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„Unser Ziel ist die Rallye Paris-Dakar!“

Abseits der Welt, im lieblichen Extertal nahe der Burg Sternfeld, liegt für manche Menschen ein Stückchen Paradies und das nennt sich „Extertalring“. Hier treffen sich mehrmals im Jahr Autocross-Fans aus ganz Deutschland, campen, grillen, fachsimpeln und begutachten umgebaute Serienwagen und wertvolle „Buggys“ Marke Eigenbau. Wenn es so ein Sauwetter ist wie am vergangenen Samstag, dann muss man allerdings schon viel Geduld haben, um überhaupt ein Rennen zu sehen.

Von Cornelia Kurth

Abseits der Welt, im lieblichen Extertal nahe der Burg Sternfeld, liegt für manche Menschen ein Stückchen Paradies und das nennt sich „Extertalring“. Hier treffen sich mehrmals im Jahr Autocross-Fans aus ganz Deutschland, campen, grillen, fachsimpeln und begutachten umgebaute Serienwagen und wertvolle „Buggys“ Marke Eigenbau. Wenn es so ein Sauwetter ist wie am vergangenen Samstag, dann muss man allerdings schon viel Geduld haben, um überhaupt ein Rennen zu sehen. Der guten Stimmung vor Ort tut das aber kaum Abbruch: „Wir haben hier öfter solche Sumpflager“, meint Fahrer Andreas Lange (42) aus Rinteln. „Man nimmt das alles, wie es kommt.“

Sumpflager, ja, so kann man das Wiesengelände „Am Sellenbach“ wohl nennen, wo die Rennwagen und die Wohnmobile parken, wo Besucher, Fahrer und Familienangehörige herumstapfen auf Modderwegen zwischen der eigentlichen Rennbahn, dem Bierzelt und Buden und dem ausrangierten Schulbus, in dem die Rennleitung des Motorsportclubs Extertal (MSC) tapfer dabei ist, Ordnung in das Regenchaos zu bringen. Außer dem Training am Vormittag konnte noch kein einziges Rennen laufen. Dafür aber rumpeln schwere Bagger über den fast 700 Meter langen, kurvigen Extertalring, um sie für das Langstreckenrennen befahrbar zu machen, das jede halbe Stunde neu verschoben wird.

Für Denise Lämmcken aus dem Extertal ist es glatt ein kleiner Trost, dass auch andere Probleme haben. Sie ist erst 14 Jahre alt und sollte heute zum ersten Mal ein Rennen fahren, zusammen mit insgesamt 18 Jugendfahrern, die sich unter die etwa 120 erwachsenen Fahrer mischen. „Ich kam beim Training gerade mal bis zum Start, da fiel der Motor aus“, sagt sie. „Zu dumm, ich hatte vergessen, die Kupplung zu drücken.“ Der Wagen gehört dem Jugendclub des MSC, drei Mädchen teilen sich ihn – jetzt hoffen und beten sie, dass er bis zum Sonntag, dem zweiten Renntag, wieder in Gang kommt.

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Niemand ist Denise böse. Für die meisten der Jugendlichen, die an dem Autocrossrennen teilnehmen, ist es der Sprung ins kalte Wasser. Sie nahmen an einem Jugendlehrgang teil, der gerade mal einen Tag dauerte und ihnen die Grundlagen des Crossfahrens vermittelte, Theorie ebenso wie praktische Übungen rund um das Über- und Untersteuern, das richtige Kurvennehmen und darüber, wie man sich verhält, wenn es einen Rumms gibt. „Ja, es klingt ein bisschen verrückt, gleich so was zu lernen“, meint der Extertaler Jan Malte Opitz, ebenfalls 14 Jahre alt und frisch gekürter Autocrossfahrer. „Aber wir kennen das alles ja schon, seit wir kleine Kinder sind. Jeder von uns hat Eltern oder Verwandte, die einen immer mitgeschleppt haben.“

Jan Maltes Vater Michael Opitz gehört zu den Spitzenfahrern und Organisatoren des MSC-Rennens. Er fährt einen dieser bis zu 25 000 Euro teuren „Buggys“, ein orange-schwarzes Gefährt mit Käfigüberbau, das in der eigenen Garage entstand und, wie die meisten dieser Wagen, mit einem Motorrad-Motor versehen ist. Bis zu 150 Kilometer pro Stunde schnell fahren die Buggys über die verwinkelte Sandbahn, und selbst wenn es im Gedränge der 12 gleichzeitig startenden Wagen mal einen Unfall gibt, kommen sie meist unbeschadet davon.

