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Trotz explodierender Kosten: Politik sagt „Weiter so“ zum Schulzentrum Nord / Ein polemischer Zwischenruf

Ungedeckter Scheck über 21 Millionen

Hameln. Der Neubau des Rathauses, die Zukunft der Bäder, des Hochzeitshauses, der Weserpromenade – all diese Projekte hängen in der Warteschleife, weil der Stadt das Geld fehlt. Umso erstaunlicher ist, wie unnachgiebig sich Politik und Verwaltung in die Pläne für das neue Schulzentrum Nord verbissen haben. Dabei stellen sie alles in den Schatten: Satte 21,2 Millionen Euro sollen zwischen Basbergstraße und Einsiedlerbach verbaut werden. Gibt der Rat am Mittwoch grünes Licht, stellt er einen der größten ungedeckten Schecks der Stadtgeschichte aus, denn wie die Millionen aufgebracht werden sollen, weiß niemand. Zeit für einen noch nicht vom Segen massiver Neuverschuldung überzeugten Zwischenruf.

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Um es vorweg zu sagen: Dass die Gesamtschule samt Oberstufe etabliert wird, war und ist richtig, ein solches Angebot hat in unserer Schullandschaft gefehlt. Aber die generöse Art und Weise, wie das Schulzentrum geplant wird, lässt jedes Augenmaß, jeden Sinn für die finanzielle Realität vermissen. Zur Abstimmung steht eine Mischung aus kostspieliger Fehlplanung und unerschwinglichem Wunschkonzert.

Die Ratspolitik indes hält unverdrossen an den Plänen fest, Streit gibt es fast nur darüber, ob es nicht noch teurer werden könnte. Wer am Schulzentrum spart, sieht sich im Wahlkampf offenbar bereits auf der Verliererstraße. Immerhin, die Minisporthalle wurde gekippt, was die Kosten von 22,3 auf 21,2 Millionen drückt. Aber gerade der verzichtbare Anbau an die vorhandene Sporthalle zeigt exemplarisch, wie auf dem Reißbrett abgerüstet werden kann, ohne Substanz zu verlieren.

Aber von vorn. Die erste Hiobsbotschaft ereilte die Politik im Oktober 2012, als die Kosten für die IGS zum ersten Mal explodierten. Damals noch in zarten Dimensionen von drei auf 6,4 Millionen Euro. Mit der Sertürner-Realschule hatte die Stadt schlicht den falschen Baustandort für die IGS gewählt, wie die Fachleute im Nachhinein einräumten. Als Kostentreiber erwies sich zudem der Gedanke, IGS und Albert-Einstein-Gymnasium fortan „ganzheitlich“ zu betrachten und auch baulich zusammenwachsen zu lassen. So entstand in den frühen Plänen das „Haus Integra“ mit gemeinsamen Musik- und Bibliotheksräumen.

Weil die Kosten ausuferten, trat der Rat im Dezember 2012 auf die Bremse, ein externes Büro, die Mosaik-Architekten aus Hannover, sollten die Pläne begutachten. Mit dem Ergebnis, dass alles noch viel teurer wurde. Rechnete man die Baukosten für die IGS-Oberstufe sowie den Aufwand für Sanierung, Unterhaltung und Umbau im gesamten Schulzentrum hinzu, stand bereits Ende 2012 eine horrende Gesamtsumme von 16,5 Millionen im Raum, doch die neuen Planer brachten es fertig, die Kosten auf 22,3 Millionen zu steigern.

Wer die Pläne studiert, bekommt schnell einen Eindruck, wie sich architektonische und pädagogische Fantasien frei von jeder finanziellen Zügelung und unter konsequenter Nichtbeachtung existierender Einrichtungen austoben durften.

Da wäre zum einen die Verschwendung durch die aufwendigen Container-Lösungen. Weil die IGS bereits während der Bauphase ein offenes Ganztagskonzept umsetzt, und weil die Neuplanung die Bauzeit noch einmal deutlich verlängert, schießen die Kosten für die mobilen Mieträume in den Himmel. Statt wie ursprünglich mit 248 000 Euro schlagen sie mit 2,3 Millionen zu Buche – Geld, das buchstäblich in den Sand gesetzt wird, weil keine Gegenwerte verbleiben.

