnet sind, zeigen uns die aktuellen Vorfälle in Oslo. Was haben Sie nach diesem Attentat empfunden?

So wie der Film die Hilflosigkeit und das Versagen des gesamten Sicherheitsstabs der Olympischen Spiele thematisiert, drücken auch die aktuellen Anschläge in Norwegen die Hilflosigkeit eines Krisenstabs aus. Man fragt sich: Warum habt Ihr nicht eingegriffen? Wieso gab es keine Helikopter, die das schlimme Ausmaß der Katastrophe hätten eindämmen können? Wieso gab’s nicht spätestens nach einer halben Stunde eine Spezialeinheit, die den Täter überwältigt hätte? Das Ausmaß dieser Katastrophe kann man jetzt nicht verstehen und konnte man auch vor 40 Jahren nicht nachvollziehen.

Sie spielen den Polizeipräsidenten. Wo würden Sie persönlich härter durchgreifen?

Ich frage mich zum Beispiel, warum vor zwei Jahren in Winnenden ein Amokläufer zweieinhalb Stunden lang von A nach B fahren konnte, nachdem er erst in einer Schule ein Blutbad angerichtet hatte und es danach auch noch geschafft hat, zwei Menschen in einem Autohaus zu erschießen und zwei Polizeibeamte schwer zu verletzen. Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum die Polizei nicht viel früher das Kommando bekommen hat, den Täter kampfunfähig zu machen! Es kann nicht sein, dass so viele unschuldige Opfer sterben müssen und man nicht in der Lage ist, früher durchzugreifen.

Sie sagten vor Kurzem, dass Sie durch Ihre Kinder dünnhäutiger, verletzbarer und sensibler geworden sind. Was wünschen Sie sich für den Umgang mit Sexualstraftätern?

Da würde ich auf jeden Fall auch härter durchgreifen. Viele Täter werden viel zu früh aus der Haft entlassen. Wer so eine Störung hat, wird sie manchmal auch nicht durch eine Therapie loswerden. Die Rückfälligkeit in diesem Bereich ist ja nicht zu unterschätzen. Eine Entlassung rückfälliger Täter halte ich für problematisch.

Aber lehren uns die Vorfälle in Norwegen nicht, dass auch Idylle trügerisch sein kann?

Ja, klar. Aber es gibt natürlich Gegenden auf dieser Welt, die prädestiniert sind. Wo man weiß, diesen Ort sollte man besser meiden. Von Dreharbeiten in Dänemark weiß ich, dass man in Skandinavien die Türen nicht abschließt, weil man denkt, da kommt ja keiner! Aber natürlich gibt es an jedem Ort dieser Welt unberechenbare Wahnsinnige.

Wie empfinden Sie allgemein die Entwicklungen in unserer Gesellschaft?

Schlecht! Ich finde es schlimm, dass uns die moralischen und traditionellen fundamentalen Eckpfeiler immer mehr verloren gehen. Der Trend zu Privatschulen von Leuten, die es sich leisten können, hat nicht unbedingt nur etwas mit dem Schulsystem zu tun, sondern auch mit den Vorstellungen von Erziehung. Ich glaube, da steht auch ein Staat in der Verantwortung.

Was sind Ihre Erziehungsprinzipien?

„Bitte“, „danke“, Tischmanieren, zuhören, den anderen respektieren. Das fängt praktisch mit den einfachsten Höflichkeitsregeln an.

Heino Ferch spielt in dem neuen Film „München 72“ über das Drama bei den Olympischen Spielen 1972 in München den damals zuständigen Polizeipräsidenten. Im Interview spricht er über die Dreharbeiten, das Massaker von Norwegen sowie seine Angst um die eigene Familie.



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