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Jan-Markus Pinjuh lädt in der Sommeruniversität zu einem aktuellen Thema ein: Glaube und Gewalt

"Und willst du nicht mein Bruder sein...!"

Rinteln (wm). Jan-Markus Pinjuh, der das Gymnasium Ernestinum 1996 mit einem Abiturdurchschnitt von 1,7 verlassen hat, kommt jetzt, im Juli, als 32-Jähriger zur Rintelner Sommeruniversität als Dozent zurück. Pinjuh hat einen außergewöhnlichen Berufsweg beschritten: Er war zwei Jahre im Noviziat beim größten katholischen Orden, den Jesuiten. Wendepunkt war für den Rintelner Gymnasiasten damals die Begegnung mit einem Jesuitenpater während seines Zivildienstes bei der Bahnhofsmission in Nürnberg. Dessen intellektuelle wie spirituelle Ausstrahlung habe seinem Leben damals eine neue Richtung gegeben, sagt Pinjuh.

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Nach zwei Studiengängen und drei Abschlüssen beschäftigt er sich zurzeit als Promovent an der Hochschule der Jesuiten in München mit einem Mann, der ihn schon während seiner Magisterarbeit fasziniert hat - dem griechischen Philosophen Platon. Bei der Sommeruniversität in Rinteln im Juli will Pinjuh seine Studenten und Hörer mit zwei aktuellen Themen konfrontieren: Glaube und Vernunft ("allein mir fehlt der Glaube") und Glaube und Gewalt ("und willst du nicht mein Bruder sein") - wobei Pinjuh Talent und Fachwissen hat, diese philosophischen Themen so praxisnah, allgemein verständlich und humorvoll zu vermitteln, dass auch Zuhörer daran ein intellektuelles Vergnügen haben können, die nicht gerade regelmäßig in die Kirche gehen. Was Pinjuh an Platon begeistert (dessen Höhlengleichnis Unterrichtsstoff an den Gymnasien ist), ist seine Modernität. Platon hat beispielsweise vor 2400 Jahren schon das Problem der Wissensvermittlung erkannt, nämlich die Tatsache, dass man, anders als bei einem persönlichen Gespräch, bei einer schriftlichen Mitteilung - und nichts anderes ist das Internet - nur schwer prüfen kann, was ist wahr, was falsch - Rückfragen sind nicht möglich. Es ist gewissermaßen Wissensvermittlung aus zweiter Hand. Platon habe auch schon das Phänomen des "zweitbesten Staates" beschrieben, scherzt Pinjuh: "Wenn eine Reform nicht klappt, machen wir eben die nächste." Und der alte Grieche habe, ironisch oder ernst gemeint, da dürfe man rätseln, das Paradox von Wahrheit und Lüge formuliert, dazu die Erkenntnis: "Wer lügt, müsse bessersein, als der, der sich irrt, denn er kennt die Wahrheit". Das Thema Glaube und Gewalt, verriet Pinjuh, erlaube ihm in der Sommeruniversität einen großen Bogen zu schlagen von der Missionspraxis, also dem Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, über den innerchristlichen Umgang mit Abweichlern bis zum Kreuzzug des amerikanischen Präsidenten. Selbstverständlich werde er auch auf Friedrich Spee eingehen, der übrigens ebenfalls Jesuit gewesen ist, und auf dessen Cautio Criminalis, die Streitschrift gegen den Hexenwahn, die Spee in Rinteln hat drucken lassen. Bei dem zweitem Thema Glaube und Vernunft, gehe es um die Frage nach dem Gottesbeweis. Nein, wehrt Pinjuh ab, auf die aktuelle Atheismusdiskussion, angestoßen durch den Bestseller des Amerikaners Richard Dawkin ("Gotteswahn") wolle er nicht groß eingehen, "einfach deshalb nicht, weil Dawkin nicht wirklich etwas Neues bringt". Ähnliche Argumente habe schon Ludwig Andreas Feuerbach im 19. Jahrhundert formuliert. Nachfrage: Warum ist Pilgern auch bei nicht gerade gläubigen Menschen heute so populär? Das Bild des Pilgers, sagt Pinjuh, treffe - wie im Mittelalter - das Lebensgefühl vieler Menschen heute. "Nichts ist mehr gewiss, alles provisorisch." Ob Arbeitsplatz, Lebensabschnittspartner, selbst die Technik wandle sich schneller, als der Mensch folgen könne. Gesellschaftsformen, politische Strömungen "alles ist im Fluss". Wobei der moderne Pilger selbstverständlich nicht in die Glaubenswelt von vor 500 Jahren eintaucht - "das kann man nicht adaptieren". Pilgern heute habe etwas mit Patchwork-Identität zu tun, stände also nicht ausschließlich unter christlichen Vorzeichen: "Eine Reinkarnationserfahrung wie sie Harpe Kerkeling in seinem Bestseller beschreibt, ist eine typische Anleihe aus dem fernöstlichen Bereich." Pinjuh weiß, wovon er spricht. Im Rahmen seines Noviziats ist er auf den Spuren des Ordensgründers Ignatius von Loyola dreiWochen von Venedig nach Rom gepilgert - ohne Geld. Unter Jesuiten nannte man es das "Armutsexperiment". "Es gab einen Tag, da haben wir Brot erbettelt, am nächsten Tag sind wir von einem Pfarrer fürstlich bewirtet worden". Und noch etwas habe ihnüberrascht: "Wenn Italiener zehn Minuten zu Fuß gehen, ist das schon ein ausgedehnter Spaziergang". Keiner der Gesprächspartner habe sich vorstellen können, dass man tatsächlich am Tag 30 Kilometer und mehr schafft.



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