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Trotz Kälte: Klimawandel nicht abgesagt

Ein brandaktuelles Thema unter Extremwetterforschern ist natürlich der vergangene ungewöhnlich kalte und schneereiche Winter – ein Phänomen, das sich von Sibirien bis nach Mitteleuropa erstreckte, aber auch in weiten Teilen der USA zu spüren war. Viele mögen durch die Kälte vor ihrer Haustür den Klimawandel schon für abgesagt gehalten haben. Doch dem ist leider nicht so.

Autor:

Reinhard Zakrzewski

Das betont auch Prof. Stefan Brönnimann von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Den Regionen mit zu niedrigen Temperaturen standen in diesem Winter nämlich in etwa gleich große Gebiete mit viel zu warmem Wetter gegenüber – so über Kanada, Alaska und Ostsibirien. „Deshalb haben sich die Temperaturanomalien über die gesamte Nordhemisphäre praktisch aufgehoben“, resümiert Brönnimann. Global gesehen gab es von Dezember bis März durch das Klimaphänomen El Niño im Südpazifik sogar ein deutliches Wärmeplus. So war der vergangene Januar weltweit der zweitwärmste seit 1881 und das Jahr 2009 insgesamt das drittwärmste in diesem Zeitraum.

Eine Ursache für die außergewöhnlichen Luftdruckverhältnisse der Nordhemisphäre und damit auch den kalten Winter bei uns könnte laut Prof. Brönnimann die Fernwirkung des El Niño gewesen sein. Diese Klimawippe, die sich im südlichen Pazifik im Mittel alle drei bis fünf Jahre ereignet, hat ihre Ursache in der Abschwächung der Luftdruckunterschiede zwischen dem stabilen Pazifikhoch vor Südamerika und tiefem Luftdruck über Nordaustralien. In der Folge schwächt sich der Südostpassat stark ab. Dieser erzeugt im tropischen Südpazifik normalerweise eine östliche Meeresströmung, mit der das vor Nordchile und Peru aufquellende kalte Tiefenwasser des Humboldtstroms bis nach Australien und Neuguinea verfrachtet wird. Schläft der Passat ein, kann das dort angestaute und jetzt sehr warme Wasser wie in einer gigantischen Badewanne nach Osten zurückschwappen und den gesamten tropischen Südpazifik überfluten. Durch die verbreitet zu hohen Wassertemperaturen wüten im Südpazifik dann mehr und schwere Wirbelstürme, wie gerade auf den Fidschi-Inseln. Das warme Wasser ist aber auch ein enormer Temperaturimpuls für die Atmosphäre, was sich im Abstand von einem bis zwei Jahren durch einen Anstieg der Temperaturkurven weltweit zeigt.

Die aus früheren Klimasimulationen abgeleiteten Befürchtungen, dass El Niño zum Normalfall werden und sich das Klima deshalb immer schneller aufheizen könnte, sind vom Tisch. Prof. Mojib Latif vom IFM-Geomar, dem Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel, gibt vorläufig Entwarnung: Neueste Modellrechnungen zeigen sowohl eine Zunahme als auch eine Abnahme von El-Niño-Ereignissen, so dass bei diesem Thema offenbar noch großer Forschungsbedarf besteht. Dagegen bestätigt Latif seine früheren Aussagen zum europäischen Winter: „Kalte Winter wird es trotz Erwärmung in Mitteleuropa auch in Zukunft noch geben, sie werden aber immer seltener.“

Insgesamt müssen wir uns aber zu allen Jahreszeiten auf immer neue Wärmerekorde einstellen. Gregor Wergen vom Institut für Theoretische Physik der Universität Köln konnte anhand von Messreihen Hunderter europäischer und amerikanischer Wetterstationen nachweisen, dass die Zahl der Hitzerekorde im vergangenen Jahrhundert signifikant gestiegen ist, die der Kälterekorde dagegen entsprechend abgenommen hat. Zwischen 1976 und 2005 gingen bereits 34 Prozent der Wärmerekorde auf das Konto des Klimawandels. Rund ein Drittel der Hitzerekorde wird demnach bereits durch den Menschen verursacht, während zwei Drittel noch natürliche Ursachen haben, also rein zufällig sind. In Zukunft werden Wärmerekorde jedoch zum Normalfall werden, „und ab einem bestimmten Zeitpunkt werden praktisch keine Kälterekorde mehr auftreten“, meint der Physiker Wergen.

