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Hugenotten: Wie die Religionsflüchtlinge im Schaumburger Land hofiert wurden

Unbeugsame kreative Köpfe

Die Erinnerung ist verblasst, und auch sonst ist nicht viel übrig geblieben: Die Zeit, in der im Schaumburger Land Hugenotten lebten, taucht, wenn überhaupt, nur noch in Geschichtsbüchern und Ortschroniken auf. Dabei haben die vor gut 200 Jahren in der hiesigen Region auftauchenden „Réfugiés“ (Flüchtlinge) ihre neue Umgebung in besonderer Weise geprägt und verändert. Die wegen ihres reformierten Glaubens in ihrer Heimat verfolgten Franzosen hatten – neben ihrer unbeugsamen Glaubenskraft – eine ganze Menge von bis dato hierzulande unbekannten Fertigkeiten und Fähigkeiten im Gepäck.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Viele der Mazets, Salains, Garlins, Didiers, Raisins, Lisiens und Bouillons gehörten der Bildungsbürgerschicht an. Der einige Jahre in Bückeburg lebende, gelernte Kavallerie-Offizier Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué (1777-1843), Verfasser des Erfolgsromans „Undine“, wurde zum wohl populärsten Dichter der Romantik. Und der 1692 aus Metz nach Rinteln geflohene und nach einem Studium an der dortigen Universität in Berlin wirkende Apothekersohn Pierre Carita (1676-1756) galt und gilt als einer der angesehensten und einflussreichsten Mediziner seiner Zeit.

Noch mehr als durch künstlerische und wissenschaftliche Begabung taten sich die Neuen durch ihr überdurchschnittlich ausgeprägtes handwerkliches und unternehmerisches Geschick hervor. Seidenstrümpfe weben, Glacéhandschuhe aus feinem Ziegenleder nähen oder kunstvoll-modische Kopfbedeckungen „aus dem Hut zaubern“ zaubern konnte bis dato hierzulande noch keiner.

Als besonders bedeutsam für die hiesige Region bewerten Geschichtsforscher auch den frischen Wind, den die Flüchtlinge über den Rhein mitgebracht hätten. Ihr unbändiger, auf den wochenlangen und qualvollen Fußmärschen gezeigter Überlebenswille habe auf die vom Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) gebeutelte und traumatisierte heimische Bevölkerung wie ein Weckruf gewirkt, ist zu lesen.

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Darüber hinaus seien schon kurz nach dem Eintreffen der Fremden deutlich „mehr Sanftmut und anständigere Sitten“ in der Bevölkerung eingekehrt. Und nicht zuletzt lernten die wenigen, die damals im Schaumburger Land lesen und schreiben konnten, neuartige Namen, Wörter und Buchstaben mit Strichen obendrauf (accent aigu, grave und circonflex) kennen.

Auslöser der damaligen Zuwandererwelle war bekanntlich die 1517 von Martin Luther auf den Weg gebrachte Reformationsbewegung. Sie führte auch in anderen europäischen Ländern zu heftigen Glaubenskämpfen. Jenseits des Rheins war die neue Lehre seit den 1530er Jahren vor allem von dem charismatischen Prediger Johannes (Jean) Calvin (1509-1564) unters Volk gebracht worden. Anders als in Deutschland, wo die fürstlichen Territorialherren das Sagen hatten, entschied in Frankreich der König über die Religionszugehörigkeit der Untertanen. Die Haltung der Pariser Monarchen schwankte zwischen Duldung und Unterdrückung hin und her. Zeitweise tobten grausame Glaubenskriege. Als besonders brutales Ereignis ist das als „Pariser Bluthochzeit“ bezeichnete Massaker im Morgengrauen des 24. August 1572 (Bartholomäusnacht) in die Geschichte eingegangen. Am radikalsten ging „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. (1638-1715) gegen die mittlerweile auf fast ein Drittel der Bevölkerung angewachsene reformierte Minderheit vor. Er ordnete 1685 die totale „Rekatholisierung“ der als „Hugenotten“ bezeichneten Glaubensabweichler an. Bei Widerstand drohten Gefängnis und Zwangsarbeit.

