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"Licht oder Schatten": Nachtwächter-Führung anlässlich des Michaelistags

Um neun Uhr werden die Stadttore geschlossen und Feuerstellen gelöscht

Rinteln (jaj). "Michel zünd' das Lichtlein an, damit das Madel spinnen kann", lautet ein alter Vers, der die Bedeutung des Michaelistages verdeutlicht hat, denn dieser Tag war ein Wendepunkt im Leben der Menschen, wie bei der Nachtwächter-Führung "Licht oder Schatten" aus Anlass des Michaelistages eindrucksvoll verdeutlicht wurde. An diesem Tag, am 29. September, wurde eine Stunde später angefangen zu arbeiten, die neuen Lehrlinge eingestellt und die Arbeit unter künstlichem Licht war ab diesem Tag erlaubt. Anlass für einen besonderen Stadtrundgang mit Angelika Bödeker (als Hexe), Alfred Schneider (als Nachtwächter) und Karin Gerhard-Lorenz und Helge Heinke-Nülle (als Bürgersfrauen).

"Der Tag geht auf den Erzengel Michael zurück, der den Menschen auf dem Weg in die dunkle Jahreszeit an die Seite gestellt wurde", erzählte Helge Heinke-Nülle ihren Zuhörern zu Beginn der Runde durch die Altstadt und bringt ihnen die alten Bräuche näher: So habe beispielsweise der Bauer am Michaelistag Mägde und Knechte zum Essen eingeladen - daraus seien dann die Erntefeste entstanden. Licht und Zeit spielten im Leben unserer Vorfahren eine bedeutende Rolle, wie man heute noch an der Sonnenuhr im Prinzenhof erkennen kann. Sie war lange Zeit die einzige Uhr in Rinteln und nach ihr wurden die Glocken der Kirchen geläutet. Eigene Uhren in den Häusern hatten die Menschen nicht, die beim ersten Morgenlicht mit der Arbeit begannen und mit Einbruch der Dämmerung aufhörten. Bildung war ein Luxus, berichtete Karin Gerhardt-Lorenz. In der historischen Figur als Tochter einer berühmten Ratsfamilie, sei sie eine der wenigen privilegierten Frauen gewesen, die die höhere Töchterschule habe absolvieren dürfen. Wissen in der falschen Zeit konnte aber auch gefährlich sein. Davon erzählte Angelika Bödeker. Ihre historische Figur ist als Hexe angeklagt worden. Sie hatte alsKräuterkundige ein Wissen, das vielen Menschen unheimlich war. "Es gibt zum Beispiel eine Blumenuhr, an der sich die Zeit ablesen lässt" weihte sie ihre Zuhörer ein. Die "Wegwarte" öffnet morgens um sechs ihre Blüten und schließt sie genau sechs Stunden später wieder. "Sie entstand aus einerJungfrau, die am Wegesrand auf ihren Liebsten gewartet hat. Doch Männer waren früher schon genauso wie heute - er kam nicht. So saß sie wartend am Wegesrand und verwandelte sich schließlich in eine Blume, die Wegwarte". Eine weitere Geschichte, die zeigt, wie die Menschen damals gedacht haben: In der heutigen Kreuzstraße, die früher Schmutzstraße hieß, da die Menschen ihren Unrat auf die Straße warfen, hat Anna Schrecke gelebt. Sie verlor während einer Pest-Epidemie ihre ganze Familie und hat diesen Verlust nie überwunden. Seither galt sie als wunderlich und war als Hexe verrufen. Doch man konnte ihr nie einen Schadenszauber nachweisen. Bis sie eines Tages ihr Wischwasser, wie üblich, auf der Straße entleerte und ein vorbeigehender Passant etwas davon abbekam. Er ging zum Bürgermeister und behauptete, nicht mehr auftreten zu können. Diese Behauptung reichte für eine Anklage. Schrecke wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Licht oder Schatten - der Beruf der Hebamme, die sich mit dem Ruf "Lieb Leut', geht zur Seit', ein Kind kommt", den Weg durch die Menge gebahnt hat, verdeutlicht ebenfalls die Gratwanderung zwischen den beiden Extremen. Kommt das Kind gesund zur Welt, steht sie im Licht, wird es jedoch krank oder tot geboren, gilt auch sie schnell als Hexe. Eine wichtige Aufgabe hatte in der Stadt der Nachtwächter. Er ging durch die Straßen, wenn die Tore um neun Uhr geschlossen wurden. Um diese Uhrzeit mussten in den Häusern auch die Feuer gelöscht sein. Wer noch mehrüber die Geschichte von Rinteln erfahren möchte, hat an jedem 1. Dienstag im Monat bei einer Nachtwächter-Führung Gelegenheit dazu.




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