Und wer glaubt, dass diese Millionen ausschließlich dazu dienen, den Unterricht aufrecht zu erhalten, irrt gewaltig. Die wenigsten Räume in den bereits aufgestellten Containern sind Klassenräume. Selbst wenn man als Verfechter einer vollblütigen IGS einen Spiele- und einen Billardraum als unbedingt notwendig erachtet: Wäre es nicht zumutbar, zumindest während der Bauphase auf sie zu verzichten? Und hätte man die sicher ebenfalls unerlässlichen Räume für „Besprechung“, „Aufenthalt“, „Ruhe“, „Training“, „Sozialarbeit“, „Streitschlichtung“ und „Sanitätsdienst“ nicht mit etwas Improvisationsgabe für zwei, drei Jahre woanders im Schulzentrum unterbringen können?

Direkt mit Unterricht hat auch eher wenig zu tun, was laut Verwaltung den „schulischen Mehrwert“ des Konzepts ausmacht. Neben der Mensa, dem gemeinsamen Haupteingang, einem „Selbstlernzentrum“ (landläufig als Bibliothek bekannt) und einem „Lehrertreff“ mit „Cafébar“ werden vor allem die „Lernlandschaften“ hervorgehoben, die Schülern ein Arbeitsambiente außerhalb der Klassenzimmer geben sollen. Auch sie gehören zum Arsenal moderner IGS-Pädagogik, aber so großzügig wie sie für die Oberstufe geplant werden, so groß sind die Fragezeichen in den Augen andersdenkender Lehrer. Alles nur ein schicker Modetrend? Interessant ist, wie die Mosaik-Planer ihr großes Vorbild, den Star-Architekten Herman Hertzberger, selbst zitieren: „Ein Raumprogramm ist nur eine Momentaufnahme – sobald man es anwendet, gehört es auch schon wieder der Vergangenheit an.“

Als Herzstück des Konzepts gilt die neue Mensa, die als zentrales bauliches Verbindungsglied zwischen IGS und AEG geplant wird. Die Mosaik-Architekten haben alles wieder auf Null gesetzt: Nicht mehr im „Haus Integra“, sondern in der Mensa sollen sich die Schüler beider Schulformen begegnen. Dabei ist hinlänglich bekannt, dass die Schulkantinen eher unter Akzeptanzproblemen leiden. Das soll hier aber nicht der Punkt sein. Entscheidend ist etwas anderes: Warum kommt niemand auf den Verdacht, dass gar keine neue Mensa gebaut werden muss, wenn man auf zwei vorhandene zurückgreifen kann?

Erst im April 2009 wurde die Mensa am AEG eröffnet, eine Million Euro hat der rote Glasbau gekostet. Auch Schülern der IGS steht diese Mensa offen. Doch nach kaum fünf Jahren scheint ihr Verfallsdatum – siehe Hertzberger – bereits erreicht. Jetzt soll hier die Bibliothek einziehen, während wenige Meter weiter für 1,6 Millionen eine neue Mensa gebaut wird. Das verstehe, wer will.

Doch damit noch nicht genug. Die Überplanung früherer Planung führt dazu, dass die bereits aufgestellten Container der neuen Mensa demnächst im Weg stehen werden und deshalb an anderer Stelle neue Container aufgestellt werden müssen. Auch so kann man die Kosten nach oben treiben.

Dabei wäre sogar eine zweite Alternative denkbar. Nur einen Steinwurf entfernt, auf dem Gelände der Linsingen-Kaserne, bietet sich eine weitere große Mensa an. Erst sechs Jahre alt, befindet sie sich in „gutem Zustand“, wie Volker Mohr, Fachbereichsleiter für Planen und Bauen, auf Nachfrage bestätigt. „Das wäre eine Option“, sagt Mohr. Dafür müssten die Schüler nur die Basbergstraße überqueren. „Das wäre versicherungstechnisch ein Problem.“

Ernsthaft in die Planung einbezogen wurde diese Variante aber bislang nicht. So wie sich auch niemand ernsthaft daran gemacht hat, das Wünschenswerte des 21-Millionen-Plans insgesamt auf den Boden des Machbaren zu stellen.

Das Beste am millionenschweren „Rahmenkonzept“ ist, dass es am Ende so nicht umgesetzt werden muss. Nach der Ausschreibung strebt die Verwaltung einen nicht-offenen Architektenwettbewerb an, dessen Gewinner einen eigenen Entwurf präsentiert. „Das Schulzentrum kann am Ende ganz anders aussehen“, sagt Mohr. Hoffentlich.



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