Auch Jan Malte besitzt einen eigenen orange-schwarzen Wagen, einen umgebauten Polo, auf dem sein Name prangt, der aber ansonsten aussieht wie ein Schrottauto, vollkommen ausgeschlachtet, im Inneren einzig mit einem Sicherheitssitz und Sechs-Punkt-Sicherheitsgurten ausgestattet und ansonsten von oben bis unten von der Trainingsfahrt noch mit Schlamm bespritzt. Fensterscheiben gibt es nicht, nur ein Metallgitter, durch das aller Dreck ungehindert ins Auto dringt. „Och, das macht nichts“, meint der Junge. „Meine Schutzbrille hat verschiebbares Glas. Einmal an der Strippe am Brillenrand gezogen und schon kann ich wieder sehen.“

Er ist so stolz auf seinen Wagen, bei dem er vor wenigen Wochen bei seinem ersten Rennen Zweiter wurde, dabei überholt von seinem gleichaltrigen Freund Nico Barz aus der Nähe von Hildesheim, der einen eigenen bunten Suzuki fährt. Die beiden kannten sich schon seit Jahren vom Sehen und schlossen auf dem Jugendlehrgang richtig Freundschaft. Wenn sie die Technik ihrer Wagen erklären, wirken sie wie gelassene Profis, die den Rennfahrerjargon mit der Muttermilch eingesogen haben. „In der Schule glaubt mir niemand, dass ich Autocross fahre“, meint Nico. „Hier aber ist es so selbstverständlich. Wir können stundenlang darüber reden.“

Viel mehr als reden, im Fahrerlager von Wagen zu Wagen stapfen oder mal einen „Mantateller“ an der Würstchenbude bestellen, kann man im Moment sowieso nicht tun. „Das Langstreckenrennen wurde auf 17 Uhr 30 verschoben“, verkündet eine Lautsprecheransage. Überall sieht man kleine, dreckverschmierte Jungs, die im glitschigen Matsch ausrutschten, während erstaunlich viele Mädchen es irgendwie schaffen, dass sogar ihre Turnschuhe wie frisch geputzt wirken. Rennfahrer wie Andreas Lange tragen dicke Gummistiefel zu wetterfesten Jacken, um dem Nieselregen und der Kälte zu trotzen.

Andreas Lange fährt schon seit 20 Jahren Autocross und begann typischerweise bei den sogenannten „Stoppelfeldrennen“ mit Altwagen, für die das oft die letzte Tour ihres Autolebens war. Jetzt hat er sogar zwei Tourenwagen am Start, darunter einen Golf Syncro mit Allradantrieb. Der ist zwar teuer, dafür aber flink am Start, vor allem wenn die Bahn so nass ist wie jetzt. Sein Start ist erst am Sonntag. Er hofft, dass die Langstreckenfahrer, die nachher innerhalb einer Stunde so viele Runden wie möglich durch die Kurven fahren, die Strecke einigermaßen gangbar machen. „Wenn die durch sind, ist aller Matsch an den Rand gespritzt!“

Ein bisschen Enttäuschung ist natürlich schon dabei, dass das Wetter nicht so schön ist wie bei den letzten Malen. „Normalerweise leben wir hier wie in einem Zeltlager“, meint eine braun gebrannte Besucherin, die im Schutz des Festzeltes eine Cola trinkt. „Wir grillen, tanzen, trinken, feiern – und immer das Dröhnen der Motoren dabei.“ Alte Hasen wie Michael Opitz aber zucken da nur mit den Schultern. „Wir kriegen auch so genug Besucher“, sagt er. „Heute sind es so um die 250, morgen, am Sonntag, kommen auf jeden Fall 1000, auch wenn es aus allen Schüsseln gießt.“