Ein weiteres brennendes Thema unter Extremwetterforschern ist auch der dramatische Rückgang des arktischen Meereises. Nach Berechnungen von Prof. Lars Kaleschke (IFM, KlimaCampus, Hamburg) ist die rasante Eisschmelze in der Arktis durch natürliche Klimaschwankungen nicht mehr zu erklären. Im Januar 2010 war die Meereisfläche mit 11,6 Millionen Quadratkilometern so gering wie seit 2007 nicht mehr, dem Jahr mit dem bisherigen Januar-Rekordminimum. Im Vergleich zum vieljährigen Mittel (1979 bis 2000) fehlen der Arktis aktuell eine Million Quadratkilometer Eis. Darüber hinaus waren die vergangenen drei September die Monate mit der geringsten Eisfläche seit Beginn der Satellitenmessungen im Jahre 1972. Dies untermauert nach Ansicht von Prof. Kaleschke „den langfristigen Trend der Eisabnahme“, der derzeit bei durchschnittlich 11 Prozent (plus/minus 3 Prozent) pro Dekade liegt.

Überraschend Beruhigendes hat hingegen der Leiter des Sturmflutwarndienstes, Dr. Sylvin Müller-Navarra, vom Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) in Hamburg zu berichten. Wie aus kürzlich durchgeführten Auswertungen langer Pegelmessreihen rund um die Nordsee hervorgeht, hat sich – entgegen den Erwartungen – der Meeresspiegelanstieg an deutschen Küsten nicht beschleunigt. Seit 1900 liegt die Anstiegsrate konstant bei durchschnittlich 1,7 Millimetern pro Jahr. Allerdings wird dieser Trend seit den fünfziger Jahren durch eine unerklärliche Zunahme der Gezeitenunterschiede (Tidenhub) überlagert, gegenüber der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts um rund zehn Prozent. Entwarnung gab es auch zum Thema Sturm und Sturmfluten. Signifikant mehr oder intensivere Sturmtiefs und -fluten sind über die Nordsee und Norddeutschland noch nicht hereingebrochen und nach den meisten Klimaszenarien in den nächsten Jahrzehnten auch nicht zu befürchten.

Kontrovers diskutiert wird der Einfluss der natürlichen Strahlungsschwankungen der Sonne auf das Klima. So weist der Klimaskeptiker und Diplom-Meteorologe Klaus Knüpffer auf die von Klimawissenschaftlern angeblich unterschätzte Wirkung der jahrzehnte- und jahrhundertelangen Strahlungszyklen der Sonne auf die Temperaturen hin. Zudem stellt er die Glaubwürdigkeit und fachliche Kompetenz des Weltklimarates sowie dessen Aussagen im letzten Sachstandsbericht zum Klimawandel (IPCC-2007) massiv infrage. Mit dieser Einschätzung steht Knüpffer unter den Wetterforschern indes eher als Außenseiter da.

Das Fazit der Wissenschaftler beim Extremwetterkongress: In Verbindung mit dem Wärmeimpuls durch den El Niño und der weiter ungebremsten Zunahme der Treibhausgase wird die Fieberkurve der Erde wohl auch in den nächsten Jahren weiter steigen.

Stichwort Extremwetter:

Der Extremwetterkongress fand in diesem Jahr das fünfte Mal in Folge statt, dieses Jahr zum zweiten Mal im „Klimahaus“ im Bremerhaven. Ziel des Kongresses ist es, den Stand der Wissenschaft zum Thema „Extremwetter im Klimawandel“ zu bündeln und in neuen Studien, auch dem interessierten Laien, vorzustellen. Gleichzeitig soll der Extremwetterkongress eine Brücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit sein. Veranstalter ist das Institut für Wetter- und Klimakommunikation GmbH in Hamburg. In über 65 Vorträgen gewährten führende europäische Klimawissenschaftler, Praktiker aus Natur- und Umweltschutz, Vertreter aus der Versicherungswirtschaft und der Fernerkundung, aber auch Wettermedien vertiefte Einblicke ins „Treibhaus Erde“.

Extreme Wetterphänomene wird es künftig immer häufiger geben, befürchten Experten – so wie Ende Februar auf Madeira, als ein Unwetter mit schwerer Brandung die Insel heimsuchte.

So sieht der März an der südfranzösischen Mittelmeerküste aus – zumindest im Jahr 2010: Der ungewöhnlich harte Winter lässt Anfang März die Palmen an der Strandpromenade von Saint Cyprien im Schnee versinken.

Ungewöhnlich kalt und schneereich war der Winter 2010 in Mitteleuropa. Ist der Klimawandel also ad acta gelegt? Im Gegenteil: Ein differenziertes Bild vom Klimawandel haben die Experten beim fünften Extremwetterkongress in Bremerhaven gezeichnet. Und der Blick durch die globale Brille lässt Schlimmes befürchten: Weltweit war der Januar der drittwärmste seit 1881, das Jahr 2009 sogar das zweitwärmste in diesem Zeitraum. Und während kalte Winter immer seltener werden, müssen wir uns auf immer extremeres Wetter einstellen.




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