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Poetisches Varieté im GOP Hannover

Und der schwarze Engel wohnt in einem Kontrabass

Hannover. Angell. Angell mit zwei „l“, wohlgemerkt. Das zweite steht ohne Zweifel für Leidenschaft. Denn nichts ist nicht aus Leidenschaft geboren, was die Künstler der neuen Show im GOP-Varieté vollführen. Shows gab es hier, an der Georgstraße in Hannover, unzählige, doch welche davon hat die Zuschauer so gepackt wie diese? Keiner wird darauf eine verbindliche Antwort geben können, und doch ist die Sinnlichkeit von „Angell“ frappierend und großartig. Großartig wie das Leben, die Träume und die berauschenden Phantasien, von denen es erzählt.

Rote Lippen soll man…: Marie-Juana Jimenez hat ein feuriges Temperament und verbiegt sich für ihr Publikum gerne.
Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

„Sie erleben heute Abend ein Varieté, das anders ist als alles, was sie bislang hier im GOP gesehen haben“, verkündet Anja Krips, die „Stimme“ von Angell, noch bevor der rote Vorhang die Bühne freigibt. Das haben freilich schon andere Conférenciers verlauten lassen und schließlich nicht Wort gehalten. In diesem Fall ist’s aber kein bisschen übertrieben, denn „Angell“ zieht die Zuschauer nicht einfach nur in seinen Bann, sondern berührt sie im Herzen. Das ist ein Unterschied, ein himmelweiter sogar. Vorhang auf für eine Traumwelt zwischen Himmel, Hölle und Kontrabass.

Irgendwann irgendwo muss er irgendetwas falsch gemacht haben, sonst könnte er ja fliegen. Igor Vasiliev mimt den schwarzen Engel, der gefangen in einer Parallelwelt zwischen Himmel und Hölle endlich abheben will. Zu anfangs entsteigt er einem Riesenkontrabass; der sein Zuhause ist, dann wirbelt er mit seinem Clown-Partner Goos Meeuwsen, dem weißen Engel, durch eine anrührende Fabelwelt voller Geheimnisse. Schwarz und weiß – nichts ist gegensätzlicher, und doch sind die beiden wie Pech und Schwefel. Angell bleibt Angell, da hält man zusammen. Vasiliev und Meeuwsen gelingt es vorzüglich, selbst einfachsten Scherzen eine subtile Komik zu verleihen. Eine poetische Inszenierung, durch und durch, was nicht nur für die beiden Mimen gilt, sondern für die gesamte Show.

Marie-Juana Jimenez ist auf dem Schlappseil zum Schlapplachen. Mikhail Stepanov zeigt den beiden Engeln (und dem ungläubig blickenden Publikum) an den Strapaten, wie man wirklich fliegt. Und Anja Krips malt faszinierende Klangbilder in diese Show des „Cirque Bouffon“, für die der Musiker Serjei Sweschinskij eigens einen 13 Lieder umfassenden Soundtrack komponiert hat, in der der Kontrabass den Ton angibt, wer auch sonst, denn darin wohnt ja der schwarze Engel Igor.

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Nicht zum Nachahmen empfunden: Nataliya Nebrat stemmt ihren Partner Viktor locker und mit Anmut. Dazu spielt Serjei Sweschinskij
  • Nicht zum Nachahmen empfunden: Nataliya Nebrat stemmt ihren Partner Viktor locker und mit Anmut. Dazu spielt Serjei Sweschinskij den Kontrabass.

Genau genommen sind es elf Engel, die die Bühne ausfüllen. Ob fliegend oder nicht, spielt gar keine Rolle. Schwerelos trifft’s wohl eher. Wie kann es sein, dass die Primaballerina Iryna Bondarenko auf Spitze auch noch mit sechs Bällen jonglieren kann? Was ist das Geheimnis von Nataliya Nebrat, die ihre Anmut auch dann nicht verliert, wenn ihr Partner Viktor, nicht gerade ein Strich in der Landschaft, sich mit seinem gesamten Gewicht auf ihren Körper stützt? Kein kleinstes Zittern ist zu vernehmen. Normal ist das nicht. Aber was ist bei „Angell“ auch schon normal? Selbst Adam Tomaszewski ist das nicht. Xylophon und Percussion spielt er wie ein … ein …, ja …

… wie ein Engel.

„Angell“ ist im GOP Hannover bis zum 27. Februar immer dienstags bis sonntags zu sehen. Showtime: dienstags bis donnerstags um 20 Uhr, freitags und samstags um 18.30 und 21.30 Uhr sowie sonntags um 14.30 und 17.30 Uhr. Eintrittskarten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen (siehe Hinweis im Kalender).

Der Cirque Bouffon, der „Angell“ auf die Bühne bringt, wurde 1999 von Frederic Zipperlin gegründet. Zipperlin ist ehemaliges Mitglied des weltberühmten Cirque de Soleil. Mit dem Cirque Bouffon realisiert sein Ensemble eine völlig neue Art des Artistik-Theaters und schafft ein ästhetisches Gesamtkunstwerk mit verblüffenden Bildern und anrührender Poesie.

Selbst einfachste Mittel reichen Goos Meeuwsen, dem weißen Engel, um das Publikum zum Lachen zu bringen. Meeuwsen und sein Clownspartner Igor Vasiliev als schwarzer Engel (kleines Bild) halten die neue GOP-Show „Angell“ zwischen Himmel und Hölle am Laufen – was nicht über die Tatsache hinwegtäuschen soll, dass die übrigen Artisten ebenso großartig sind. Was sie eint, ist die Fähigkeit, dem Varieté Poesie und damit eine enorme Tiefe zu verleihen.



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