Weil man mit solchen treuen Fans immer rechnen kann, macht sich das Rennen durchaus bezahlt. Die Preisgelder werden aus dem Startgeld von 50 Euro pro Fahrer finanziert, die anderen Unkosten kommen durch Eintrittskarten und den Verzehr wieder rein. Im Notfall springen örtliche Sponsoren ein. Das Ganze klappt allerdings auch deshalb so wunderbar, weil jede Menge Helfer bereit sind, wochenlang vor einem Rennen hart zu arbeiten. Sie mähen den Rasen, stecken die Leitplanken, verlegen Stromkabel und machen die Startpläne.

Zu diesen Helfern gehört auch Sigrid Herz (54) aus Bad Salzuflen. Ihr Platz ist im Rennleitungsbus zwischen all den Abmeldepapieren, die dokumentieren, wer bereits bezahlt hat, wer welche Startnummer bekommt und von welchem Startplatz aus er nach den Trainingsläufen das Rennen beginnen darf. Seit neun Jahren ist sie dabei, immer noch begeistert von der familiären Atmosphäre und dem Zusammengehörigkeitsgefühl, das jeder, den man anspricht, aus höchsten Tönen lobt.

Während sie selbst nie gefahren ist, sondern nur ihren Mann Wilfried begleitete, der nach seiner Fahrerlaufbahn die technische Betreuung im MSC übernahm, ist Anita Albert aus dem Extertal eine der ersten Frauen gewesen, die selbst an Rennen teilnahmen und sich im Männerclub behaupteten. Wie sie so dasteht, in Schutzweste und mit teufelshornbesetzter Mütze, sieht sie auch durchsetzungsfähig genug aus – und sie muss es sein, ist es doch ihre Aufgabe, an der Rennstrecke zu wachen und die Zielflagge zu schwenken. „Ohne mich kommt keiner ins Ziel“, sagt sie. Bei ihr war es der Onkel, der sie als 13-Jährige mit zu den Rennen nahm und ihr dann nicht nur zeigte, wie man fährt, sondern auch, wie man an seinem eigenen Wagen schraubt. Fairness stand bei ihm ganz oben. Diese Grundregel gibt sie auch als Jugendwart im MSC an die jungen Fahrer weiter. „Die Reife, die Bahn nicht als Autoscooter anzusehen, müssen manche erst noch erlangen“, meint sie.

Jan Malte und Nico gehören nicht zu den Raufbolden, das ist schon mal klar. Sie haben auch keine übertriebenen Flausen über ihre Zukunft als Autocrossfahrer im Kopf. Jan Malte spielt auch noch Fußball, Nico ist in der Jugendfeuerwehr engagiert, sie beide sehen den Rennsport als Hobby an, nicht als zukünftigen Beruf. „Ein Ziel habe ich aber doch“, sagt Jan, „einmal bei der Rallye Dakar dabei sein, das wär’s!“ Auch Nico bekommt leuchtende Augen bei diesem Stichwort: „Ja, Dakar! Wenn es irgendwie geht, sind wir dabei!“

Lärm und schlechtes Wetter – davon lassen sich Jung und Alt am „Extertalring“ nicht abschrecken. Im Gegenteil: Der Lärm ist unvermeidlicher Bestandteil des Autocrossrennens des Motorsportclubs Extertal und geradezu Musik in den Ohren aller Beteiligten. Mit bis zu 150 Stundenkilometern rasen die Autos Marke Eigenbau über die matschige Piste. Unsere Zeitung war dabei.

Die 14-jährigen Autocrossfahrer Nico Barz (l.) und Jan Malte Opitz. In der Schule glaubt man ihnen nicht, dass sie schon „Auto“ fahren.




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