Das „Entweder-oder“ löste eine panische Massenflucht aus. Zusammen mit ihren Predigern machten sich ganze Dorfschaften und Familienclans auf den Weg. Exakte Angaben zu Anzahl, Herkunft und Verbleib gibt es nicht. Von den mehr als 200 000, die damals ihre Heimat verließen, soll knapp ein Viertel ins Heilige Römische Reich Deutscher Nation umgesiedelt sein. Das Gros zog zu den Glaubensbrüdern in die von evangelischen Fürsten regierten Länder. Sie wurden mit offenen Armen empfangen. Das hatte nicht nur mit Mitleid und Wohlwollen, sondern auch vor allem mit wirtschaftlichem Kalkül zu tun. Weite Landstriche waren im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) verwüstet und entvölkert worden. Da konnte man gut ausgebildete, fleißige und disziplinierte Aufbau- und Entwicklungshelfer gut gebrauchen.

Eine besonders aktive Integrationspolitik betrieben die in und um die hiesige Gegend herum herrschenden Potentaten. Das waren Kurfürst Friedrich Wilhelm zu Brandenburg-Preußen, Landgraf Karl zu Hessen-Kassel, der Schaumburg-Lippische Graf Friedrich Christian sowie der 1692 zum Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg geadelte Herzog Ernst August von Braunschweig-Calenberg. Alle vier versuchten, durch gezielte Anreize möglichst viele „Réfugiés“ ins eigene Territorium zu locken. So wurden die Neuen über Jahrzehnte hinweg von allen staatlichen und kommunalen Steuern und Pflichten befreit.

Die Folge: Allein in Brandenburg-Preußen siedelten sich mehr als 18 000 Flüchtlinge an, davon etwa 70 in der benachbarten Provinzmetropole Minden. Knapp 4000 entschieden sich für die Grafschaft Hessen-Kassel, zu der seit Ende des Dreißigjährigen Krieges auch der Bezirk Rinteln gehörte. Wie viele sich insgesamt im heutigen Kreis Schaumburg niederließen, weiß man nicht. Sicher ist nur, dass der damalige heimische Siedlungsschwerpunkt Bückeburg war. Grund: Der Bückeburger Schlossherr Friedrich Christian wollte seine arg danieder liegende Residenz mit internationalem Flair aufpeppen. In den Einwohnerlisten jener Zeit sind an die 150 Hugenottennamen verzeichnet. In Rinteln sollen zwischen zehn und 20 Franzosen gelebt haben. Die weitaus größte Kolonie weit und breit gab es in Hameln. Dort siedelten – aufgrund gezielt auf die Rattenfänger-Stadt ausgerichteter Bemühungen des kurhannoverschen Potentaten Ernst August – an die 750 sogenannte „Weserfranzosen“ an.

Nicht selten gab es Versuche der Landesherren, sich die Neuen gegenseitig abzujagen. So schaffte es der Bückeburger Schlossherr Friedrich Christian, die im wenige Kilometer entfernten Minden angesiedelten Franzosen nahezu komplett über die Landesgrenze hinweg in seine Residenz zu holen. Als Anreiz diente ein 1692 erlassenes „Gnadenedikt“, in dem die Gründung einer eigenständigen Gemeinde, die Anlage eines eigenen Friedhofs und der Bau einer eigenen Kirche zugesagt worden waren.

Die Vorzugsbehandlung der Franzosen wurde von den Ureinwohnern anfangs klaglos hingenommen. „Es ist so, daß sie bislang mit unseren Bürgern in ziemlichen frieden gelebet und sich ganz stille und bescheidendlich gegen jederman gehalten“, heißt es in einer undatierten, vermutlich zwischen 1700 und 1710 abgefassten Stellungnahme des Bückeburger Stadtrats. Das änderte sich zwar, hatte aber für das bürgerschaftliche Zusammenleben schon bald kaum noch Bedeutung. Die Grenzen zwischen Aus- und Inländern lösten sich immer mehr auf. Die calvinistischen Glaubensgemeinschaften schlossen sich – wie 1749 in Bückeburg – den örtlichen reformierten Gemeinden an.

Der Offizier und Schriftsteller Friedrich de la Motte-Fouqué auf einem Porträt der deutschen Malerin Caroline Bardua (1781-1864) aus dem Jahre 1827.

Der Mediziner Pierre Carita auf einem Bild des französischen Malers Antoine Pesne (1683-1757) aus der Zeit um 1730.

Sie holten die Hugenotten in die hiesige Region (v.l.): der „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg-Preußen(1620-1688), Landgraf Karl von Hessen-Kassel (1654-1730) und Graf Friedrich Christian zu Schaumburg-Lippe (1655-1728).gp (6)

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